Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Zuvor veröffentlicht in: Kirchliche Zeitgeschichte (Vandenhoeck & Ruprecht), Internationale Halbjahreszeitschrift für Theologie und Geschichtswissenschaft, Themenschwerpunkt: Religionen und Konfessionen in den Gesellschaften Europas, Heft 1/1999, Göttingen 1999, S. 225-239


Operativer Vorgang "Winter"

"Zersetzungsmaßnahmen" des Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Leiter des deutschen Zweiges der Zeugen Jehovas, Erich Frost, verbunden mit einem Missbrauch westdeutscher Medien

Waldemar Hirch


Nicht nur in der DDR waren Zeugen Jehovas den Verfolgungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit ausgesetzt. Auch in Westdeutschland waren sie vor den Nachstellungen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) nicht sicher. Die folgende Abhandlung über einen Mann, der das Nachkriegswerk der Zeugen Jehovas in Deutschland wesentlich mitbestimmte, soll das verdeutlichen. Es handelt sich um Erich Frost, Leiter des deutschen Zweiges der Zeugen Jehovas von 1945 bis 1955 und verantwortlicher Redakteur für die deutschen Zeitschriften der Religionsgemeinschaft bis zum Jahr 1964.
Beginnen wir mit einem kurzen Lebensüberblick.
Erich Frost wurde am 22. Dezember 1900 in Leipzig geboren. Frost studierte an der Musikhochschule Leipzig Klavier und Komposition und war bis zum Jahr 1928 als Konzertpianist, Kapellmeister und Musikschriftsteller tätig (1). Im Jahr 1923 schloss er sich den Bibelforschern, wie Zeugen Jehovas bis zum Jahr 1931 genannt wurden, an und begann schon im Jahr darauf im Literaturdepot der Wachtturm-Gesellschaft (WTG) in Leipzig mitzuarbeiten (2). Ab 1928 setzte er sich nur noch für seine religiöse Überzeugung ein und arbeitete als ein reisender Beauftragter der Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland. In den Jahren 1934 und 1935 war er wegen seiner illegalen Tätigkeit als Zeuge Jehovas von der Gestapo verhaftet und eingesperrt worden. 1934 wurde er nach 10 Tagen Haft wieder in Freiheit entlassen und setzte sich in die Tschechoslowakei ab. Im Mai 1935 kam er wieder nach Deutschland zurück und betätigte sich für seine religiöse Überzeugung im Untergrund. Doch schon am 13. Juni 1935 wurde er erneut von der Gestapo verhaftet und verbrachte, wie er in seinem Lebensbericht vom 1. Juli 1961 schrieb, die schlimmsten fünf Monate seines Lebens in Gestapo-Untersuchungshaft in Braunschweig. Er beschrieb diese Tortur damit, dass er unter "Kolbenstößen und Fußtritten, stets in Einzelhaft, täglich grausam schikaniert und gedemütigt" wurde und dass er an seinem Leib erfuhr, "dass Menschen zu Bestien werden können" (3). Nach fünf Monaten Haft wurde er entlassen und arbeitete sogleich wieder im Untergrund. Im September 1936, nach einer in Deutschland erfolgten Verhaftungswelle, bei der der damalige Reichsleiter der Zeugen Jehovas, Fritz Winkler, sowie einige Bezirksdienstleiter verhaftet worden waren, wurde er vom damaligen Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, J. F. Rutherford, damit beauftragt, das Werk in Deutschland wieder zu organisieren. Seine erneute Inhaftierung erfolgte am 21. März 1937 in Berlin. Die über ihn verhängte Strafe von drei Jahren und drei Monaten verbüßte er in einem Arbeitslager des Emslandmoores. Nach Verbüßung der Strafhaft wurde er nicht auf freien Fuß gesetzt, sondern zunächst für etwa drei Monate in Berlin in Schutzhaft genommen. Anschließend, im Februar 1941, überführte man Frost in das Konzentrationslager Sachsenhausen.
Nach seiner Befreiung am Ende des Krieges wurde ihm erneut die Leitung für Deutschland übertragen.

Operativer Vorgang "Winter"

Am 1. September 1956 wurde vom Staatssekretariat für Staatssicherheit (StfS) (4) im "Betr. Die Sekte der 'Zeugen Jehova' in Westdeutschland und ihre illegale Tätigkeit im Gebiete der DDR" über Frost folgendes geschrieben:

"Die Zentrale wurde bis 1955 von dem sogenannten Zweigdiener FROST, Erich geleitet. FROST selbst ist gebürtiger Leipziger und hat sich vor dem Verbot nach Westdeutschland abgesetzt. Er ist ein großer Gegner der DDR und trat auch bei den sogenannten Kongressen der 'ZJ' als Hetzer gegen das sozialistische Lager auf. [...] FROST war während der Nazizeit ebenfalls Leiter der Sekte und nach seiner Verhaftung durch die Gestapo machte er dieser umfangreichen Angaben über den Aufbau, Zusammensetzung der Sekte und Mitglieder. Dieses Gestapo Material ist in unserem Besitz. Dieser kompromittierende Material soll operativ ausgenützt werden. Ein inoffizieller Mitarbeiter nahm in unserem Auftrag Verbindung mit FROST auf, um ihn im günstigen Moment anzuwerben." (5) (Der letzte Satz wurde wieder durchgestrichen, ist aber noch gut lesbar; d. A.)

