Quelle: Süddeutsche Zeitung, 15. Oktober 1998

Projekt von Katrin Seyold hat heute Premiere
Ein Dokument des Widerstandes
Der Film lässt Münchner Zeitzeugen sprechen, 
die sich den Nazis nicht beugen wollten
- von Michael Grill -

Dieser Film sollte zum Lehrstoff an allen Münchner Schulen werden: "Nein!" heiß er und zeigt doch eine knappe Stunde lang ein klares, lautes "Ja". Und zwar für Menschlichkeit, Bürgersinn und Demokratie. Der Dokumentarfilm der Münchner Filmemacherin Katrin Seybold ist ein einzigartiges Zeugnis des Widerstandes gegen das Hitlerregime in der "Hauptstadt der Bewegung" zwischen 1933 und 1945. Dass er nun tatsächlich fertig geworden ist und heute Abend zum erstenmal öffentlich gezeigt werden kann, ist fast ein kleines Wunder.

Am Anfang stand die Initiative des damaligen SPD-Stadtrats Wolfgang Czisch, der vor gut drei Jahren dafür sorgte, dass, überhaupt einmal darüber nachgedacht wurde, wie die Erinnerungen der Zeitzeugen des Widerstandes gegen die Nazis in München dokumentiert werden können. Es war allerhöchste Zeit, da schon damals nur noch sehr wenige Zeitzeugen am Leben waren. Nach einem Gerangel bewilligte der Stadtrat 150 000 Mark Zuschuss für die Filmerin Seybold, die sich mit ähnlichen Projekten bereits einen international bekannten Namen gemacht hatte.

Auch danach gab es einige Querschüsse und Verzögerungen, die nun, wo der Film fertig ist, nicht nochaufgerührt werden müssen - nur so viel: Der Film ist entstanden, obwohl es im Kulturreferat eine Abteilung für Filmförderung gibt, die in diesem Fall aber eher eine Abteilung für Filmverhinderung gewesen ist.

Doch zur Sache selbst: "Nein!" fächert zunächst das Spektrum des Münchner Widerstandes auf. Der Film zeigt, wo sich noch Menschlichkeit gegen die Nazis regte: Bei den Kommunisten, den Sozialdemokraten, den Jugendgruppen, den Studenten, bei den Christen, den Bibelforschern, natürlich bei den Juden. Er lässt die Leute erzählen, vom Terror der Gestapo, der Arbeit im Untergrund, von Verhaftungen und Morden. Viele scheinbar kleinen Dinge sind es auch, die manche Nachgeborenen in Erstaunen versetzen mögen. Dass man Flugblätter im Fahrradrahmen versteckte. Wie gefährlich es allein schon gewesen sein konnte, eine Fahrkarte für den Zug zu besorgen. Und wie selbstverständlich es offenbar für diese mutigen Leute gewesen ist, sicht nicht zu ducken, nicht den Nazis nachzugeben, sondern unter permanenter Lebensgefahr dagegen zu arbeiten. Von einem Verwandtem des Hitlers-Attentäters Georg Elser bis hin zur Nonne aus Preising - die Menschen erzählen, und sie scheinen sehr froh zu sein, das in diesem Film tun zu dürfen.

Der Dokumentarfilm "Nein! Zeugen des Widerstandes in München 1933-1945" hat heute Abend von 20 Uhr an im Arri-Kino an der Türkenstraße Premiere. Nach der Begrüßung durch die Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau, Barbara Distel, gibt es eine Ansprache von Inge Jens, außerdem liest Jörg Huber Briefe vom Widerstandskämpfern. Der Film läuft auch am 8. November um 11 Uhr und am 29. November um 21 Uhr im Filmmuseum. Auf VHS-Kassette verliehen oder verkauft wird der Film von Seybold-Film (Telephon 34 86 19).

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