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Mit freundlicher Genehmigung des Autors. Zuvor veröffentlicht
in: Kirchliche Zeitgeschichte (Vandenhoeck & Ruprecht), Internationale Halbjahreszeitschrift für
Theologie und Geschichtswissenschaft, Themenschwerpunkt: Religionen und
Konfessionen in den Gesellschaften Europas, Heft 1/1999, Göttingen 1999, S.
225-239
Operativer Vorgang "Winter"
"Zersetzungsmaßnahmen" des
Ministeriums für Staatssicherheit gegen den Leiter des deutschen Zweiges der
Zeugen Jehovas, Erich Frost, verbunden mit einem Missbrauch westdeutscher Medien
Waldemar Hirch
Nicht nur in der DDR waren Zeugen Jehovas den
Verfolgungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit ausgesetzt. Auch in
Westdeutschland waren sie vor den Nachstellungen des Ministeriums für
Staatssicherheit (MfS) nicht sicher. Die folgende Abhandlung über einen Mann,
der das Nachkriegswerk der Zeugen Jehovas in Deutschland wesentlich
mitbestimmte, soll das verdeutlichen. Es handelt sich um Erich Frost, Leiter des
deutschen Zweiges der Zeugen Jehovas von 1945 bis 1955 und verantwortlicher
Redakteur für die deutschen Zeitschriften der Religionsgemeinschaft bis zum
Jahr 1964.
Beginnen
wir mit einem kurzen Lebensüberblick.
Erich
Frost wurde am 22. Dezember 1900 in Leipzig geboren. Frost studierte an der
Musikhochschule Leipzig Klavier und Komposition und war bis zum Jahr 1928 als
Konzertpianist, Kapellmeister und Musikschriftsteller tätig (1).
Im Jahr 1923 schloss
er sich den Bibelforschern, wie Zeugen Jehovas bis zum Jahr 1931 genannt wurden,
an und begann schon im Jahr darauf im Literaturdepot der Wachtturm-Gesellschaft
(WTG) in Leipzig mitzuarbeiten (2). Ab 1928 setzte er sich nur noch für seine
religiöse Überzeugung ein und arbeitete als ein reisender Beauftragter der
Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland. In den Jahren 1934 und 1935 war er wegen
seiner illegalen Tätigkeit als Zeuge Jehovas von der Gestapo verhaftet und
eingesperrt worden. 1934 wurde er nach 10 Tagen Haft wieder in Freiheit
entlassen und setzte sich in die Tschechoslowakei ab. Im Mai 1935 kam er wieder
nach Deutschland zurück und betätigte sich für seine religiöse Überzeugung
im Untergrund. Doch schon am 13. Juni 1935 wurde er erneut von der Gestapo
verhaftet und verbrachte, wie er in seinem Lebensbericht vom 1. Juli 1961
schrieb, die schlimmsten fünf Monate seines Lebens in Gestapo-Untersuchungshaft
in Braunschweig. Er beschrieb diese Tortur damit, dass er unter
"Kolbenstößen und Fußtritten, stets in Einzelhaft, täglich grausam
schikaniert und gedemütigt" wurde und dass er an seinem Leib erfuhr,
"dass Menschen zu Bestien werden können" (3). Nach fünf Monaten Haft
wurde er entlassen und arbeitete sogleich wieder im Untergrund. Im September
1936, nach einer in Deutschland erfolgten Verhaftungswelle, bei der der damalige
Reichsleiter der Zeugen Jehovas, Fritz Winkler, sowie einige Bezirksdienstleiter
verhaftet worden waren, wurde er vom damaligen Präsidenten der
Wachtturm-Gesellschaft, J. F. Rutherford, damit beauftragt, das Werk in
Deutschland wieder zu organisieren. Seine erneute Inhaftierung erfolgte am 21.
März 1937 in Berlin. Die über ihn verhängte Strafe von drei Jahren und drei
Monaten verbüßte er in einem Arbeitslager des Emslandmoores. Nach Verbüßung
der Strafhaft wurde er nicht auf freien Fuß gesetzt, sondern zunächst für
etwa drei Monate in Berlin in Schutzhaft genommen. Anschließend, im Februar
1941, überführte man Frost in das Konzentrationslager Sachsenhausen.
Nach
seiner Befreiung am Ende des Krieges wurde ihm erneut die Leitung für
Deutschland übertragen.
Operativer Vorgang "Winter"
Am 1. September 1956 wurde vom Staatssekretariat für
Staatssicherheit (StfS) (4) im "Betr. Die Sekte der 'Zeugen Jehova' in
Westdeutschland und ihre illegale Tätigkeit im Gebiete der DDR" über
Frost folgendes geschrieben:
"Die Zentrale wurde bis 1955 von dem sogenannten
Zweigdiener FROST, Erich geleitet. FROST selbst ist gebürtiger Leipziger und
hat sich vor dem Verbot nach Westdeutschland abgesetzt. Er ist ein großer
Gegner der DDR und trat auch bei den sogenannten Kongressen der 'ZJ' als
Hetzer gegen das sozialistische Lager auf. [...] FROST war während der
Nazizeit ebenfalls Leiter der Sekte und nach seiner Verhaftung durch die
Gestapo machte er dieser umfangreichen Angaben über den Aufbau,
Zusammensetzung der Sekte und Mitglieder. Dieses Gestapo Material ist in
unserem Besitz. Dieser kompromittierende Material soll operativ ausgenützt
werden. Ein inoffizieller Mitarbeiter nahm in unserem Auftrag Verbindung mit
FROST auf, um ihn im günstigen Moment anzuwerben." (5) (Der letzte Satz
wurde wieder durchgestrichen, ist aber noch gut lesbar; d. A.)
