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Ein Appell an das Gewissen
Ausstellung in Murr erinnert an die Verfolgung der Zeugen
Jehovas im Dritten Reich
Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wollte die SS ein Exempel statuieren,
um den Widerstand der Zeugen Jehovas zu brechen: Am Abend des 15. September
1939 wurde August Dickmann auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers
Sachsenhausen gefesselt vorgeführt. Über Lautsprecher gab der
Lagerkommandant den Erschießungsbefehl. Der 29jährige
Kriegsdienstverweigerer brach zusammen. Einer von etwa 2000 Zeugen Jehovas,
die unter dem Naziterror ums Leben kamen. Eine Ausstellung im Foyer des
Bürger- und Rathauses von Murr an der Murr erinnert an die leidvolle
Geschichte dieser religiösen Minderheit.
Seit Mittwoch, 12. Januar, bis Sonntag, 16. Januar ist die Dokumentation
unter dem Titel "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem
NS-Regime" zu sehen. Auf 50 Schautafeln belegt das historische Bild- und
Textmaterial sowohl die kompromisslose Konsequenz, mit der sich die Zeugen
Jehovas dem nationalsozialistischen System verweigerten als auch die
menschenverachtende Brutalität, mit der die Hitlerdiktatur gegen diese
unbeugsamen Christen vorging. Die Wanderausstellung, die bereits in über 400
deutschen Städten gezeigt wurde, vermittelt laut Robert Deotto, "welche
Kraft aus dem christlichen Glauben entspringen kann". Für den regionalen
Repräsentanten der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas (ÖJZ) ist die
Beschäftigung mit dieser Form des geistigen Widerstandes auch ein Appell an
das Gewissen. Denn die Dokumentation erinnere an Menschen, "die uns Mut
machen, für ethische Grundsätze einzutreten".
Als die Nazis an die Macht kamen, verkündigten in Deutschland rund 25 000
Zeugen Jehovas ihre Botschaft vom Königreich Gottes. Von Anfang an
verweigerten sie geschlossen den Hitler-Gruß. Auch waren sie "die
einzige Gruppe, die in ihrer Gesamtheit die Kriegsdienstverweigerung
propagierte und praktizierte", stellt Detlef Garbe fest. Weshalb auch
"keine andere Gruppe, mit Ausnahme der Juden, so stark unter dem
Nationalsozialismus leiden musste", betont der Leiter der KZ
Gedenkstätte Neuengamme.
Nach Schätzungen der Historiker wurden zwischen 1933 und 1945 fast 10 000
Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft unmittelbar Opfer des
Nationalsozialismus. Rund 6000 waren in Gefängnissen und Konzentrationslagern
inhaftiert, wo sie als einzige religiöse Gruppe mit einem lila Winkel
stigmatisiert wurden.
Auch in der näheren Umgebung von Murr wurden Zeugen Jehovas verfolgt. So
musste Gertrud Wulle aus
Asperg bei Ludwigsburg in der Frauenhaftanstalt von Gotteszell zwei Jahre in
Einzelhaft ausharren, weil sie als Kurier im Untergrund den Wachtturm
verbreitete. Die inhaftierten Frauen mussten "von morgens bis abends
arbeiten und durften mit niemandem sprechen", erinnert sich die
86-Jährige. Und nach ihrer Entlassung bekam Gertrud Wulle keine Anstellung,
weil sie nicht in die Arbeitsfront eintrat.
Die Ausstellung dokumentiert auch den Kampf von Inge
Jakubowski aus Mundelsheim, die als Schülerin den Hitlergruß
verweigerte. Ihr Vater wurde
wegen Fahnenflucht hingerichtet. Der Mutter wurde das Sorgerecht entzogen,
weshalb Inge Jakubowski als zehnjähriges Mädchen in fremde Haushalte
verschleppt wurde. In diesen Familien, zumeist linientreue Nazis, wurde sie
schlecht behandelt. "1944 erkrankte ich an Unterernährung",
erinnert sich Inge Jakubowski.
Als Ergänzung zu dieser Ausstellung wurde am Mittwochabend eine
Videodokumentation gezeigt, in der Wissenschaftler und Zeitzeugen zum
Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime Stellung nahmen.
Darunter auch Joseph Rehwald,
der im Konzentrationslager Sachsenhausen schwersten Misshandlungen ausgesetzt
war und dort die Erschießung von August Dickmann mit ansehen musste.
Die Ausstellung ist täglich von Mittwoch bis Freitag zwischen 9 und 19
Uhr, am Samstag von 9 bis 22 Uhr und am Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr
geöffnet. Führungen und Videovorführungen, auch für Schulklassen und
Gruppen - Anmeldung unter Tel. 01796954262 oder 07144 29815; Eintritt frei. (weitere
Informationen ....)
Siehe auch:
Standhaft.org/Murr
weiterführende Informationen zu der im Artikel beschriebenen
Veranstaltung
Gertrud Wulle
Lebenslauf
Inge
Jakubowski
Lebenslauf
Ernst Wilhelm
Zehender
Vater von Inge Jakubowski
Josef Rehwald
Lebenslauf
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