Hier wird von den sehr interessanten Sachverhalt berichtet, Frost als inoffiziellen Mitarbeiter (IM) für den DDR-Geheimdienst anzuwerben zu wollen. Das MfS wollte den "Hetzer gegen die DDR" unbedingt unschädlich machen (6). Man arbeitete einen ausführlichen Plan dafür aus und legte einen "Operativen Vorgang" für Frost an. Der Deckname des Vorgangs war sinnigerweise "Winter" (7). Trotz des Leidensweges dieses Mannes, der mehr als acht Jahre seines Lebens wegen seines Glaubens in Nazi-Haft verbrachte, wurde in der vom MfS erstellten Charakteristik Frosts nichts Gutes an seiner Person gelassen (8). Die Charakteristik war voller Unterstellungen, die nicht bewiesen wurden. In "unfairer Art und Weise" habe Frost andere leitende Zeugen Jehovas ausgeschaltet. Er sei schuld an der Gründung der Bibellehrervereinigung. Die "Allgemeine Bibellehrervereinigung" (ABL) war eine Abspaltung der Zeugen Jehovas aus dem Jahre 1945, die sich zur Aufgabe gesetzt hatte, einerseits die Bibel zu verbreiten und herzustellen, andererseits Zeugen Jehovas für ihre Glaubenslehre zu gewinnen und die Lehre der Zeugen Jehovas "als Irrlehre anzuprangern" (9). Das passte dem MfS natürlich gut ins Konzept. So heißt es in der Charakteristik unter anderem:

"1946 ging er nach Magdeburg und verstand es BALZEREIT wiederum das zweite Mal und alle mit ihm zusammenarbeitenden Brüder auszuschalten." (10)

Das entsprach nicht den Tatsachen, denn Paul Balzereit, der Leiter des Werkes in Deutschland bis 1935, hatte schon im Dezember 1945 zusammen mit anderen die Bibellehrervereinigung beim Amtsgericht Magdeburg registrieren lassen (11). Balzereit war im Jahre 1936 aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas ausgeschlossen worden (12). Schon 1934 war es zu Unstimmigkeiten mit anderen Zeugen Jehovas in Deutschland gekommen, da Balzereit nach der offiziellen Wiederaufnahme des Predigtdienstes im September 1934, nicht ganz dahinterstand, sondern immer noch versuchte, durch einen Kompromiss- und Verhandlungskurs das Verbot gegen die Zeugen Jehovas rückgängig zu machen. Nach seinem Ausschluss hatte er weitere Kompromisse in seinem Glauben geschlossen. Im Krieg war er in der Wehrmacht tätig gewesen und wäre für eine solche Leitungsposition bei den Zeugen Jehovas nicht mehr in Frage gekommen.
Das MfS sah in Frost ganz offensichtlich nur einen ideologischen Gegner, der bei "allen sog. Kreisversammlungen als Hetzredner gegenüber der DDR und Sowjetunion auftritt" (13) und den es auszuschalten galt. Da die HA V/4/C des MfS bei Durchsicht der in ihrem Besitz befindlichen Gestapo-Akten auch auf Akten von Frost aus dem Jahr 1937 gestoßen war, wollte man ihn auf diese Weise erpressen, als IM für die MfS zu arbeiten. Wie wenig die MfS-Schergen zu dieser Zeit wirklich die Hintergründe der Aussagen Frosts und auch Frost selbst kannten und auch, wie wenig die Frost-Akten vom April 1937 historisch aufgearbeitet wurden, zeigt folgende Aufzeichnung:

"In diesen Protokollen gibt F. als sog. Reichsdiener, welcher für das gesamte damalige Deutschland verantwortlich war, die gesamte Struktur, Illegalität, Funktionäre, die Verbindungen, die Anleitung und Aufträge, welche er von der Zentrale erhalten hat, der Gestapo preis." (14)

Zu dieser Zeit war aber der Gestapo die Struktur und der organisatorische Aufbau der Zeugen Jehovas schon bekannt. Die führenden Funktionäre wurden von der Gestapo per Haftbefehl gesucht bzw. waren schon vor Frost von der Gestapo gefasst worden. Aus der Anzeige der Gestapo gegen den damaligen Bezirksdienstleiter Konrad Franke an den Oberstaatsanwalt in Darmstadt vom Dezember 1936 (15) geht hervor:

"Trotz aller Gegenmaßnahmen des Staates nahm das illegale Treiben der Sekte von Monat zu Monat zu. Immer und immer wieder verbotene Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas festgestellt und fast täglich tauchten in den verschiedensten Gegenden des Reiches ihre Schriften auf, die vom Auslande her in Einzelexemplaren an im Inland wohnhafte Anhänger geschickt und von diesen vervielfältigt und verbreitet worden sind.
Auf Anordnung des Geheimen Staatspolizeiamts Berlin wurde deshalb Ende August 1936 gleichzeitig im ganzem Reich eine Aktion gegen die Bibelforscher eingeleitet.
Im Verlauf dieser Aktion konnte zunächst in Berlin der Reichsleiter des illegalen IBV-Apparates (Internationale Bibelforscher-Vereinigung, d. A.) Fritz Oswald Winkler, wohnhaft in Langenberg i. Thür., festgenommen und die gesamte illegale Organisation aufgedeckt werden.
Das gesamte Reich war in verschiedene Bezirke eingeteilt , an deren Spitze jeweils ein Bezirksdienstleiter stand." (16)

Bereits am 24. August 1936 war der Reichsleiter für Deutschland, Fritz Winkler, von der Gestapo in Schutzhaft genommen worden. Aus der Schutzhaft heraus schrieb er an Konrad Franke handschriftlich einen Brief, indem er ihn dazu aufforderte, sein Schweigen über die Organisation zu brechen, da der Gestapo bereits alle Fakten  bekannt seien und Franke durch Schweigen sein eigenes Leiden lediglich vergrößern würde. In Winklers Brief heißt es:

"Lieber Konrad!
ich sitze seit ca. 3 Wochen hier im Konzentrationslager. Die Beamten der Polizei sind mit allen Einzelheiten unserer Organisation vertraut gewesen, so dass es gar nicht möglich war, bzw. ich keinen Zweck sah, irgendeine Angelegenheit zu verschweigen.
Ich grüße Dich herzlich Dein Fritz Winkler."