Hier wird von den sehr interessanten Sachverhalt berichtet,
Frost als inoffiziellen Mitarbeiter (IM) für den DDR-Geheimdienst anzuwerben zu
wollen. Das MfS wollte den "Hetzer gegen die DDR" unbedingt
unschädlich machen (6). Man arbeitete einen ausführlichen Plan dafür aus und
legte einen "Operativen Vorgang" für Frost an. Der Deckname des
Vorgangs war sinnigerweise "Winter" (7). Trotz des Leidensweges dieses
Mannes, der mehr als acht Jahre seines Lebens wegen seines Glaubens in Nazi-Haft
verbrachte, wurde in der vom MfS erstellten Charakteristik Frosts nichts Gutes
an seiner Person gelassen (8). Die Charakteristik war voller Unterstellungen,
die nicht bewiesen wurden. In "unfairer Art und Weise" habe Frost
andere leitende Zeugen Jehovas ausgeschaltet. Er sei schuld an der Gründung der
Bibellehrervereinigung. Die "Allgemeine Bibellehrervereinigung" (ABL)
war eine Abspaltung der Zeugen Jehovas aus dem Jahre 1945, die sich zur Aufgabe
gesetzt hatte, einerseits die Bibel zu verbreiten und herzustellen, andererseits
Zeugen Jehovas für ihre Glaubenslehre zu gewinnen und die Lehre der Zeugen
Jehovas "als Irrlehre anzuprangern" (9). Das passte dem MfS natürlich
gut ins Konzept. So heißt es in der Charakteristik unter anderem:
"1946 ging er nach Magdeburg und verstand es BALZEREIT
wiederum das zweite Mal und alle mit ihm zusammenarbeitenden Brüder
auszuschalten." (10)
Das entsprach nicht den Tatsachen, denn Paul Balzereit, der
Leiter des Werkes in Deutschland bis 1935, hatte schon im Dezember 1945 zusammen
mit anderen die Bibellehrervereinigung beim Amtsgericht Magdeburg registrieren
lassen (11). Balzereit war im Jahre 1936 aus der Gemeinschaft der Zeugen Jehovas
ausgeschlossen worden (12). Schon 1934 war es zu Unstimmigkeiten mit anderen
Zeugen Jehovas in Deutschland gekommen, da Balzereit nach der offiziellen
Wiederaufnahme des Predigtdienstes im September 1934, nicht ganz dahinterstand,
sondern immer noch versuchte, durch einen Kompromiss- und Verhandlungskurs das
Verbot gegen die Zeugen Jehovas rückgängig zu machen. Nach seinem Ausschluss
hatte er weitere Kompromisse in seinem Glauben geschlossen. Im Krieg war er in
der Wehrmacht tätig gewesen und wäre für eine solche Leitungsposition bei den
Zeugen Jehovas nicht mehr in Frage gekommen.
Das MfS
sah in Frost ganz offensichtlich nur einen ideologischen Gegner, der bei
"allen sog. Kreisversammlungen als Hetzredner gegenüber der DDR und
Sowjetunion auftritt" (13) und den es auszuschalten galt. Da die HA V/4/C
des MfS bei Durchsicht der in ihrem Besitz befindlichen Gestapo-Akten auch auf
Akten von Frost aus dem Jahr 1937 gestoßen war, wollte man ihn auf diese Weise
erpressen, als IM für die MfS zu arbeiten. Wie wenig die MfS-Schergen zu dieser
Zeit wirklich die Hintergründe der Aussagen Frosts und auch Frost selbst
kannten und auch, wie wenig die Frost-Akten vom April 1937 historisch
aufgearbeitet wurden, zeigt folgende Aufzeichnung:
"In diesen Protokollen gibt F. als sog. Reichsdiener,
welcher für das gesamte damalige Deutschland verantwortlich war, die gesamte
Struktur, Illegalität, Funktionäre, die Verbindungen, die Anleitung und
Aufträge, welche er von der Zentrale erhalten hat, der Gestapo preis."
(14)
Zu dieser Zeit war aber der Gestapo die Struktur und der
organisatorische Aufbau der Zeugen Jehovas schon bekannt. Die führenden
Funktionäre wurden von der Gestapo per Haftbefehl gesucht bzw. waren schon vor
Frost von der Gestapo gefasst worden. Aus der Anzeige der Gestapo gegen den
damaligen Bezirksdienstleiter Konrad Franke an den Oberstaatsanwalt in Darmstadt
vom Dezember 1936 (15) geht hervor:
"Trotz aller Gegenmaßnahmen des Staates nahm das
illegale Treiben der Sekte von Monat zu Monat zu. Immer und immer wieder
verbotene Zusammenkünfte der Zeugen Jehovas festgestellt und fast täglich
tauchten in den verschiedensten Gegenden des Reiches ihre Schriften auf, die
vom Auslande her in Einzelexemplaren an im Inland wohnhafte Anhänger
geschickt und von diesen vervielfältigt und verbreitet worden sind.
Auf
Anordnung des Geheimen Staatspolizeiamts Berlin wurde deshalb Ende August 1936
gleichzeitig im ganzem Reich eine Aktion gegen die Bibelforscher eingeleitet.
Im
Verlauf dieser Aktion konnte zunächst in Berlin der Reichsleiter des
illegalen IBV-Apparates (Internationale Bibelforscher-Vereinigung, d. A.)
Fritz Oswald Winkler, wohnhaft in Langenberg i. Thür., festgenommen und die
gesamte illegale Organisation aufgedeckt werden.
Das
gesamte Reich war in verschiedene Bezirke eingeteilt , an deren Spitze jeweils
ein Bezirksdienstleiter stand." (16)
Bereits am 24. August 1936 war der Reichsleiter für
Deutschland, Fritz Winkler, von der Gestapo in Schutzhaft genommen worden. Aus
der Schutzhaft heraus schrieb er an Konrad Franke handschriftlich einen Brief,
indem er ihn dazu aufforderte, sein Schweigen über die Organisation zu brechen,
da der Gestapo bereits alle Fakten bekannt seien und Franke durch
Schweigen sein eigenes Leiden lediglich vergrößern würde. In Winklers Brief
heißt es:
"Lieber Konrad!
ich sitze seit ca. 3 Wochen hier im Konzentrationslager. Die Beamten der
Polizei sind mit allen Einzelheiten unserer Organisation vertraut gewesen, so
dass es gar nicht möglich war, bzw. ich keinen Zweck sah, irgendeine
Angelegenheit zu verschweigen.
Ich
grüße Dich herzlich Dein Fritz Winkler."
Als Nachsatz schrieb er an Franke:
"Auch die Namen der D.L. [Dienstleiter, damals
zuständig für eine oder mehrere Gemeinden der Zeugen Jehovas, d.A.] sind
durch die bei der Stapo Magdeburg befindliche Kartothek, bzw. Liste, bekannt.
Es hat also wenig Wert, die Namen nicht zu sagen, da man entschlossen scheint,
das Werk zu zerschlagen und andernfalls der Menge der Geschwister
Schwierigkeiten gemacht würde.
Man
hat mir versichert, dass man nicht die Absicht hat die D.L. zu verhaften und
ihnen Schwierigkeiten zu machen." (17)
Wenige Tage nach der Verhaftung Winklers war es zu einer
Verhaftungsaktion der Gestapo gekommen, bei der auch der Bezirksdienstleiter
Georg Bär, Ende August 1936, festgenommen wurde.
