| Berichte und Studien Nr. 24 Zeugen Jehovas in der DDR Verfolgung und Verhalten einer religiösen Minderheit - Gerald Hacke Mit den Zeugen Jehovas begegnet dem Zeitgenossen eine eigentümliche Gruppierung innerhalb der christlichen Denominationen. Durch ihre Missionsbemühungen auf öffentlichen Plätzen bzw. vor den Haustüren sind sie fast jedem bekannt; indes wissen allein Fachleute Näheres über ihre Glaubensinhalte. Die Spannung zwischen dem Bekanntheitsgrad dieser Religionsgemeinschaft und den Kenntnissen über sie wird durch eine weitgehende Abstinenz der Gläubigen vom gesellschaftlichen Leben weiter verstärkt. Das Abschotten ist einerseits Folge eines radikal ausgelegten Glaubensdualismus bei dem Gläubigen, der nur zwischen dem Reich Gottes und seiner irdischen Organisation, den Zeugen Jehovas, und der übrigen, dem Satan verfallenen Welt unterscheidet; andererseits ist dies aber ebenso Folge der Abneigung, die in vielen Schichten der Gesellschaft dieser Glaubenspraxis und ihren Wirkungen entgegengebracht wird. Das gegenseitige Desinteresse erklärt zum Teil, warum der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt ist, dass die Zeugen Jehovas eine der wenigen gesellschaftlichen Gruppen waren, die fast durchgängig von beiden Diktaturen auf deutschem Boden verfolgt wurden. ... ... In dieser Arbeit sollen grundlegende Fragen des Verhaltens der DDR-Behörden zu religiösen Gruppen beantwortet werden: Zunächst gilt es zu klären, wie das Verhältnis zwischen Kirchen und Religionsgemeinschaften auf der einen und der SED auf der anderen Seite mit Beginn des Kalten Krieges 1947/48 eskalierte. Weiterhin interessiert, welche Phasen repressiven Verhaltens sich anhand der Verfolgung der Zeugen Jehovas feststellen lassen. In diesem Zusammenhang können auch die repressiven Instrumentarien der Staatssicherheit und der Justiz der DDR erarbeitet werden. Da die Zeugen Jehovas innerhalb der offenen und verdeckten Verfolgungsmaßnahmen keine passive Rolle spielten, sondern sich aktiv zur Wehr setzten, soll am Ende die Frage nach einer möglichen Einordnung des Verhaltens dieser Gemeinschaft in den Komplex „Widerstand“ und „widerständiges Verhalten“ erörtert werden. Das Untersuchungsgebiet beschränkt sich auf das Territorium des
heutigen Freistaates Sachsen, waren es doch vor allem die Bezirke Dresden und
Karl-Marx-Stadt, in denen sich die Zeugen Jehovas in der DDR konzentrierten.
Dennoch darf der „Blick über den sächsischen Tellerrand“ nicht vergessen
werden, um bestimmte Entwicklungen in der DDR bzw. innerhalb der
Religionsgemeinschaft zu erklären. Die stark zentralistische
Organisationsstruktur der Zeugen Jehovas macht dies unabdingbar: Inhaltliche
oder organisatorische Veränderungen, die von der Zentrale in Brooklyn (USA)
oder dem deutschen Zweigbüro in Wiesbaden bzw. Selters ausgingen, hatten
zwangsläufig gravierende Auswirkungen auch auf das Verhalten der sächsischen
Gläubigen. Wie das Beispiel Polen zeigen wird, führten auch veränderte
Rahmenbedingungen in anderen Ländern des sowjetischen Machtbereiches zu
erheblichen Folgen für die Stellung der Zeugen Jehovas in der DDR. ...
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Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung e. V., Technische Universität Dresden ISBN 3-931648-26-5 126 Seiten |
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