Als Nachsatz schrieb er an Franke:

"Auch die Namen der D.L. [Dienstleiter, damals zuständig für eine oder mehrere Gemeinden der Zeugen Jehovas, d.A.] sind durch die bei der Stapo Magdeburg befindliche Kartothek, bzw. Liste, bekannt. Es hat also wenig Wert, die Namen nicht zu sagen, da man entschlossen scheint, das Werk zu zerschlagen und andernfalls der Menge der Geschwister Schwierigkeiten gemacht würde.
Man hat mir versichert, dass man nicht die Absicht hat die D.L. zu verhaften und ihnen Schwierigkeiten zu machen." (17)

Wenige Tage nach der Verhaftung Winklers war es zu einer Verhaftungsaktion der Gestapo gekommen, bei der auch der Bezirksdienstleiter Georg Bär, Ende August 1936, festgenommen wurde.
Er berichtete über sein erstes Verhör, bei dem er vom einem Verhörbeamten über die gesammelten Gestapo-Erkenntnisse aufgeklärt wurde. Der Beamte sagt ihm, dass ihm bewusst sei, dass er, Bär, mehr wisse, als er sagen wolle. Er würde es ihnen leicht machen. Er solle sich doch einmal folgendes ansehen. Bär berichtete:

"Er forderte mich auf an seinem Schreibtisch zu treten, zeigte mit einige maschinengeschriebene Blätter und ließ mich lesen. Da standen all die Namen der Brüder, die in Deutschland reisten, als letzter auch meiner. Dann konnte ich die Namen der Versammlungen lesen, die wir besucht hatten, und auch die Namen der Brüder. Hier stand schwarz auf weiß, wieviel Literatur, Sprechapparate und Schallplatten wir bestellt hatten. Auch die Spenden und sonstige Gelder, die wir abgeliefert hatten, waren aufgeführt. Ja, ich konnte es kaum glauben, unsere ganze Untergrundorganisation war hier aufgeführt und lag ausgebreitet in den Händen der Gestapo." (18)

Bär berichtet weiter:

"Monatelang hat mich der Gedanke gequält, woher die Gestapo all unsere Unterlagen hatte. Später habe ich dann erfahren, dass all unsere Bestellungen, Berichte und abgelieferten Gelder sorgfältig in Karteien eingetragen und aufbewahrt wurden, die dann alle von der Gestapo gefunden und beschlagnahmt wurden." (19)

Die Kartei, die Winkler als Reichsleiter angefertigt hatte, mitsamt den verschiedensten Aufzeichnungen, befand sich somit im Besitz der Gestapo (20). Die Vorwürfe des MfS an Frost, er habe den gesamten Apparat der Zeugen Jehovas im April 1937 verraten, entbehren daher jeglicher Grundlage.
Da Frost vorgeworfen wurde, die Namen seiner sämtlichen Bezirksdienstleiter an die Gestapo verraten zu haben, muss auch auf diesen Vorwurf eingegangen werden: Beim Verhör durch die Gestapo nannte Frost die Bezirksleiter mit Namen. Er nannte Georg Rabe, Arthur Nawroth, August Fehst, Otto Dauth, Fred Maier, Walther Friese, Heinrich Ditschi, Albert Wandres und Karl Siebeneichler (21).
Dass alle diese Bezirksdienstleiter von der Gestapo gesucht wurden, bzw. schon inhaftiert waren, wusste Frost. Die sich noch auf freiem Fuß befindenden Männer mussten schließlich, wie er selbst, im Untergrund leben, da Haftbefehle ausgestellt waren. Die Namen, die Frost nannte, waren somit für die Gestapo kein Geheimnis. Zudem waren Georg Rabe, Arthur Nawroth, Otto Dauth und Karl Siebeneichler bereits vor Frosts Inhaftierung festgenommen worden. August Fehst, Walther Friese und Albert Wandres waren zur Fahndung ausgeschrieben (22). Heinrich Ditschi wurde seit dem 23. Mai 1936 von der Gestapo gesucht (23). Über Fred Maier konnten bisher keinerlei Aufzeichnungen gefunden werden, jedoch ist mit Sicherheit auch er, als Bezirksdienstleiter der Zeugen Jehovas, der Gestapo kein Geheimnis gewesen.
Auf der Grundlage der charakteristischen Einschätzung Frosts wurde vom MfS ein Operativplan ausgearbeitet, bei dem man sich gute Chancen der Anwerbung ausrechnete, der aber aufgrund der tatsächlichen Fakten kein sehr stabiles Fundament besaß.
Um Verbindung zu Frost aufzunehmen, begann man zunächst mit der Observierung der Zentrale in Wiesbaden. Als Werber für Frost sollte der geheime Informator (GI) "Pop Erhard" (24) fungieren. Da Frost als Kapellmeister gearbeitet und sich zudem als Musikschriftsteller betätigt hatte, sollte jemand Gleichwertiges den Auftrag übernehmen. Der ausgesuchte GI hatte an der Karl-Marx-Universität in Leipzig Theologie studiert, fungierte zunächst als Vikar, wurde von 1937 zum Pfarrer ordiniert und "war den Organen der Staatssicherheit treu ergeben" (25). Von 1950 bis 1951 wurde er als Sekretär des Friedensrates im Lande Sachsen eingesetzt. Bis 1954 war er als Lektor für deutsche Sprache und Literatur an der Technischen Hochschule in Dresden angestellt. In der Zwischenzeit war er vom Staatssekretariat für das Hochschulwesen in die Zentrale Kommission für die deutsche Sprache berufen worden. Ab 1954 war er als Lektor an der Hochschule für Gartenbau in Pillnitz tätig. Zudem war seine Zuverlässigkeit auch daraus ersichtlich, dass er dem MfS sowohl über "Synoden, kirchliche Zusammensetzung, Struktur" als auch "über kirchliche Verbindungen innerhalb Deutschlands" berichtete (26). Der GI erhielt Einsicht in die Gestapo-Akten, um ihn für diese Aufgabe "politisch und moralisch zu festigen". Da man beim MfS nicht annahm, dass auf der Basis der Überzeugung gewonnen werden konnte, sollte der GI bestimmte Unterlagen "in einer speziellen Aktentasche" mit in den Westen nehmen. Hierbei handelte es sich um von Frost angemachte Angaben, "um ihn moralisch zur Anwerbung zu zwingen" (27).
Monatelange Vorbereitung war bis zum Gespräch zwischen dem GI und Frost nötig. Man legte exakt fest, wie der GI beim Gespräch mit Frost verfahren sollte. Zunächst wurde der GI nach Wiesbaden geschickt, um Frost kennenzulernen und ihn einschätzen zu können. seine Legende war, dass er in seiner Doktorarbeit auch eine "dogmengeschichtliche Gegenüberstellung der erstarrten Landeskirchen zu den freien religiösen Gemeinschaften" erarbeiten wolle. Er versuchte, Frosts Vertrauen zu erhalten, indem er ihm erzählte, dass er aus seiner Jugend noch einige Bibelforscher kenne, mit denen er auch schon viele theologische Gespräche geführt habe. Ganz nebenbei kam er auch darauf zu sprechen, dass er bei seiner Forschungsarbeit auch auf Aktenmaterial "aus den Giftschränken der Deutschen Bücherei" über Jehovas Zeugen gestoßen sei. Sie kamen auch auf das Bibelforscherverbot in der DDR zu sprechen. Dabei sagte Frost, dass der ehemalige Ministerpräsident von Sachsen, Max Seydewitz, zu ihm als Konzentrationslagerkamerad gesagt habe: "draußen sind täglich die Pastoren der katholischen und evangelischen Kirchen, belasten euch auf das furchtbarste und sagen, die Bibelforscher wären die gefährlichsten politischen Kirchenorganisationen, die es gäbe" (28). Frost hoffe aber noch auf eine Wiederzulassung der Zeugen Jehovas in der DDR.
Am 12. Juli 1956 fand das eigentliche Treffen zwischen dem GI und Frost in der Unterkunft des GI in Wiesbaden statt. Der GI sagte im Gespräch, dass er durch seine Arbeit im Archiv Potsdam die Gestapo-Akten von Frost gefunden hätte und sich "um ihn als Christ sorge". Im Bereicht über dieses Treffen heißt es: "Über diese Mitteilung war Frost keineswegs erschüttert oder verstört, sondern er habe sofort zugegeben, dass er die und die Personen damals gemeldet hätte." (29) Er begründete dies damit, dass er einer der letzten Funktionäre gewesen sei, die die Gestapo verhaftet habe. Weiter habe er gesagt: "Die Gestapo hätte bereits über alles von ihm gesagte Bescheid gewusst." (30)
Frost zeigte sich erstaunt darüber, dass diese Unterlagen noch existieren würden. Weiter heißt es in den Aufzeichnungen des GI Popp:

"Ein Interesse an der Vernichtung der Materialen besteht von Seiten des Frost nicht. Lediglich ist er daran interessiert, wer sich von unseren Staatsorganen bei Auffinden der Unterlagen dafür interessieren würde, in Erfahrung zu bringen. Damit war überraschend schnell das Thema 'Gestapoakten' beendet." (31)

Forst ging zu einem anderem Thema über und erzählte dem GI, dass er an eine Legalisierung der Zeugen Jehovas in der DDR interessiert sei. Der GI war perplex, da er mit solch einem Ausgang nicht gerechnet hatte. Frost bestimmte den Gesprächsverlauf, war auf ein solches Gespräch offenbar vorbereitet und ließ den GI freundlich, aber bestimmt abblitzen. Der Beschluss zum Ablegen des Operativvorgangs bezüglich Forst lautet:

"Frost wurde mit der Perspektive bearbeitet, um ihn anzuwerben. Das Verhalten des Frosts lief darauf hinaus, dass er auf eine Anwerbung von unserer Seite ablehnend gegenüber stand. Eine direkte Bearbeitung des Frost erfolgt nicht mehr. Innerhalb des Objektvorgangs 'Zeugen Jehova' erfolgt die Bearbeitung." (32)

Natürlich sollte beim MfS damit nicht die Angelegenheit ad acta gelegt werden. Man setzte eine Verleumdungsklage in Gang, die viele Jahre die Person Frost diskreditieren sollte. Zunächst fasste man das "kompromittierende Material über Frost" in Form einer Broschüre zusammen, die unter den Zeugen Jehovas in Westdeutschland und der DDR verbreitet wurde (33). Die dreiundzwanzigseitige Broschüre hatte den Titel: "Erich Frost - Der Verräter an der Sache Jehovas" (34).
Diese Broschüre enthielt genau die Vorwürfe an Frost, die in den folgenden Jahren die Person Frost diskreditieren sollten. Diese Vorwürfe fanden sich im Juli 1961 auch im "Spiegel"-Artikel wieder.

"Väterchen Frost", ein diffamierender Artikel in der Zeitschrift "Der Spiegel"

In der Ausgabe vom 1. Juli 1961 hatte Frost seinen Lebensbericht in der international verbreiteten Zeitschrift "Der Wachtturm" unter dem Thema "Befreiung von totalitärer Inquisition durch Glauben an Gott" veröffentlicht. Hier schrieb er auch über die Behandlung der Zeugen Jehovas in Ostdeutschland und zog Parallelen zu den totalitären Regime der Nazi. Auszugsweise heißt es hier:

"Im Jahre 1950 begann die totalitäre Inquisition im kommunistischen Ostdeutschland von neuem. Das Büro in Magdeburg wurde von neuem beschlagnahmt und nochmals haben unsere Brüder in dem Glauben, dass Jehova sie befreien kann, die Herausforderung angenommen. Verstehst Du, warum meine Gedanken oft den 'Vorhang' der Deutschland entzweit, durchdringen und dort bei jenen Zeugen weilen, die viele in Nazilagern litten und heute in kommunistischen Gefängnissen schmachten? Gegenwärtig sind 407 treue Zeugen in Ostdeutschland eingesperrt. [...] Die totalitäre Inquisition kann Glieder des Volkes Jehovas wohl gefangensetzen und sie drangsalieren, wenn Jehova es zu einem Zeugnis zulässt, nichts aber kann den Geist Jehovas in Fesseln legen! Mögen Christen, die unter totalitären Inquisitionsmethoden leiden, und auch ihre Bedrücker niemals vergessen, dass Jehova während der Zeit der Nazi-Inquisition beständig mit seinen Zeugen war."(35)