Er
berichtete über sein erstes Verhör, bei dem er vom einem Verhörbeamten über
die gesammelten Gestapo-Erkenntnisse aufgeklärt wurde. Der Beamte sagt ihm,
dass ihm bewusst sei, dass er, Bär, mehr wisse, als er sagen wolle. Er würde
es ihnen leicht machen. Er solle sich doch einmal folgendes ansehen. Bär
berichtete:
"Er forderte mich auf an seinem Schreibtisch zu
treten, zeigte mit einige maschinengeschriebene Blätter und ließ mich lesen.
Da standen all die Namen der Brüder, die in Deutschland reisten, als letzter
auch meiner. Dann konnte ich die Namen der Versammlungen lesen, die wir
besucht hatten, und auch die Namen der Brüder. Hier stand schwarz auf weiß,
wieviel Literatur, Sprechapparate und Schallplatten wir bestellt hatten. Auch
die Spenden und sonstige Gelder, die wir abgeliefert hatten, waren
aufgeführt. Ja, ich konnte es kaum glauben, unsere ganze
Untergrundorganisation war hier aufgeführt und lag ausgebreitet in den
Händen der Gestapo." (18)
Bär berichtet weiter:
"Monatelang hat mich der Gedanke gequält, woher die
Gestapo all unsere Unterlagen hatte. Später habe ich dann erfahren, dass all
unsere Bestellungen, Berichte und abgelieferten Gelder sorgfältig in Karteien
eingetragen und aufbewahrt wurden, die dann alle von der Gestapo gefunden und
beschlagnahmt wurden." (19)
Die Kartei, die Winkler als Reichsleiter angefertigt hatte,
mitsamt den verschiedensten Aufzeichnungen, befand sich somit im Besitz der
Gestapo (20). Die Vorwürfe des MfS an Frost, er habe den gesamten Apparat der
Zeugen Jehovas im April 1937 verraten, entbehren daher jeglicher Grundlage.
Da Frost
vorgeworfen wurde, die Namen seiner sämtlichen Bezirksdienstleiter an die
Gestapo verraten zu haben, muss auch auf diesen Vorwurf eingegangen werden: Beim
Verhör durch die Gestapo nannte Frost die Bezirksleiter mit Namen. Er nannte
Georg Rabe, Arthur Nawroth, August Fehst, Otto Dauth, Fred Maier, Walther
Friese, Heinrich Ditschi, Albert Wandres und Karl Siebeneichler (21).
Dass alle
diese Bezirksdienstleiter von der Gestapo gesucht wurden, bzw. schon inhaftiert
waren, wusste Frost. Die sich noch auf freiem Fuß befindenden Männer mussten
schließlich, wie er selbst, im Untergrund leben, da Haftbefehle ausgestellt
waren. Die Namen, die Frost nannte, waren somit für die Gestapo kein Geheimnis.
Zudem waren Georg Rabe, Arthur Nawroth, Otto Dauth und Karl Siebeneichler
bereits vor Frosts Inhaftierung festgenommen worden. August Fehst, Walther
Friese und Albert Wandres waren zur Fahndung ausgeschrieben (22). Heinrich
Ditschi wurde seit dem 23. Mai 1936 von der Gestapo gesucht (23). Über Fred
Maier konnten bisher keinerlei Aufzeichnungen gefunden werden, jedoch ist mit
Sicherheit auch er, als Bezirksdienstleiter der Zeugen Jehovas, der Gestapo kein
Geheimnis gewesen.
Auf der
Grundlage der charakteristischen Einschätzung Frosts wurde vom MfS ein
Operativplan ausgearbeitet, bei dem man sich gute Chancen der Anwerbung
ausrechnete, der aber aufgrund der tatsächlichen Fakten kein sehr stabiles
Fundament besaß.
Um
Verbindung zu Frost aufzunehmen, begann man zunächst mit der Observierung der
Zentrale in Wiesbaden. Als Werber für Frost sollte der geheime Informator (GI)
"Pop Erhard" (24) fungieren. Da Frost als Kapellmeister gearbeitet und
sich zudem als Musikschriftsteller betätigt hatte, sollte jemand Gleichwertiges
den Auftrag übernehmen. Der ausgesuchte GI hatte an der Karl-Marx-Universität
in Leipzig Theologie studiert, fungierte zunächst als Vikar, wurde von 1937 zum
Pfarrer ordiniert und "war den Organen der Staatssicherheit treu
ergeben" (25). Von 1950 bis 1951 wurde er als Sekretär des Friedensrates
im Lande Sachsen eingesetzt. Bis 1954 war er als Lektor für deutsche Sprache
und Literatur an der Technischen Hochschule in Dresden angestellt. In der
Zwischenzeit war er vom Staatssekretariat für das Hochschulwesen in die
Zentrale Kommission für die deutsche Sprache berufen worden. Ab 1954 war er als
Lektor an der Hochschule für Gartenbau in Pillnitz tätig. Zudem war seine
Zuverlässigkeit auch daraus ersichtlich, dass er dem MfS sowohl über
"Synoden, kirchliche Zusammensetzung, Struktur" als auch "über
kirchliche Verbindungen innerhalb Deutschlands" berichtete (26). Der GI
erhielt Einsicht in die Gestapo-Akten, um ihn für diese Aufgabe "politisch
und moralisch zu festigen". Da man beim MfS nicht annahm, dass auf der
Basis der Überzeugung gewonnen werden konnte, sollte der GI bestimmte
Unterlagen "in einer speziellen Aktentasche" mit in den Westen nehmen.
Hierbei handelte es sich um von Frost angemachte Angaben, "um ihn moralisch
zur Anwerbung zu zwingen" (27).
Monatelange
Vorbereitung war bis zum Gespräch zwischen dem GI und Frost nötig. Man legte
exakt fest, wie der GI beim Gespräch mit Frost verfahren sollte. Zunächst
wurde der GI nach Wiesbaden geschickt, um Frost kennenzulernen und ihn
einschätzen zu können. seine Legende war, dass er in seiner Doktorarbeit auch
eine "dogmengeschichtliche Gegenüberstellung der erstarrten Landeskirchen
zu den freien religiösen Gemeinschaften" erarbeiten wolle. Er versuchte,
Frosts Vertrauen zu erhalten, indem er ihm erzählte, dass er aus seiner Jugend
noch einige Bibelforscher kenne, mit denen er auch schon viele theologische
Gespräche geführt habe. Ganz nebenbei kam er auch darauf zu sprechen, dass er
bei seiner Forschungsarbeit auch auf Aktenmaterial "aus den Giftschränken
der Deutschen Bücherei" über Jehovas Zeugen gestoßen sei. Sie kamen auch
auf das Bibelforscherverbot in der DDR zu sprechen. Dabei sagte Frost, dass der
ehemalige Ministerpräsident von Sachsen, Max Seydewitz, zu ihm als
Konzentrationslagerkamerad gesagt habe: "draußen sind täglich die
Pastoren der katholischen und evangelischen Kirchen, belasten euch auf das
furchtbarste und sagen, die Bibelforscher wären die gefährlichsten politischen
Kirchenorganisationen, die es gäbe" (28). Frost hoffe aber noch auf eine
Wiederzulassung der Zeugen Jehovas in der DDR.
