Quelle: Steinheimer Nachrichten, Donnerstag, den 13.Januar 2000  

Ein Appell an das Gewissen
Ausstellung in Murr erinnert an die Verfolgung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich 

Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wollte die SS ein Exempel statuieren, um den Widerstand der Zeugen Jehovas zu brechen: Am Abend des 15. September 1939 wurde August Dickmann auf dem Appellplatz des Konzentrationslagers Sachsenhausen gefesselt vorgeführt. Über Lautsprecher gab der Lagerkommandant den Erschießungsbefehl. Der 29jährige Kriegsdienstverweigerer brach zusammen. Einer von etwa 2000 Zeugen Jehovas, die unter dem Naziterror ums Leben kamen. Eine Ausstellung im Foyer des Bürger- und Rathauses von Murr an der Murr erinnert an die leidvolle Geschichte dieser religiösen Minderheit.

Seit Mittwoch, 12. Januar, bis Sonntag, 16. Januar ist die Dokumentation unter dem Titel "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" zu sehen. Auf 50 Schautafeln belegt das historische Bild- und Textmaterial sowohl die kompromisslose Konsequenz, mit der sich die Zeugen Jehovas dem nationalsozialistischen System verweigerten als auch die menschenverachtende Brutalität, mit der die Hitlerdiktatur gegen diese unbeugsamen Christen vorging. Die Wanderausstellung, die bereits in über 400 deutschen Städten gezeigt wurde, vermittelt laut Robert Deotto, "welche Kraft aus dem christlichen Glauben entspringen kann". Für den regionalen Repräsentanten der Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas (ÖJZ) ist die Beschäftigung mit dieser Form des geistigen Widerstandes auch ein Appell an das Gewissen. Denn die Dokumentation erinnere an Menschen, "die uns Mut machen, für ethische Grundsätze einzutreten". 

Als die Nazis an die Macht kamen, verkündigten in Deutschland rund 25 000 Zeugen Jehovas ihre Botschaft vom Königreich Gottes. Von Anfang an verweigerten sie geschlossen den Hitler-Gruß. Auch waren sie "die einzige Gruppe, die in ihrer Gesamtheit die Kriegsdienstverweigerung propagierte und praktizierte", stellt Detlef Garbe fest. Weshalb auch "keine andere Gruppe, mit Ausnahme der Juden, so stark unter dem Nationalsozialismus leiden musste", betont der Leiter der KZ Gedenkstätte Neuengamme.

Nach Schätzungen der Historiker wurden zwischen 1933 und 1945 fast 10 000 Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft unmittelbar Opfer des Nationalsozialismus. Rund 6000 waren in Gefängnissen und Konzentrationslagern inhaftiert, wo sie als einzige religiöse Gruppe mit einem lila Winkel stigmatisiert wurden.

Auch in der näheren Umgebung von Murr wurden Zeugen Jehovas verfolgt. So musste Gertrud Wulle aus Asperg bei Ludwigsburg in der Frauenhaftanstalt von Gotteszell zwei Jahre in Einzelhaft ausharren, weil sie als Kurier im Untergrund den Wachtturm verbreitete. Die inhaftierten Frauen mussten "von morgens bis abends arbeiten und durften mit niemandem sprechen", erinnert sich die 86-Jährige. Und nach ihrer Entlassung bekam Gertrud Wulle keine Anstellung, weil sie nicht in die Arbeitsfront eintrat.

Die Ausstellung dokumentiert auch den Kampf von Inge Jakubowski aus Mundelsheim, die als Schülerin den Hitlergruß verweigerte. Ihr Vater wurde wegen Fahnenflucht hingerichtet. Der Mutter wurde das Sorgerecht entzogen, weshalb Inge Jakubowski als zehnjähriges Mädchen in fremde Haushalte verschleppt wurde. In diesen Familien, zumeist linientreue Nazis, wurde sie schlecht behandelt. "1944 erkrankte ich an Unterernährung", erinnert sich Inge Jakubowski.

Als Ergänzung zu dieser Ausstellung wurde am Mittwochabend eine Videodokumentation gezeigt, in der Wissenschaftler und Zeitzeugen zum Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime Stellung nahmen.

Darunter auch Joseph Rehwald, der im Konzentrationslager Sachsenhausen schwersten Misshandlungen ausgesetzt war und dort die Erschießung von August Dickmann mit ansehen musste.

Die Ausstellung ist täglich von Mittwoch bis Freitag zwischen 9 und 19 Uhr, am Samstag von 9 bis 22 Uhr und am Sonntag zwischen 10 und 16 Uhr geöffnet. Führungen und Videovorführungen, auch für Schulklassen und Gruppen - Anmeldung unter Tel. 01796954262 oder 07144 29815; Eintritt frei. (weitere Informationen ....)

Siehe auch:

Standhaft.org/Murr
weiterführende Informationen zu der im Artikel beschriebenen Veranstaltung

Gertrud Wulle
Lebenslauf

Inge Jakubowski
Lebenslauf

Ernst Wilhelm Zehender
Vater von Inge Jakubowski

Josef Rehwald
Lebenslauf

 

 

 

 

 

 

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