Sein Bericht muss unglaublichen Zorn bei staatlichen Stellen in Ostdeutschland ausgelöst haben. Schließlich wurde von Frost in weltweit verbreiteten Artikel eine Parallele vom Nazi-Regime zum kommunistischen Regime in der DDR gezogen und eine offene Anklage angesprochen (36). Auf die Antwort brauchte Frost nicht lange warten.
An den damaligen Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, Nathan Homer Knorr, war zum Bezirkskongress, der vom 18.-23. Juli 1961 in Hamburg stattfand, vom MfS ein anonymer "Offener Brief" geschickt worden, in dem Erich Frost angeklagt wurde, während seiner Gestapohaft zum Verräter geworden zu sein. Er, Knorr, solle sich des Falles annehmen, da es unmöglich sei, einen Verräter weiterhin im Werk für Deutschland tätig sein zu lassen (37).
Der "Parlamentarische-Politische Pressedienst", Bonn, veröffentlichte über Frost am 5. Juli 1961, dass unter den Zeugen Jehovas ein Meinungsstreit entstanden sei, ob Frost Anhänger bei der Gestapo denunziert habe. Frost stehe diesbezüglich unter Verdacht (38). Ein solcher Meinungsstreit hatte aber nicht bestanden. d. h. auch hier war ganz offensichtlich das MfS als Informant aufgetreten mit der Absicht, einen solchen Meinungsstreit künstlich zu erzeugen.
Von besonderer Brisanz wurde dann aber die Veröffentlichung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in der Ausgabe vom 19. Juli 1961. Pünktlich zum beginnenden Bezirkskongress der Zeugen Jehovas in Hamburg erschien ein Bericht über Erich Frost mit dem Titel "Väterchen Frost", in dem ihm vorgehalten wurde, verschiedene Glaubensbrüder in Gestapohaft verraten zu haben (39). Diese Informationen waren dem Spiegel zugespiegelt worden. Erst jetzt ist bewiesen, dass der Urheber der Kampagne beim MfS zu finden ist.
Im "Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit" vom 10. Februar 1962 wird der Drahtzieher der Kampagne gegen Frost identifiziert. Es heißt hier unter dem Stichwort "Inoffizielle Opposition", dass gestützt auf die Akten der Gestapo die "Frostbrief-Aktion laufend fortgesetzt" werde. Es seien bisher "7 anonyme Briefe dieser Art versandt worden."(40) Diese anonymen Briefe waren an verschiedene leitende Zeugen Jehovas und an die weltweit etablierten Zweigbüros der Zeugen Jehovas in alle Welt sowie an das Hauptbüro in Brooklyn/New York verschickt worden. Ganz offensichtlich wurden ähnliche Briefe auch an verschiedene Zeitungsredaktionen wie dem "Spiegel" gesandt. Sie enthielten scharf formulierte Unterstellungen gegen Frost, damit beginnend, er habe durch die Nennung der Bezirksdienstleiter Verrat an seinen Brüdern begangen, er habe ein Liebesverhältnis mit seiner Sekretärin Ilse Unterdörfer gehabt, als auch die Unterstellung, er habe Spendengelder für eigene Zwecke verwendet (41).
Indem diese Briefe auch in die englische Sprache übersetzt und weltweit verschickt wurden. sollte erreicht werden, dass ein inszenierter Aufruhr entstehe und Frost seines Amtes enthoben werde. Dies konnte durch diese Briefe und Anschuldigungen aber nicht erreicht werden.
Da die verschiedenen Zweigbüros diese erhaltenen Briefe in das deutsche Zweigbüro nach Wiesbaden sandten, wurde die Kampagne erkannt. Gerade wegen der Bezugnahme auf die Geheimdienstakten der Gestapo, auf die sich das MfS den Zugriff gesichert hatte, war eine Verbindung in den Osten schnell gezogen. Zudem erkannte man durch die gestempelten Briefmarken, dass fast sämtliche Briefe aus Westberlin von Poststelle Südwest 11 verschickt wurden. Außerdem waren als Absender langjährige Zeugen Jehovas aufgeführt worden, die schon in den NS-Konzentrationslagern für ihre Überzeugung gelitten hatten und deshalb als besonders glaubwürdig galten. Z. B. war der unter Jehovas Zeugen bekannte KZ-Überlebende Josef Rehwald als Absender eines anklagenden Briefes an das Zweigbüro in Bombay/Indien genannt worden (42). Nicht jeder würde die Fälschung sogleich erkennen, so hoffte das MfS, und würde so den Inhalt zumindest mit Interesse lesen.
Besonders die Abteilung X des MfS war auf dem Gebiet der Internationalen Verbindungen für aktive Maßnahmen der Desinformation zuständig. Hier spielten natürlich die Redaktionen verschiedener Zeitungen und Zeitschriften, die Fernseh- und Hörfunksender und deren Journalisten eine bedeutende Rolle. Hier versucht man, besonders brisantes Material, das für die Durchsetzung der MfS-Interessen wichtig war, zu plazieren (43). Markus Wolf, langjähriger Leiter der HVA, gab offen zu:

"Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive Maßnahmen bestanden darin, die subversiven Aktivitäten der gegnerischen Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch den Einsatz von Fakten und Dokumenten, angereichert mit selbstfabriziertem Material, Personen und Institutionen der Bundesrepublik im Misskredit zu bringen, die der DDR feindlich gesonnen waren," (44)