Am 12.
Juli 1956 fand das eigentliche Treffen zwischen dem GI und Frost in der
Unterkunft des GI in Wiesbaden statt. Der GI sagte im Gespräch, dass er durch
seine Arbeit im Archiv Potsdam die Gestapo-Akten von Frost gefunden hätte und
sich "um ihn als Christ sorge". Im Bereicht über dieses Treffen
heißt es: "Über diese Mitteilung war Frost keineswegs erschüttert oder
verstört, sondern er habe sofort zugegeben, dass er die und die Personen damals
gemeldet hätte." (29) Er begründete dies damit, dass er einer der letzten
Funktionäre gewesen sei, die die Gestapo verhaftet habe. Weiter habe er gesagt:
"Die Gestapo hätte bereits über alles von ihm gesagte Bescheid gewusst."
(30)
Frost
zeigte sich erstaunt darüber, dass diese Unterlagen noch existieren würden.
Weiter heißt es in den Aufzeichnungen des GI Popp:
"Ein Interesse an der Vernichtung der Materialen
besteht von Seiten des Frost nicht. Lediglich ist er daran interessiert, wer
sich von unseren Staatsorganen bei Auffinden der Unterlagen dafür
interessieren würde, in Erfahrung zu bringen. Damit war überraschend schnell
das Thema 'Gestapoakten' beendet." (31)
Forst ging zu einem anderem Thema über und erzählte dem GI,
dass er an eine Legalisierung der Zeugen Jehovas in der DDR interessiert sei.
Der GI war perplex, da er mit solch einem Ausgang nicht gerechnet hatte. Frost
bestimmte den Gesprächsverlauf, war auf ein solches Gespräch offenbar
vorbereitet und ließ den GI freundlich, aber bestimmt abblitzen. Der Beschluss
zum Ablegen des Operativvorgangs bezüglich Forst lautet:
"Frost wurde mit der Perspektive bearbeitet, um ihn
anzuwerben. Das Verhalten des Frosts lief darauf hinaus, dass er auf eine
Anwerbung von unserer Seite ablehnend gegenüber stand. Eine direkte
Bearbeitung des Frost erfolgt nicht mehr. Innerhalb des Objektvorgangs 'Zeugen
Jehova' erfolgt die Bearbeitung." (32)
Natürlich sollte beim MfS damit nicht die Angelegenheit ad acta
gelegt werden. Man setzte eine Verleumdungsklage in Gang, die viele Jahre die
Person Frost diskreditieren sollte. Zunächst fasste man das
"kompromittierende Material über Frost" in Form einer Broschüre
zusammen, die unter den Zeugen Jehovas in Westdeutschland und der DDR verbreitet
wurde (33). Die dreiundzwanzigseitige Broschüre hatte den Titel: "Erich
Frost - Der Verräter an der Sache Jehovas" (34).
Diese
Broschüre enthielt genau die Vorwürfe an Frost, die in den folgenden Jahren
die Person Frost diskreditieren sollten. Diese Vorwürfe fanden sich im Juli
1961 auch im "Spiegel"-Artikel wieder.
"Väterchen Frost", ein
diffamierender Artikel in der Zeitschrift "Der Spiegel"
In der Ausgabe vom 1. Juli 1961 hatte Frost seinen Lebensbericht
in der international verbreiteten Zeitschrift "Der Wachtturm" unter
dem Thema "Befreiung von totalitärer Inquisition durch Glauben an
Gott" veröffentlicht. Hier schrieb er auch über die Behandlung der Zeugen
Jehovas in Ostdeutschland und zog Parallelen zu den totalitären Regime der
Nazi. Auszugsweise heißt es hier:
"Im Jahre 1950 begann die totalitäre Inquisition im
kommunistischen Ostdeutschland von neuem. Das Büro in Magdeburg wurde von
neuem beschlagnahmt und nochmals haben unsere Brüder in dem Glauben, dass
Jehova sie befreien kann, die Herausforderung angenommen. Verstehst Du, warum
meine Gedanken oft den 'Vorhang' der Deutschland entzweit, durchdringen und
dort bei jenen Zeugen weilen, die viele in Nazilagern litten und heute in
kommunistischen Gefängnissen schmachten? Gegenwärtig sind 407 treue Zeugen
in Ostdeutschland eingesperrt. [...] Die totalitäre Inquisition kann Glieder
des Volkes Jehovas wohl gefangensetzen und sie drangsalieren, wenn Jehova es
zu einem Zeugnis zulässt, nichts aber kann den Geist Jehovas in Fesseln
legen! Mögen Christen, die unter totalitären Inquisitionsmethoden leiden,
und auch ihre Bedrücker niemals vergessen, dass Jehova während der Zeit der
Nazi-Inquisition beständig mit seinen Zeugen war."(35)
Sein Bericht muss unglaublichen Zorn bei staatlichen Stellen in
Ostdeutschland ausgelöst haben. Schließlich wurde von Frost in weltweit
verbreiteten Artikel eine Parallele vom Nazi-Regime zum kommunistischen Regime
in der DDR gezogen und eine offene Anklage angesprochen (36). Auf die Antwort
brauchte Frost nicht lange warten.
An den
damaligen Präsidenten der Wachtturm-Gesellschaft, Nathan Homer Knorr, war zum
Bezirkskongress, der vom 18.-23. Juli 1961 in Hamburg stattfand, vom MfS ein
anonymer "Offener Brief" geschickt worden, in dem Erich Frost
angeklagt wurde, während seiner Gestapohaft zum Verräter geworden zu sein. Er,
Knorr, solle sich des Falles annehmen, da es unmöglich sei, einen Verräter
weiterhin im Werk für Deutschland tätig sein zu lassen (37).
Der
"Parlamentarische-Politische Pressedienst", Bonn, veröffentlichte
über Frost am 5. Juli 1961, dass unter den Zeugen Jehovas ein Meinungsstreit
entstanden sei, ob Frost Anhänger bei der Gestapo denunziert habe. Frost stehe
diesbezüglich unter Verdacht (38). Ein solcher Meinungsstreit hatte aber nicht
bestanden. d. h. auch hier war ganz offensichtlich das MfS als Informant
aufgetreten mit der Absicht, einen solchen Meinungsstreit künstlich zu
erzeugen.
