Kein Zutritt für Hunde und Juden ...
 
Dann kam das Jahr 1934. Hitlers Propaganda gegen die Juden fruchtete. An den Tanzsälen stand geschrieben: 'Juden kein Zutritt'. Ausgehverbot. Auch das Kino war tabu. Dasselbe galt für Gartenanlagen: 'Kein Zutritt für Hunde und Juden'.

Die Zeitungen und der Rundfunk vermittelten ein wüstes Bild von der angeblichen Plage. Aus dem Osten sei die Brut eingewandert, arm, das bisschen Hab und Gut in Säcken auf dem Rücken tragend. Und heute alle kleine Rothschilds, Bankiers und vor Reichtum stinkende Händler, die dem deutschen Volk das Geld aus der Tasche gezogen hätten.

Der gepredigte Hass fand seinen ersten Höhepunkt in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, auch bekannt als Reichskristallnacht (eine von den Nationalsozialisten vermutlich im Hinblick auf die zahllosen zertrümmerten Fensterscheiben geprägte Bezeichnung). Auf Initiative von Reichspropagandaminister Joseph Goebbels veranstalteten NSDAP-Mitglieder und die SA eine Jagd auf alles, was jüdisch war. Bei den angeblich spontanen Kundgebungen wurden 91 Juden, meist Geschäftsleute, ermordet, fast alle Synagogen sowie 171 Wohnhäuser zerstört und über 7.000 jüdische Geschäfte geplündert und verwüstet.

Anlass für diese Barbarei war das Attentat auf den Legationssekretär der deutschen Botschaft in Paris, Ernst Eduard vom Rath, durch Herschel Grynzspan am 7. November 1938 gewesen. Der 17jährige Jude erschoß vom Rath in der Annahme, den deutschen Botschafter vor sich zu haben. Vor der französischen Kripo gab er später an, aus Rache für die Behandlung seiner Eltern durch deutsche Behörden gehandelt zu haben. Der NS-Führung diente diese Tat als Vorwand für den Versuch, die jüdischen Mitbürger durch massive Gewaltmaßnahmen zur Emigration zu bewegen. Auf Befehl Hitlers wurden rund 35.000 Juden zusammengetrieben und vorübergehend in Konzentrationslager gebracht. Allein 10.000 kamen nach Buchenwald, Dachau und Sachsenhausen. Um einem schrecklichen Schicksal zu entgehen, konnten sie sich auf Anweisung von Generalfeldmarschall (und ab 1940 Reichsmarschall) Hermann Göring mit hohen Summen freikaufen.

Ein noch größeres Geschäft machte Göring mit der Schadensersatzzahlung nach dem Pogrom. Nachdem sich vielfach herausgestellt hatte, dass die betroffenen Geschäfte in deutschem Besitz waren und von Juden nur als Pächter oder Mieter betrieben wurden, mussten alle Juden im Reich gemeinsam eine Milliarde Reichsmark aufbringen, um den Schaden zu bezahlen.

Auch das jüdische Kleidergeschäft der Oppenheimers in Viernheim, dort, wo Max Liebster arbeitete, kam nicht ungeschoren davon. "Die Fenster wurden eingeschlagen und über die Hälfte weggestohlen", erzählt Liebster. "Immerhin haben wir von der Bürgermeisterei einen Teil ersetzt bekommen."

Max Liebster, die Oppenheimers (übrigens Verwandte von ihm) und andere Juden hielten sich über eine Woche hinter Weinheim im Wald versteckt. Als sie sich wieder in die Gemeinden wagten, merkten sie schnell, wie ernst die Lage war. Die Familie Oppenheimer wanderte zu Verwandten nach Amerika aus. Max Liebster flüchtete zu Bekannten nach Pforzheim. Mit Ausbruch des Weltkrieges im September 1939 wurden sie alle durch die SS verhaftet, die Familie auseinandergerissen.

Vier Monate vegetierte er im Stadtgefängnis vor sich hin, in einer dunklen, schmutzigen Zelle, gerade vier auf drei Meter. Während die meisten Inhaftierten sich einmal täglich im Hof bewegen durften, blieb die Zellentür des Juden Max Liebster verschlossen. Luft bekam er durch einen schmalen Schlitz, und um sich halbwegs fit zu halten, trieb er auf dem rauen Boden Gymnastik. "In diesen Wochen fragte ich mich, warum wir eingesperrt sind, warum Hitler die Juden umbringen will, warum sich Menschen gegenseitig töten, wenn es doch einen Gott gibt, der sagt: 'Du sollst nicht töten', und die Bibel lehrt: 'Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst'. Und warum mein Vater leiden muss, der für Deutschland an der Front in Russland kämpfte, gegen russische Juden; warum gehorcht der Mensch nicht seinem Schöpfer. Ich fand keine Antwort."

Bild: Max Liebster überlebte fünf Konzentrationslager. Die Offenbarung aus der Bibel rettete ihm das Leben.

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