Parallelen lassen sich auch beim Kampf des MfS gegen die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit (KgU) feststellen, die ihre Aufgabe unterem in der Information über den Terror in der DDR sah. Auch hier ließ die Reaktion des MfS nicht lange auf sich warten, das durch "eine große psychologische Propaganda-Aktion", bei "der das MfS alle Register seines skrupellosen Könnens zog", die KgU zu diskreditieren und aufzulösen suchte (45). Ähnlich wie bei Frost wurden bei KgU "westdeutsche Politiker und Medien eingeschaltet"(46). Auch die Zeitschrift "stern" ließ "sich in Stasi-Aktionen einschalten" (47). "Westliche Publikationsorgane meinten nach dem jahrelangen Propagandafeuer der DDR, dass vielleicht doch irgend etwas an den Anschuldigungen wahr sei." (48) Der KgU wurde aufgrund des entstandenen politischen Drucks am März 1959 augelöst.
Ähnliches wird auch über den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ) berichtet (49). Dieser war im Herbst 1949 gegründet worden mit dem "Ziel der Bekämpfung des totalitären Regimes in der DDR". Die typische MfS-Arbeit begann auch hier schon sehr bald: Nicht bestellte Ware wurde zugesandt, man verunglimpfte sie bei den Nachbarn, Briefe wurden gefälscht und anderes Bösartiges mehr. Bald wurden auch von solchen Zeitungen, "die dem Untersuchungsausschuß bisher immer positiv entgegengestanden hatten, die Frage nach seiner Existenzberechtigung gestellt"(50). Der UFJ wurde am 1. Juli 1969 aufgelöst und in die Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben eingegliedert.
Zu den wichtigsten Aufgaben des MfS gehörte die Kompromittierung und Verunsicherung des Gegners. Um bekannte Politiker zu diskreditieren, durchwühlte man besonders deren NS-Vergangenheit, um belastendes Material zu finden. Wurde wenig oder nichts Belastendes gefunden, wurde es eben "durch Dokumente aus eigener Fertigung 'vervollständigt'" (51). Diese suchte man anschließend durch westliche Redaktionen zu verbreiten (52). Da sich "das MfS Anfang der fünfziger Jahre den Zugriff auf die Nazi-Akten gesichert hatte", wurden z. B. fast alle führenden Politiker der CDU der Kollaboration mit dem NS-System beschuldigt (53). Z. B. wurde Mitte der 60er Jahre dem damals amtierenden Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorgeworfen, der Konstrukteur von faschistischen Konzentrationslagern gewesen zu sein. Eine im Zentralarchiv in Potsdam gefundene Skizze einer Konzentrationslager-Baracke konnte so gut gefälscht werden, dass man den Eindruck gewinnen musste, Lübke sei in den Bau verwickelt gewesen und habe sich somit am Aufbau der Lager beteiligt. Diese Fälschung wurde an die Redaktion der Zeitschrift "stern" gebracht, dort überprüft und schließlich veröffentlicht (54).
Fakt ist, dass eine wirkliche Auswertung der Gestapo-Akten über Frost durch das MfS nicht stattgefunden hat und dass man Aussagen in Gestapo-Akten schnell für bare Münze nahm. Man untersuchte nicht, ob die Angaben von Frost länger bekannt waren, ob sie somit für die Gestapo überhaupt einen Wert hatten, man nahm alles wörtlich, d. h. man wertete Akten eines Geheimdienstes nicht aus, um die historische Wahrheit zu finden, sondern nutzte einfach den niedergeschriebenen Inhalt, wie auch immer der zustande kam und wie niedrig sein tatsächlicher Informationswert auch war.
Die Redakteure des "Spiegel", die keinerlei Möglichkeiten hatten, die Anklage gegen Frost zu hinterfragen, geschweige denn zu beweisen, ließen sich für den Preis einer interessanten Enthüllungsgeschichte nur zu gern darauf ein, auch Informationen aus dubiosen Quellen zu verwenden und somit Unterstellungen des DDR-Geheimdienstes als Tatsachen zu veröffentlichen.
Die Diffamierung gegen Frost wurden 1961 nicht abgeschlossen. Zum Beispiel enthalten die MfS-Akten Willy Müllers, des IM "Rolf", der Herausgeber der MfS-Zeitschrift "Christliche Verantwortung" aus Gera war, verschiedene Kopien von Briefen, die das MfS aus Westberlin gegen Frost versandt hatte. Auszüge aus diesen Briefen wurden in der MfS-Zeitschrift veröffentlicht. Auch in dieser Zeitschrift wurde über Jahre auf übelste Weise über Frost hergezogen. Man nannte diesen integren Mann, der es gewagt hatte, offen gegen das kommunistische Regime zu sprechen, einen "Gestapo-Handlanger", über dessen Verrätereien auch schon westdeutsche Zeitungen berichtet hätten (55). Noch Jahre später wurde in der Zeitschrift "Christliche Verantwortung" immer wieder Frost als Verräter eingeordnet.
Aber auch der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen nahm sich dieses Themas an und berichtete in der Ausgabe vom 15. Oktober 1961 unter dem von Kurt Hutten bearbeiteten Thema "Frosts Gedächtnislücke", dass der Lebensberichts Frosts, erschienen im WT, nicht der Wahrheit entspreche, da das Hamburger Magazin "Der Spiegel" Frosts Kollaboration mit der Gestapo dargestellt habe (56).
Das im Jahre 1970 erschienene Machwerk "Die Zeugen Jehovas" von Manfred Gebhard enthielt Vorwürfe gleicher Art, führte Kopien einzelner Gestapo-Akten auf und veröffentlichte den "Spiegel"-Artikel, um die Richtigkeit der eigenen Publikation zu beweisen und aufzuwerten (57).
Selbst in einer westdeutschen Dissertation über die Geschichte der Zeugen Jehovas aus dem Jahre 1972 wird der "Spiegel"-Artikel als Indiz genommen, um die Glaubwürdigkeit des Lebensberichtes Frosts anzuzweifeln (58). Derselbe Verfasser machte auch im Jahre 1998 in einem Aufsatz wiederum auf den Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1961 aufmerksam. Es heißt dort:

"Nach dem Krieg aufgefundene Vernehmungsprotokolle der Gestapo lassen aber erkennen: Frost hat Treffpunkte und Aufgaben seiner acht Bezirksdiener verraten; einen davon, Karl Siebeneichler, kostete das das Leben im KZ Sachsenhausen (Zeitschrift 'Der Spiegel' vom 19. Juli 1961)."(59)

Damit hat er nichts bewiesen, lediglich Angaben des "Spiegel" kolportiert (60).
Anti-Kult Gruppen und Kirchen gebrauchen den im "Spiegel" veröffentlichten Artikel bis in die Gegenwart, um gegen Jehovas Zeugen Stimmung zu erzeugen. So konnte man in einer Tageszeitung vom 13. April 1999 als Kritik über die gezeigte Wanderausstellung der Zeugen Jehovas "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" lesen, dass schon der "Spiegel" im Jahre 1961 Erich Frost als Verräter "entlarvt" habe (61).
Von den eigenen Glaubensbrüdern ist die Integrität Frosts niemals ernsthaft angezweifelt worden.

 

Waldemar Hirch, Historiker, Hügelstraße 9, D-64367 Mühltal
Email: waldemar.hirch@standhaft.org

 



(1) Vgl. Lebenslauf Hugo Erich Frost, BStU, ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl. 65 f.


(2) Vgl. Lebensbericht Erich Frost: Befreiung von totalitärer Inquisition durch Glauben an Gott, in: Der Wachtturm vom 1. Juli 1961, 409 ff.


(3) Ebd.