Von
besonderer Brisanz wurde dann aber die Veröffentlichung im Nachrichtenmagazin
"Der Spiegel" in der Ausgabe vom 19. Juli 1961. Pünktlich zum
beginnenden Bezirkskongress der Zeugen Jehovas in Hamburg erschien ein Bericht
über Erich Frost mit dem Titel "Väterchen Frost", in dem ihm
vorgehalten wurde, verschiedene Glaubensbrüder in Gestapohaft verraten zu haben
(39). Diese Informationen waren dem Spiegel zugespiegelt worden. Erst jetzt ist
bewiesen, dass der Urheber der Kampagne beim MfS zu finden ist.
Im
"Plan für koordinierte Aktivierung aller ZJ-Oppositionsarbeit" vom
10. Februar 1962 wird der Drahtzieher der Kampagne gegen Frost identifiziert. Es
heißt hier unter dem Stichwort "Inoffizielle Opposition", dass
gestützt auf die Akten der Gestapo die "Frostbrief-Aktion laufend
fortgesetzt" werde. Es seien bisher "7 anonyme Briefe dieser Art
versandt worden."(40) Diese anonymen Briefe waren an verschiedene leitende
Zeugen Jehovas und an die weltweit etablierten Zweigbüros der Zeugen Jehovas in
alle Welt sowie an das Hauptbüro in Brooklyn/New York verschickt worden. Ganz
offensichtlich wurden ähnliche Briefe auch an verschiedene Zeitungsredaktionen
wie dem "Spiegel" gesandt. Sie enthielten scharf formulierte
Unterstellungen gegen Frost, damit beginnend, er habe durch die Nennung der
Bezirksdienstleiter Verrat an seinen Brüdern begangen, er habe ein
Liebesverhältnis mit seiner Sekretärin Ilse Unterdörfer gehabt, als auch die
Unterstellung, er habe Spendengelder für eigene Zwecke verwendet (41).
Indem
diese Briefe auch in die englische Sprache übersetzt und weltweit verschickt
wurden. sollte erreicht werden, dass ein inszenierter Aufruhr entstehe und Frost
seines Amtes enthoben werde. Dies konnte durch diese Briefe und Anschuldigungen
aber nicht erreicht werden.
Da die
verschiedenen Zweigbüros diese erhaltenen Briefe in das deutsche Zweigbüro
nach Wiesbaden sandten, wurde die Kampagne erkannt. Gerade wegen der Bezugnahme
auf die Geheimdienstakten der Gestapo, auf die sich das MfS den Zugriff
gesichert hatte, war eine Verbindung in den Osten schnell gezogen. Zudem
erkannte man durch die gestempelten Briefmarken, dass fast sämtliche Briefe aus
Westberlin von Poststelle Südwest 11 verschickt wurden. Außerdem waren als
Absender langjährige Zeugen Jehovas aufgeführt worden, die schon in den
NS-Konzentrationslagern für ihre Überzeugung gelitten hatten und deshalb als
besonders glaubwürdig galten. Z. B. war der unter Jehovas Zeugen bekannte
KZ-Überlebende Josef Rehwald als Absender
eines anklagenden Briefes an das Zweigbüro in Bombay/Indien genannt worden (42). Nicht jeder würde die Fälschung sogleich erkennen, so hoffte das MfS,
und würde so den Inhalt zumindest mit Interesse lesen.
Besonders
die Abteilung X des MfS war auf dem Gebiet der Internationalen Verbindungen für
aktive Maßnahmen der Desinformation zuständig. Hier spielten natürlich die
Redaktionen verschiedener Zeitungen und Zeitschriften, die Fernseh- und
Hörfunksender und deren Journalisten eine bedeutende Rolle. Hier versucht man,
besonders brisantes Material, das für die Durchsetzung der MfS-Interessen
wichtig war, zu plazieren (43). Markus Wolf, langjähriger Leiter der HVA, gab
offen zu:
"Die Hauptaufgaben unserer Abteilung für Aktive
Maßnahmen bestanden darin, die subversiven Aktivitäten der gegnerischen
Aktivitäten der gegnerischen Seite publik zu machen und gleichzeitig durch
den Einsatz von Fakten und Dokumenten, angereichert mit selbstfabriziertem
Material, Personen und Institutionen der Bundesrepublik im Misskredit zu
bringen, die der DDR feindlich gesonnen waren," (44)
Parallelen lassen sich auch beim Kampf des MfS gegen die Kampfgruppe
gegen Unmenschlichkeit (KgU) feststellen, die ihre Aufgabe unterem in der
Information über den Terror in der DDR sah. Auch hier ließ die Reaktion des
MfS nicht lange auf sich warten, das durch "eine große psychologische
Propaganda-Aktion", bei "der das MfS alle Register seines skrupellosen
Könnens zog", die KgU zu diskreditieren und aufzulösen suchte (45).
Ähnlich wie bei Frost wurden bei KgU "westdeutsche Politiker und Medien
eingeschaltet"(46). Auch die Zeitschrift "stern" ließ "sich
in Stasi-Aktionen einschalten" (47). "Westliche Publikationsorgane
meinten nach dem jahrelangen Propagandafeuer der DDR, dass vielleicht doch
irgend etwas an den Anschuldigungen wahr sei." (48) Der KgU wurde aufgrund
des entstandenen politischen Drucks am März 1959 augelöst.
Ähnliches
wird auch über den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen (UFJ)
berichtet (49). Dieser war im Herbst 1949 gegründet worden mit dem "Ziel
der Bekämpfung des totalitären Regimes in der DDR". Die typische
MfS-Arbeit begann auch hier schon sehr bald: Nicht bestellte Ware wurde
zugesandt, man verunglimpfte sie bei den Nachbarn, Briefe wurden gefälscht und
anderes Bösartiges mehr. Bald wurden auch von solchen Zeitungen, "die dem
Untersuchungsausschuß bisher immer positiv entgegengestanden hatten, die Frage
nach seiner Existenzberechtigung gestellt"(50). Der UFJ wurde am 1. Juli
1969 aufgelöst und in die Bundesanstalt für gesamtdeutsche Aufgaben
eingegliedert.
Zu den
wichtigsten Aufgaben des MfS gehörte die Kompromittierung und Verunsicherung
des Gegners. Um bekannte Politiker zu diskreditieren, durchwühlte man besonders
deren NS-Vergangenheit, um belastendes Material zu finden. Wurde wenig oder
nichts Belastendes gefunden, wurde es eben "durch Dokumente aus eigener
Fertigung 'vervollständigt'" (51). Diese suchte man anschließend durch
westliche Redaktionen zu verbreiten (52). Da sich "das MfS Anfang der
fünfziger Jahre den Zugriff auf die Nazi-Akten gesichert hatte", wurden z.
