Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, Dienstag, 26. Oktober 1999

Opfer-Randgruppe
Die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus


Hans Hesse (Herausgeber): "Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas", Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Edition Temmen, Bremen 1998, 448 Seiten, 120 Fotos und Dokumente, 48,- Mark.

Die Zeugen Jehovas, die als KZ-Häftlinge einen lila Winkel an der Kleidung tragen mussten, waren die Einzigen, die "das Ende ihrer Haft mit Bestimmtheit durch eigenes Handeln" hätten herbeiführen können, wie Hans Marsálek 1995 in seiner Dokumentation über Mauthausen schrieb. Es genügte, ein Revers zu unterschreiben, in dem sie ihrem Glauben abschworen. Auch der neunundzwanzigjährige August Dickmann, der 1937 ins KZ Sachsenhausen eingeliefert worden war, hatte die Wahl. Zwei Jahre später legte man ihm den Wehrpass vor: eine zweite "Chance". Vor den Augen der angetretenen Häftlinge wurde Dickmann am 15. September 1939 erschossen.

Viele ähnliche Schicksale beschreibt der jetzt von Hans Hesse herausgegebene Sammelband über Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus. Bereits weil sie den Hitlergruß nicht erwiderten, gerieten sie in die Mühlen der Gestapo. Sie verweigerten den Eid auf "Führer und Staat", den Wehr- und Arbeitsdienst. Ihr Glauben verpflichtete sie zur Missionierung. Doch die Gespräche an der Haustür und das Verteilen ihrer Erbauungsliteratur galt seit dem 1933 erlassenen Verbot der Bibelforscherverinigung als staatsfeindliche Untergrundarbeit. Zehntausend der 25 000 Anhänger der Glaubensgemeinschaft wurden für kurze oder längere Zeit eingesperrt, 1200 kamen in den Konzentrationslagern um.

Als sich die Historiker endlich ihrer Geschichte zuwandten, stießen sie bei der Wachtturm-Gesellschaft, der Organisation der Bibelforscher, auf unzugängliche Archive. Erst als die Watch Tower Society 1996 mit der Videodokumentation "Standhaft trotz Verfolgung" an die Öffentlichkeit ging, wurde auf Ausstellungen und Tagungen das Schicksal der Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" umfassend thematisiert. Die meisten der im ersten Teil des Sammelbandes veröffentlichten 16 Beiträge entstanden als Referate in dieser Zeit. Doch wurden für das Buch weitere Forschungen in Auftrag gegeben, unterem auch zur Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR. 1950 war ihre Organisation dort wieder verboten worden. Mindestens fünfzig von fünftausend zeitweilig Festgenommenen, die als "Spione" einer "aufbaufeindlichen Sekte" galten, starben in Ulbrichts Gefängnissen. Alle waren bereits unter Hitler eingesperrt gewesen.

So informativ der erste Teil des Bandes ist, so interessant ist die im zweiten Teil dokumentierte Kontroverse um die Geschichtsschreibung, wie sie der von der Wachtturm-Gesellschaft produzierte Film auslöste. Umstritten war besonders der Berliner Kongress vom Juni 1933, auf dem die versammelten 5000 Zeugen Jehovas einen Brief an Hitler sowie eine Resolution verabschiedet hatten, in der es hieß: Anstatt dass unsere Schriften und unsere Tätigkeit die Grundsätze der nationalen Regierung gefährden, werden in ihnen diese hohen Ideale sehr unterstützt." Das Wirken der "Handelsjuden des Britisch-Amerikanischen Weltreiches" und die gegen Deutschland gerichtete Greuelpropaganda" amerikanischer "Geschäftsjuden"  hatten sie öffentlich beklagt. Johannes Wrobel, Mitarbeiter der Wachtturm Gesellschaft, versucht in seiner Textanalyse zu erklären, dass die Verwendung dieser Begriffe weder "ein Anzeichen für Antisemitismus" war, noch sei damit "dem NS-Sprachgebrauch Rechnung getragen worden". Dietrich Hellmund sieht in ihr einen Kompromissversuch "mit dem Ziel, Koexistenz zu ermöglichen. SIEGFRIED STADLER

Siehe auch:

60. Jahrestag einer Hinrichtung
Informationen zu dem 60. Jahrestag der Erschießung von August Dickmann

"Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas" - Hans Hesse (Hrsg.)
Buchbeschreibung

Hitlergruß standhaft verweigert
Weser Kurier 9.3.99 - Bericht über den Dokumentationsband 
von Hans Hesse "Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas"

Rezension in Die Zeit, Nr. 33, 12. August 1999

»Am mutigsten waren immer wieder die Zeugen Jehovas«
Montag, 15. November 1999, Göttingen

Verweigerung noch im KZ
Harz Kurier, Mittwoch, 17. November 1999

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Rezension bei H-SOZ-U-KULT

www.Hans-Hesse.de
persönliche Homepage des Historikers Hans Hesse. Neben seinen Aufsätze und Vorträgen sind Informationen zu folgenden Themen zu finden: Konzentrationslager Moringen, Jehovas Zeugen unter dem NS Regime, Sinti und Roma ...

 

 
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