(4) Von 1953 bis 1957 amtierte das MfS als "Staatssekretariat für Staatssicherheit". Vgl. Clemens Vollnhals, Das Ministerium für Staatssicherheit. Ein Instrument totalitärer Herrschaftsausübung, BStU, Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 1995.


(5) StfS, 1.9.1956, "Die Sekte der 'Zeugen Jehova' in Westberlin und ihre illegale Tätigkeit im Gebiet in der DDR", SAPMO BArcj Berlin, SED ZK, Sekretariat Paul Merker, DY 30/IV 2/14/250, Fiche Nr. 4, 227.


(6) Beschluss des StfS für das Anlegen des Einzelvorganges bezüglich E. Frost vom 3.11.1955, BStU ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl. 6; Charakteristik über E. Frost, erstellt von der Bezirksverwaltung Leipzig Abt. V/4 vom 28.6.1955, aaO., Bl. 11 f.


(7) Ebd.


(8) Vgl. Charakteristik über Erich Frost, aaO. (Anm. 6).


(9) Bericht der LBdVP Sachsen-Anhalt über die Allgemeine Bibellehrervereinigung, Sitz Magdeburg, ohne Datum, BArch Berlin, DO-4, Nr. 734.


(10) Charakteristik über E. Frost, aaO. (Anm. 6)


(11) Vgl. Bericht der LBdVO Sachsen-Anhalt, aao. (Anm. 9)


(12) Vgl. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974, Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Wiesbaden 1974, 149.


(13) Bericht der Hauptabteilung V/4/C des MfS "über kompromittierendes Material des Zweigdienstes der Sekte 'Zeugen Jehova'" vom 2.6.1955, BStU ZA-MfS 469/58, Bl. 15.


(14) AaO., Bl. 16.


(15) Konrad Franke war am 31. August 1936 in Darmstadt in Schutzhaft genommen worden. Erst im Dezember 1936 wurde eine Anzeige der Gestapo an den Oberstaatsanwalt als den Leiter der Anklagebehörde beim Sondergericht Darmstadt geschrieben. Der genaue Tag  ist auf der Anzeige nicht enthalten.


(16) Anzeige der Geheimen Staatspolizei gegen Max Konrad Franke vom Dezember 1936, Staatsarchiv Darmstadt, G 27, Nr. 582.


(17) Handschriftlicher Brief Fritz Winklers an den sich ebenfalls in Schutzhaft befindlichen Konrad Franke vom 8. September 1936, Staatsarchiv Darmstadt, G 27, Nr. 582.


(18) Bericht des Bezirksdienstleiters Georg Bär, in: Jahrbuch 1974, aaO. (Anm.12), 153 f.


(19) Ebd.


(20) Das Brisante hieran war, dass die auf dem internationalen Kongress der Zeugen Jehovas vom 4.-7. September 1936 in Luzern beschlossene strukturelle Umorganisierung durch den Bezirksdienstleiter Dietschi, zumindest im Raum Hamburg, im wesentlichen bereits zu Beginn des Jahres 1936 durchgeführt worden war. Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich", München 1977, 251, Anm. 134. Man kann deshalb mit Sicherheit davon ausgehen, dass die beschlossene Umstrukturierung ebenfalls in den in der Karthotek Winklers aufbewahrten Aufzeichnungen enthalten war und somit für die Gestapo kein Geheimnis mehr darstellte. Zudem waren eine ganze Anzahl der 300 teilnehmenden Zeugen Jehovas am Kongress in Luzern aus Deutschland direkt nach ihrer Rückkehr ins deutsche Reich verhaftet worden. Schon über diese Teilnehmer war die Gestapo, die zur Bekämpfung der Glaubensgemeinschaft einen großen Apparat aufgebaut hatte, gut unterrichtet. Während der Verhaftungswelle in den Monaten August/September 1936 kamen weit mehr als 1000 Zeugen Jehovas in Schutzhaft. Über sie versuchte die Gestapo selbstverständlich auch etwa noch benötigte Informationen über die Umstrukturierung zu erhalten. Hier muss davon ausgegangen werden., dass nicht jeder die Kraft hatte, den brutalen Verhörmethoden standzuhalten, und zumindest einen Teil seines Wissens preisgab. Ein wesentlicher Teil der Umstrukturierung war, dass Verbindungswege zwischen den verschiedenen Ebenen nur noch von einer "organisatorischen Einheit zur nächsten reichten". AaO., 250. Dadurch sollte verhindert werden, dass einerseits bei den Verhören, viele Namen von Glaubensbrüdern genannt wurden und andererseits etwaige eingeschleuste Spitzel möglichst wenige Personen namentlich in Erfahrung bringen konnten. Das brachte mit sich, dass selbst Erich Frost als Reichsdiener für Deutschland die Namen der Gruppendiener, die ja durch die Ebene der Bezirksdienstleiter eingesetzt wurden, nicht kannte und allein schon aus diesem Grund nicht nennen konnte. Diese Tatsache wird durch die Verhörprotokolle der Gestapo bestätigt.


(21) Gestapo-Verhörprotokoll Erich Frost vom 2. April 1937, BStU ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl.23 f. In diesem Band sind auch die Gestapo-Protokolle über Frost enthalten.


(22) Vgl. Detlef Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich", München 1977, 246, Anm. 109.


(23) AaO., 259, Anm 167.


(24) Vorschlag zur Entsendung des GI 'Pop Erhard' nach Westdeutschland zur Anmerkung des Zweigdieners Frost, BStU ZA-MfS 469/58, Bd. 1, 97 ff. In manchen Berichten wird der GI auch einfach "Popp" genannt. GI war die damalige Bezeichnung für IM.


(25) Ebd.


(26) AaO., Bl. 98.


(27) AaO., Bl. 99.


(28) Betrifft: Zentrale der "Zeugen Jehova" in Wiesbaden, aaO., Bl. 95.


(29) Betreff: Auszug aus dem Treffbericht des GI "Popp" vom 12.7.1956. Hier wird das Treffen mit Frost in Wiesbaden wiedergegeben. AaO., Bl. 103 f. Hier wird der GI abwechselnd Popp und dann Pob genannt.


(30) Ebd.


(31) Ebd.


(32) Ebd.