B. fast alle führenden Politiker der CDU der Kollaboration mit dem NS-System
beschuldigt (53). Z. B. wurde Mitte der 60er Jahre dem damals amtierenden
Bundespräsidenten Heinrich Lübke vorgeworfen, der Konstrukteur von
faschistischen Konzentrationslagern gewesen zu sein. Eine im Zentralarchiv in
Potsdam gefundene Skizze einer Konzentrationslager-Baracke konnte so gut
gefälscht werden, dass man den Eindruck gewinnen musste, Lübke sei in den Bau
verwickelt gewesen und habe sich somit am Aufbau der Lager beteiligt. Diese
Fälschung wurde an die Redaktion der Zeitschrift "stern" gebracht,
dort überprüft und schließlich veröffentlicht (54).
Fakt ist,
dass eine wirkliche Auswertung der Gestapo-Akten über Frost durch das MfS nicht
stattgefunden hat und dass man Aussagen in Gestapo-Akten schnell für bare
Münze nahm. Man untersuchte nicht, ob die Angaben von Frost länger bekannt
waren, ob sie somit für die Gestapo überhaupt einen Wert hatten, man nahm
alles wörtlich, d. h. man wertete Akten eines Geheimdienstes nicht aus, um die
historische Wahrheit zu finden, sondern nutzte einfach den niedergeschriebenen
Inhalt, wie auch immer der zustande kam und wie niedrig sein tatsächlicher
Informationswert auch war.
Die
Redakteure des "Spiegel", die keinerlei Möglichkeiten hatten, die
Anklage gegen Frost zu hinterfragen, geschweige denn zu beweisen, ließen sich
für den Preis einer interessanten Enthüllungsgeschichte nur zu gern darauf
ein, auch Informationen aus dubiosen Quellen zu verwenden und somit
Unterstellungen des DDR-Geheimdienstes als Tatsachen zu veröffentlichen.
Die
Diffamierung gegen Frost wurden 1961 nicht abgeschlossen. Zum Beispiel enthalten
die MfS-Akten Willy Müllers, des IM "Rolf", der Herausgeber der
MfS-Zeitschrift "Christliche Verantwortung" aus Gera war, verschiedene
Kopien von Briefen, die das MfS aus Westberlin gegen Frost versandt hatte.
Auszüge aus diesen Briefen wurden in der MfS-Zeitschrift veröffentlicht. Auch
in dieser Zeitschrift wurde über Jahre auf übelste Weise über Frost
hergezogen. Man nannte diesen integren Mann, der es gewagt hatte, offen gegen
das kommunistische Regime zu sprechen, einen "Gestapo-Handlanger",
über dessen Verrätereien auch schon westdeutsche Zeitungen berichtet hätten (55). Noch Jahre später wurde in der Zeitschrift "Christliche
Verantwortung" immer wieder Frost als Verräter eingeordnet.
Aber auch
der Materialdienst der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen
nahm sich dieses Themas an und berichtete in der Ausgabe vom 15. Oktober 1961
unter dem von Kurt Hutten bearbeiteten Thema "Frosts
Gedächtnislücke", dass der Lebensberichts Frosts, erschienen im WT, nicht
der Wahrheit entspreche, da das Hamburger Magazin "Der Spiegel" Frosts
Kollaboration mit der Gestapo dargestellt habe (56).
Das im
Jahre 1970 erschienene Machwerk "Die Zeugen Jehovas" von Manfred
Gebhard enthielt Vorwürfe gleicher Art, führte Kopien einzelner Gestapo-Akten
auf und veröffentlichte den "Spiegel"-Artikel, um die Richtigkeit der
eigenen Publikation zu beweisen und aufzuwerten (57).
Selbst in
einer westdeutschen Dissertation über die Geschichte der Zeugen Jehovas aus dem
Jahre 1972 wird der "Spiegel"-Artikel als Indiz genommen, um die
Glaubwürdigkeit des Lebensberichtes Frosts anzuzweifeln (58).
Derselbe
Verfasser machte auch im Jahre 1998 in einem Aufsatz wiederum auf den
Spiegel-Artikel aus dem Jahr 1961 aufmerksam. Es heißt dort:
"Nach dem Krieg aufgefundene Vernehmungsprotokolle der
Gestapo lassen aber erkennen: Frost hat Treffpunkte und Aufgaben seiner acht
Bezirksdiener verraten; einen davon, Karl Siebeneichler, kostete das das Leben
im KZ Sachsenhausen (Zeitschrift 'Der Spiegel' vom 19. Juli 1961)."(59)
Damit hat er nichts bewiesen, lediglich Angaben des
"Spiegel" kolportiert (60).
Anti-Kult
Gruppen und Kirchen gebrauchen den im "Spiegel" veröffentlichten
Artikel bis in die Gegenwart, um gegen Jehovas Zeugen Stimmung zu erzeugen. So
konnte man in einer Tageszeitung vom 13. April 1999 als Kritik über die
gezeigte Wanderausstellung der Zeugen Jehovas "Standhaft trotz Verfolgung -
Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" lesen, dass schon der
"Spiegel" im Jahre 1961 Erich Frost als Verräter "entlarvt"
habe (61).
Von den
eigenen Glaubensbrüdern ist die Integrität Frosts niemals ernsthaft
angezweifelt worden.
Waldemar Hirch, Historiker, Hügelstraße 9, D-64367
Mühltal
Email: waldemar.hirch@standhaft.org
(1) Vgl. Lebenslauf Hugo Erich Frost, BStU,
ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl. 65 f.
(2) Vgl. Lebensbericht Erich Frost: Befreiung
von totalitärer Inquisition durch Glauben an Gott, in: Der Wachtturm vom 1.
Juli 1961, 409 ff.
(3) Ebd.
(4) Von 1953 bis 1957 amtierte das MfS als
"Staatssekretariat für Staatssicherheit". Vgl. Clemens Vollnhals, Das
Ministerium für Staatssicherheit. Ein Instrument totalitärer
Herrschaftsausübung, BStU, Abteilung Bildung und Forschung, Berlin 1995.
(5) StfS, 1.9.1956, "Die Sekte der 'Zeugen
Jehova' in Westberlin und ihre illegale Tätigkeit im Gebiet in der DDR",
SAPMO BArcj Berlin, SED ZK, Sekretariat Paul Merker, DY 30/IV 2/14/250, Fiche
Nr. 4, 227.
