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Opfer-Randgruppe
Die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus
Hans Hesse (Herausgeber): "Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen
Jehovas", Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im
Nationalsozialismus. Edition Temmen, Bremen 1998, 448 Seiten, 120 Fotos und
Dokumente, 48,- Mark.
Die
Zeugen Jehovas, die als KZ-Häftlinge einen lila Winkel an der Kleidung tragen
mussten, waren die Einzigen, die "das Ende ihrer Haft mit Bestimmtheit
durch eigenes Handeln" hätten herbeiführen können, wie Hans Marsálek
1995 in seiner Dokumentation über Mauthausen schrieb. Es genügte, ein Revers
zu unterschreiben, in dem sie ihrem Glauben abschworen. Auch der
neunundzwanzigjährige August
Dickmann, der 1937 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert worden war, hatte die
Wahl. Zwei Jahre später legte man ihm den Wehrpass vor: eine zweite
"Chance". Vor den Augen der angetretenen Häftlinge wurde Dickmann
am 15. September 1939
erschossen.
Viele
ähnliche Schicksale beschreibt der jetzt von Hans Hesse herausgegebene
Sammelband über Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im
Nationalsozialismus. Bereits weil sie den Hitlergruß nicht erwiderten,
gerieten sie in die Mühlen der Gestapo. Sie verweigerten den Eid auf
"Führer und Staat", den Wehr- und Arbeitsdienst. Ihr Glauben
verpflichtete sie zur Missionierung. Doch die Gespräche an der Haustür und
das Verteilen ihrer Erbauungsliteratur galt seit dem 1933 erlassenen Verbot
der Bibelforscherverinigung als staatsfeindliche Untergrundarbeit. Zehntausend
der 25 000 Anhänger der Glaubensgemeinschaft wurden für kurze oder
längere Zeit eingesperrt, 1200 kamen in den Konzentrationslagern um.
Als
sich die Historiker endlich ihrer Geschichte zuwandten, stießen sie bei der
Wachtturm-Gesellschaft, der Organisation der Bibelforscher, auf unzugängliche
Archive. Erst als die Watch Tower Society 1996 mit der Videodokumentation
"Standhaft trotz Verfolgung" an die Öffentlichkeit ging, wurde auf
Ausstellungen und Tagungen das Schicksal der Zeugen Jehovas im "Dritten
Reich" umfassend thematisiert. Die meisten der im ersten Teil des
Sammelbandes veröffentlichten 16 Beiträge entstanden als Referate in dieser
Zeit. Doch wurden für das Buch weitere Forschungen in Auftrag gegeben,
unterem auch zur Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR. 1950 war ihre
Organisation dort wieder verboten worden. Mindestens fünfzig von fünftausend
zeitweilig Festgenommenen, die als "Spione" einer
"aufbaufeindlichen Sekte" galten, starben in Ulbrichts
Gefängnissen. Alle waren bereits unter Hitler eingesperrt gewesen.
So
informativ der erste Teil des Bandes ist, so interessant ist die im zweiten
Teil dokumentierte Kontroverse um die Geschichtsschreibung, wie sie der von
der Wachtturm-Gesellschaft produzierte Film auslöste. Umstritten war
besonders der Berliner Kongress vom Juni 1933, auf dem die versammelten 5000
Zeugen Jehovas einen Brief an Hitler sowie eine Resolution verabschiedet
hatten, in der es hieß: Anstatt dass unsere Schriften und unsere Tätigkeit
die Grundsätze der nationalen Regierung gefährden, werden in ihnen diese
hohen Ideale sehr unterstützt." Das Wirken der "Handelsjuden des
Britisch-Amerikanischen Weltreiches" und die gegen Deutschland gerichtete
Greuelpropaganda" amerikanischer "Geschäftsjuden" hatten
sie öffentlich beklagt. Johannes Wrobel, Mitarbeiter der Wachtturm
Gesellschaft, versucht in seiner Textanalyse zu erklären, dass die Verwendung
dieser Begriffe weder "ein Anzeichen für Antisemitismus" war, noch
sei damit "dem NS-Sprachgebrauch Rechnung getragen worden". Dietrich
Hellmund sieht in ihr einen Kompromissversuch "mit dem Ziel, Koexistenz
zu ermöglichen. SIEGFRIED STADLER
Siehe auch:
60. Jahrestag
einer Hinrichtung
Informationen zu dem 60. Jahrestag der Erschießung von
August Dickmann
"Am mutigsten waren immer
wieder die Zeugen Jehovas" - Hans Hesse (Hrsg.)
Buchbeschreibung
Hitlergruß standhaft
verweigert
Weser Kurier 9.3.99 - Bericht über den Dokumentationsband
von Hans Hesse "Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas"
Rezension in Die Zeit, Nr. 33, 12. August
1999 »Am mutigsten waren immer
wieder die Zeugen Jehovas«
Montag, 15. November 1999, Göttingen Verweigerung
noch im KZ
Harz Kurier, Mittwoch, 17. November 1999
Rezension
bei amazon.de
Rezension
bei H-SOZ-U-KULT
www.Hans-Hesse.de
persönliche Homepage des Historikers Hans Hesse. Neben seinen
Aufsätze und Vorträgen sind Informationen zu folgenden Themen zu finden:
Konzentrationslager Moringen, Jehovas Zeugen unter dem NS Regime, Sinti und
Roma ...
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