(33) Schlussvermerk zu "Winter" vom 14.4.1958. Hier heißt es: "Das vorhandene kompromittierende Material über Frost wurde in Form einer Broschüre zusammengefasst. Dieses wird bei einer günstigen Situation unter den 'Zeugen Jehova' in Westdeutschland und der DDR verbreitet. Zur Zeit verbleiben diese Broschüren bei der HA V/4." AaO., Bl.105.


(34) Broschüre: Erich Frost - Verräter an der Sache Jehovas, 23seitige Broschüre, AaO., Bl.106 ff.


(35) Der Wachtturm vom 1. Juli 1961, aaO. (Anm. 2), 414. Die Ausgaben erscheinen etwa einen Monat vor dem auf der Zeitschrift gedruckten Datum. Somit kannte man den Lebenslaufs Frosts schon etwa ab Ende Mai 1961.


(36) Zusätzlich muss hier bedacht werden, dass die permanente Fluchtbewegung von Ost- nach Westdeutschland die DDR beständig schwächte. Allein im Juli 1961 verließen 30 444 Einwohner fluchtartig die DDR. Von Januar bis September 1961 waren es 195 828 registrierte Flüchtlinge. Auf Kritik reagierte man unter diesen Umständen äußerst sensibel. Vgl. Werner Stein. Der große Kulturfahrplan, München-Berlin 981, 1296.


(37) Vgl. Documents Throw Their Shadow, Second Public Letter To Brother Knorr, Hamburg, International Assembly of Jehova's Witnesses, 1961. Geschichtsarchive der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.


(38) Vgl. Manfred Gebhard, Die Zeugen Jehovas, Schwerte (Ruhr) 1971, Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Copyright by Urania-Verlag, Leipzig-Jena-Berlin 1970, 186.


(39) Väterchen Frost, in "Der Spiegel" vom 19. Juli 1961, zitiert nach: Manfred Gebhard, Die Zeugen Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, Leipzig-Jena-Berlin 1970, Lizenzausgabe für die BRD, 1971, 184 ff.


(40) Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit vom 10.2.1962. BStU Berlin, ZA-MfS 972, Bl. 268.


(41) Vgl. "Dokumente Werfen Ihre Schatten Voraus!", Brief eingegangen in der damaligen Deutschlandzentrale in Wiesbaden am 5. Juli 1961; "Documents Throw Their Shadows", "English Version", ohne Datum; "DIE GROSSE KRAFTPROBE IN DEUTSCHLAND", eingegangen am 3. August 1962 in Wiesbaden, Aktenordner Frost, Geschichtsarchiv der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.


(42) Briefumschlag mit Absender Josef Rehwald, Eingangsstempel im Zweigbüro in Bombay vom 13. September 1961, Geschichtsarchiv der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.


(43) Vgl. Karl Wilhelm Fricke, Ordinäre Abwehr - elitäre Aufklärung? Zur Rolle der Hauptverwaltung A im Ministerium für Staatssicherheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 50/97, 17-26; hier; 20


(44) M. Wolf, Spionagechef im geheimen Krieg, Erinnerungen, München 1997, 348, zit. nach: Fricke, ebd. 


(45) Vgl. Gerhard Finn, Die Widerstandsarbeit der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, in: Konrad Adenauer Stiftung (Hg.), Unrecht überwinden - SED-Diktatur und Widerstand (Aktuelle Fragen der Politik 38), Sankt Augustin 1996, 23-32; hier: 26.


(46) Ebd.


(47) AaO., 29.


(48) AaO., 32.


(49) Vgl. Frank Hagemann, "Die Drohung des Rechts" - Der Kampf des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen, in: Konrad Adenauer Stiftung (Hg.), Unrecht überwinden, aaO. (Anm. 45), 33-45; hier: 33.


(50) AaO., 42.


(51) Vgl. Günther Bohnsack/Herbert Brehmer, Auftrag Irreführung. Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992, zitiert nach: Hubertus Knabe, Die Stasi als Problem des Westens, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 50/97, 3-16; hier 11.


(52) H. Knabe, Die Stasi als Problem, aaO., 11.


(53) Ebd.


(54) Vgl. Heribert Schwan, Der Mann der die Stasi war, München 1997, 162; Knabe, die Stasi als Problem, aaO. (Anm. 51), 11.


(55) Vgl. Die WT-Säulen fallen, in: Die Christliche Verantwortung 1 (Okt. 1965), 1.


(56) Kurt Hutton, Frosts Gedächtnislücke, in: Materialdienst der EZW Nr. 20 vom 15.10.1961, 239.


(57) Gebhard, Die Zeugen Jehovas, aaO. (Anm. 38).


(58) Vgl. Dietrich Hellmund, Geschichte der Zeugen Jehovas (in der Zeit von 1870 bis 1920). Mit einem Anhang: Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland (bis 1970), Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde der Evang.-Theologischen Fakultät der Universität Hamburg, Hamburg 1972. Die Angaben sind im Kapitel "IV. Die Geschichte der Zeugen Jehovas in Deutschland. 4. 1945-1970" zu finden. In der Dissertation wurden keinerlei Seitenangaben gemacht.


(59) Dietrich Hellmund, Kritische Reflexion über die Videodokumentation 'Standhaft trotz Verfolgung' - Propaganda oder zeitgeschichtliche Dokumentation?, in: Hans Hesse, 'Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas'. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas (Edition Temmen), Bremen 1998, 397-403.


(60) Die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre sind in den Aufsatz Hellmunds leider nicht eingeflossen, sonst hätte er gewusst, dass Frosts Aussagen nicht zur Verhaftung Siebeneichlers geführt hatten. Karl Siebeneichler, der Bezirksdienstleiter für Bayern, befand sich bereits seit dem 4. März 1937 in Haft. Vgl. auch Johannes Wrobel, Die Videodokumentation. Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime. Eine Stellungnahme, Wachtturm Geschichts-Archiv, Selters/T. 1997, 11-14. Hier wird auch eine Stellungnahme, Wachtturm Geschichtsarchiv, Selters/T. 1997, 11-14. Hier wird auch eine Stellungnahme von E. Frost vom März 1971 zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen wiedergegeben und Frost geht auf die Behauptung des "Spiegel" ein.


(61) Kirchen kritisieren Jehova-Dokumentation, in: Die Rheinpfalz, Ausgabe Ludwigshafen, Nr. 58 vom 13. April 1999.