(6) Beschluss des StfS für das Anlegen des
Einzelvorganges bezüglich E. Frost vom 3.11.1955, BStU ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl.
6; Charakteristik über E. Frost, erstellt von der Bezirksverwaltung Leipzig
Abt. V/4 vom 28.6.1955, aaO., Bl. 11 f.
(7) Ebd.
(8) Vgl. Charakteristik über Erich Frost, aaO. (Anm.
6).
(9) Bericht der LBdVP Sachsen-Anhalt über die
Allgemeine Bibellehrervereinigung, Sitz Magdeburg, ohne Datum, BArch Berlin,
DO-4, Nr. 734.
(10) Charakteristik über E. Frost, aaO. (Anm.
6)
(11) Vgl. Bericht der LBdVO Sachsen-Anhalt, aao.
(Anm. 9)
(12) Vgl. Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1974,
Wachtturm Bibel- und Traktatgesellschaft, Wiesbaden 1974, 149.
(13) Bericht der Hauptabteilung V/4/C des MfS
"über kompromittierendes Material des Zweigdienstes der Sekte 'Zeugen
Jehova'" vom 2.6.1955, BStU ZA-MfS 469/58, Bl. 15.
(14) AaO., Bl. 16.
(15) Konrad Franke war am 31. August 1936 in
Darmstadt in Schutzhaft genommen worden. Erst im Dezember 1936 wurde eine
Anzeige der Gestapo an den Oberstaatsanwalt als den Leiter der Anklagebehörde
beim Sondergericht Darmstadt geschrieben. Der genaue Tag ist auf der
Anzeige nicht enthalten.
(16) Anzeige der Geheimen Staatspolizei gegen
Max Konrad Franke vom Dezember 1936, Staatsarchiv Darmstadt, G 27, Nr. 582.
(17) Handschriftlicher Brief Fritz Winklers an
den sich ebenfalls in Schutzhaft befindlichen Konrad Franke vom 8. September
1936, Staatsarchiv Darmstadt, G 27, Nr. 582.
(18) Bericht des Bezirksdienstleiters Georg
Bär, in: Jahrbuch 1974, aaO. (Anm.12), 153 f.
(19) Ebd.
(20) Das Brisante hieran war, dass die auf dem
internationalen Kongress der Zeugen Jehovas vom 4.-7. September 1936 in Luzern
beschlossene strukturelle Umorganisierung durch den Bezirksdienstleiter Dietschi,
zumindest im Raum Hamburg, im wesentlichen bereits zu Beginn des Jahres 1936
durchgeführt worden war. Vgl. Detlef
Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten
Reich", München 1977, 251, Anm. 134. Man kann deshalb mit Sicherheit
davon ausgehen, dass die beschlossene Umstrukturierung ebenfalls in den in der
Karthotek Winklers aufbewahrten Aufzeichnungen enthalten war und somit für die
Gestapo kein Geheimnis mehr darstellte. Zudem waren eine ganze Anzahl der 300
teilnehmenden Zeugen Jehovas am Kongress in Luzern aus Deutschland direkt nach
ihrer Rückkehr ins deutsche Reich verhaftet worden. Schon über diese
Teilnehmer war die Gestapo, die zur Bekämpfung der Glaubensgemeinschaft einen
großen Apparat aufgebaut hatte, gut unterrichtet. Während der Verhaftungswelle
in den Monaten August/September 1936 kamen weit mehr als 1000 Zeugen Jehovas in
Schutzhaft. Über sie versuchte die Gestapo selbstverständlich auch etwa noch
benötigte Informationen über die Umstrukturierung zu erhalten. Hier muss davon
ausgegangen werden., dass nicht jeder die Kraft hatte, den brutalen
Verhörmethoden standzuhalten, und zumindest einen Teil seines Wissens preisgab.
Ein wesentlicher Teil der Umstrukturierung war, dass Verbindungswege zwischen
den verschiedenen Ebenen nur noch von einer "organisatorischen Einheit zur
nächsten reichten". AaO., 250. Dadurch sollte verhindert werden, dass
einerseits bei den Verhören, viele Namen von Glaubensbrüdern genannt wurden
und andererseits etwaige eingeschleuste Spitzel möglichst wenige Personen
namentlich in Erfahrung bringen konnten. Das brachte mit sich, dass selbst Erich
Frost als Reichsdiener für Deutschland die Namen der Gruppendiener, die ja
durch die Ebene der Bezirksdienstleiter eingesetzt wurden, nicht kannte und
allein schon aus diesem Grund nicht nennen konnte. Diese Tatsache wird durch die
Verhörprotokolle der Gestapo bestätigt.
(21) Gestapo-Verhörprotokoll Erich Frost vom
2. April 1937, BStU ZA-MfS 469/58, Bd. 1, Bl.23 f. In diesem Band sind auch die
Gestapo-Protokolle über Frost enthalten.
(22) Vgl. Detlef
Garbe, Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten
Reich", München 1977, 246, Anm. 109.
(23) AaO., 259, Anm 167.
(24) Vorschlag zur Entsendung des GI 'Pop
Erhard' nach Westdeutschland zur Anmerkung des Zweigdieners Frost, BStU ZA-MfS
469/58, Bd. 1, 97 ff. In manchen Berichten wird der GI auch einfach
"Popp" genannt. GI war die damalige Bezeichnung für IM.
(25) Ebd.
(26) AaO., Bl. 98.
(27) AaO., Bl. 99.
(28) Betrifft: Zentrale der "Zeugen
Jehova" in Wiesbaden, aaO., Bl. 95.
(29) Betreff: Auszug aus dem Treffbericht des
GI "Popp" vom 12.7.1956. Hier wird das Treffen mit Frost in Wiesbaden
wiedergegeben. AaO., Bl. 103 f. Hier wird der GI abwechselnd Popp und dann Pob
genannt.
(30) Ebd.
(31) Ebd.
(32) Ebd.
(33) Schlussvermerk zu "Winter" vom
14.4.1958. Hier heißt es: "Das vorhandene kompromittierende Material über
Frost wurde in Form einer Broschüre zusammengefasst. Dieses wird bei einer
günstigen Situation unter den 'Zeugen Jehova' in Westdeutschland und der DDR
verbreitet. Zur Zeit verbleiben diese Broschüren bei der HA V/4." AaO.,
Bl.105.
(34) Broschüre: Erich Frost - Verräter an der
Sache Jehovas, 23seitige Broschüre, AaO., Bl.106 ff.
(35) Der Wachtturm vom 1. Juli 1961, aaO. (Anm.
