Grußwort von Dr. Hans-Jochen
Vogel
Vorsitzender der Vereinigung "Gegen
Vergessen - Für Demokratie"
an die Teilnehmer der Veranstaltung
in der Wilhelmshavener Stadthalle
am Sonntag, den 30. Mai 1999
Sehr verehrte Damen und Herren,
im Namen der Vereinigung "Gegen Vergessen - Für
Demokratie" entbiete ich allen Teilnehmern der heutigen Veranstaltung herzliche
Grüße. Die Veranstaltung ist ebenso wie die Ausstellung in der
Wilhelmshavener Stadthalle der Erinnerung an die Verfolgung der Zeugen
Jehovas in der Zeit der NS-Gewaltherrschaft gewidmet. Und unsere Vereinigung,
der über 1700 Mitglieder aus unterschiedlichen politischen und sozialen
Bereichen angehören, will gerade dieses dunkelste Kapitel unserer
jüngeren Geschichte vor dem Vergessen bewahren. Nicht um Schuldkomplexe
zu konservieren oder gelegentlich Betroffenheitsrituale zu zelebrieren,
sondern um den Nachgeborenen vor Augen zu führen, welch furchtbarer
Verbrechen Menschen fähig sind, die den Grundwert der Menschenwürde missachten, die Menschenrechte mit Füßen treten und sich
ruchlosen Demagogen unterwerfen, die sich in gotteslästerlicher Weise
für allmächtig erklären. Die Zeugen Jehovas haben in jenen
Jahren mit einer Standhaftigkeit sondergleichen an ihrem Glauben festgehalten
und ein Beispiel dafür gegeben, dass man auch dem unmenschlichen
Zwang einer Gewaltherrschaft widerstehen kann. Dafür verdienen sie
auch nach fünfzig Jahren unseren Respekt, und zwar auch den Respekt
derer, die ihre religiösen Überzeugungen nicht teilen. Denn zur
Menschenwürde, die wir gemeinsam verteidigen wollen, gehört auch
die wechselseitige Toleranz.
Ich würde es begrüßen, wenn Sie
sich bei Ihrer heutigen Veranstaltung auch mit der Gegenwart beschäftigen
und sich mit den Warnzeichen auseinandersetzen könnten, die wir nicht
übersehen dürfen; denn schon wieder gibt es die Ankündigung
und die Anwendung von Gewalt als Mittel der Politik und die Verteufelung
von Minderheiten. Und immer wieder erleben wir Ausbrüche von Ausländerhass
und Chauvinismus und Schändungen jüdischer Friedhöfe. Dem
gilt es gemeinsam zu widerstehen. Und das gerade in Erinnerung daran, dass zur Katastrophe dieses Jahrhunderts auch diejenigen beigetragen haben,
die wegsahen und weghörten, die mit den Achseln zuckten. als es noch
Zeit gewesen wäre, das Unheil zu verhindern.
In diesem Sinne wünsche ich Ihrer Veranstaltung
einen erfolgreichen Verlauf.
(Dr. Hans-Jochen Vogel) Bonn, Mai
1999
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