2), 414. Die Ausgaben erscheinen etwa einen Monat vor dem auf der
Zeitschrift gedruckten Datum. Somit kannte man den Lebenslaufs Frosts schon etwa
ab Ende Mai 1961.
(36) Zusätzlich muss hier bedacht werden, dass
die permanente Fluchtbewegung von Ost- nach Westdeutschland die DDR beständig
schwächte. Allein im Juli 1961 verließen 30 444 Einwohner fluchtartig die DDR.
Von Januar bis September 1961 waren es 195 828 registrierte Flüchtlinge. Auf
Kritik reagierte man unter diesen Umständen äußerst sensibel. Vgl. Werner
Stein. Der große Kulturfahrplan, München-Berlin 981, 1296.
(37) Vgl. Documents Throw Their Shadow, Second
Public Letter To Brother Knorr, Hamburg, International Assembly of Jehova's
Witnesses, 1961. Geschichtsarchive der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.
(38) Vgl. Manfred Gebhard, Die Zeugen Jehovas,
Schwerte (Ruhr) 1971, Lizenzausgabe für die BRD und Westberlin, Copyright by
Urania-Verlag, Leipzig-Jena-Berlin 1970, 186.
(39) Väterchen Frost, in "Der
Spiegel" vom 19. Juli 1961, zitiert nach: Manfred Gebhard, Die Zeugen
Jehovas. Eine Dokumentation über die Wachtturmgesellschaft, Leipzig-Jena-Berlin
1970, Lizenzausgabe für die BRD, 1971, 184 ff.
(40) Plan für koordinierte Aktivierung aller
ZJ-Oppositionsarbeit vom 10.2.1962. BStU Berlin, ZA-MfS 972, Bl. 268.
(41) Vgl. "Dokumente Werfen Ihre Schatten
Voraus!", Brief eingegangen in der damaligen Deutschlandzentrale in
Wiesbaden am 5. Juli 1961; "Documents Throw Their Shadows",
"English Version", ohne Datum; "DIE GROSSE KRAFTPROBE IN
DEUTSCHLAND", eingegangen am 3. August 1962 in Wiesbaden, Aktenordner
Frost, Geschichtsarchiv der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.
(42) Briefumschlag mit Absender Josef Rehwald,
Eingangsstempel im Zweigbüro in Bombay vom 13. September 1961, Geschichtsarchiv
der Wachtturm-Gesellschaft, Selters/T.
(43) Vgl. Karl Wilhelm Fricke, Ordinäre Abwehr
- elitäre Aufklärung? Zur Rolle der Hauptverwaltung A im Ministerium für
Staatssicherheit, in: Aus Politik und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung
Das Parlament, B 50/97, 17-26; hier; 20
(44) M. Wolf, Spionagechef im geheimen Krieg,
Erinnerungen, München 1997, 348, zit. nach: Fricke, ebd.
(45) Vgl. Gerhard Finn, Die Widerstandsarbeit
der Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, in: Konrad Adenauer Stiftung (Hg.),
Unrecht überwinden - SED-Diktatur und Widerstand (Aktuelle Fragen der Politik
38), Sankt Augustin 1996, 23-32; hier: 26.
(46) Ebd.
(47) AaO., 29.
(48) AaO., 32.
(49) Vgl. Frank Hagemann, "Die Drohung des
Rechts" - Der Kampf des Untersuchungsausschusses Freiheitlicher Juristen,
in: Konrad Adenauer Stiftung (Hg.), Unrecht überwinden, aaO. (Anm.
45), 33-45; hier: 33.
(50) AaO., 42.
(51) Vgl. Günther Bohnsack/Herbert Brehmer,
Auftrag Irreführung. Wie die Stasi Politik im Westen machte, Hamburg 1992,
zitiert nach: Hubertus Knabe, Die Stasi als Problem des Westens, in: Aus Politik
und Zeitgeschichte. Beilage zur Wochenzeitung Das Parlament, B 50/97, 3-16; hier
11.
(52) H. Knabe, Die Stasi als Problem, aaO., 11.
(53) Ebd.
(54) Vgl. Heribert Schwan, Der Mann der die
Stasi war, München 1997, 162; Knabe, die Stasi als Problem, aaO. (Anm.
51), 11.
(55) Vgl. Die WT-Säulen fallen, in: Die Christliche
Verantwortung 1 (Okt. 1965), 1.
(56) Kurt Hutton, Frosts Gedächtnislücke, in:
Materialdienst der EZW Nr. 20 vom 15.10.1961, 239.
(57) Gebhard, Die Zeugen Jehovas, aaO. (Anm.
38).
(58) Vgl. Dietrich Hellmund, Geschichte der Zeugen Jehovas
(in der Zeit von 1870 bis 1920). Mit einem Anhang: Geschichte der Zeugen
Jehovas in Deutschland (bis 1970), Dissertation zur Erlangung der
Doktorwürde der Evang.-Theologischen Fakultät der Universität Hamburg,
Hamburg 1972. Die Angaben sind im Kapitel "IV. Die Geschichte der
Zeugen Jehovas in Deutschland. 4. 1945-1970" zu finden. In der
Dissertation wurden keinerlei Seitenangaben gemacht.
(59) Dietrich Hellmund, Kritische Reflexion über die
Videodokumentation 'Standhaft trotz Verfolgung' - Propaganda oder
zeitgeschichtliche Dokumentation?, in: Hans
Hesse, 'Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas'. Verfolgung und
Widerstand der Zeugen Jehovas (Edition Temmen), Bremen 1998, 397-403.
(60) Die Forschungsergebnisse der vergangenen Jahre sind
in den Aufsatz Hellmunds leider nicht eingeflossen, sonst hätte er
gewusst, dass Frosts Aussagen nicht zur Verhaftung Siebeneichlers geführt
hatten. Karl Siebeneichler, der Bezirksdienstleiter für Bayern, befand
sich bereits seit dem 4. März 1937 in Haft. Vgl. auch Johannes Wrobel,
Die Videodokumentation. Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter
dem NS-Regime. Eine Stellungnahme, Wachtturm Geschichts-Archiv, Selters/T.
1997, 11-14. Hier wird auch eine Stellungnahme, Wachtturm
Geschichtsarchiv, Selters/T. 1997, 11-14. Hier wird auch eine
Stellungnahme von E. Frost vom März 1971 zu den gegen ihn erhobenen
Vorwürfen wiedergegeben und Frost geht auf die Behauptung des
"Spiegel" ein.
(61) Kirchen kritisieren Jehova-Dokumentation, in: Die
Rheinpfalz, Ausgabe Ludwigshafen, Nr. 58 vom 13. April 1999.
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