"Jehovas Zeugen verweigerten sich Hitlers Kriegen 1939-45"
Rede von Priv.-Doz. Dr. Wolfram Wette,
Historisches Seminar der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg,
anlässlich der Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime"
am Samstag, 25. April 1998, 18 Uhr, im Großen Saal des Karlsbaus, Europaplatz, Freiburg i. Br.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Ihr nachhaltiges Interesse an der Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime" hat gewiss etwas mit dem Tatbestand zu tun, dass die Geschichte der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit noch immer wenig bekannt ist und daher bekannt gemacht werden muss. Darüber hinaus wollen Sie, so vermute ich, mit Ihrem Interesse an dieser Ausstellung bekunden, dass Sie keine Anhänger der "Schlussstrich"-These sind, also der Forderung, dass mit der Erinnerung an die belastende deutsche Vergangenheit doch endlich einmal Schluss gemacht werden müsse. Sie halten es, so nehme ich an, mit unserem Bundespräsidenten für richtig, dass Gelegenheiten zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus gesucht und genutzt werden müssen. Auch die Zeugen Jehovas, die sich dem Hitler-Staat verweigerten und dafür verfolgt wurden, gehören zu den Opfern des Nationalsozialismus.

Ich spreche zu Ihnen als ein Historiker, der sich seit langem mit Militärgeschichte befasst, diese aber nicht alleine aus der Perspektive der Generäle betrachtet, sondern sich auch für die Lage der "kleine Leute in Uniform" interessiert, zu denen die Kriegsdienstverweigerer, die Deserteure und der sogenannten Wehrkraftzersetzer gehören, also die Abweichler und die Widerständigen. In meiner Rolle als Historiker möchte ich davon absehen, mich mit der Theologie der Zeugen Jehovas zu beschäftigen. Statt dessen konzentriere ich mich auf die Schilderung und Analyse historischer Sachverhalte, also auf das Schicksal, das die Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft in der Zeit des "Dritten Reiches" erleiden mussten. Insbesondere möchte ich darauf eingehen, welche Folgen die religiös begründete Kriegsdienstverweigerung der Zeugen Jehovas in der damaligen Zeit hatte.

Eine allgemeine Lehre aus der Geschichte lautet: Seht, wie ein Staat mit seinen Minderheiten umgeht, und ihr erkennt seinen Charakter! Am Umgang mit seinen Minderheiten lässt sich ablesen, welches Maß an Gerechtigkeit, Toleranz und Humanität ein Staat praktiziert - beziehungsweise, in welchem Maße er diese humanen Grundwerte missachtet.

Für den NS-Staat liegt das Ergebnis auf der Hand: Er ging gegen die religiöse Minderheit der Zeugen Jehovas mit einer heute kaum noch nachvollziehbaren Härte vor. Man muss wissen, dass die Religionsgemeinschaft der "Ernsten Bibelforscher (Zeugen Jehovas)" im Jahre 1933 lediglich etwa 20.000 bis 30.000 Mitglieder zählte. Als Organisation wurde die Glaubensgemeinschaft schon im Juni 1933 verboten. Etwa 10.000 ihrer Mitglieder kamen zeitweise in Gefängnisse und Konzentrationslager 1 . Weshalb, so fragt man sich, war der NS-Staat nicht in der Lage, der kleinen Gruppe der Zeugen Jehovas einfach keine Aufmerksamkeit zu schenken und sie durch Nichtbeachtung zu tolerieren?

Tatsache ist, dass der Staat Hitlers sie wie einflussreiche politische Feinde behandelte. Dabei definierten sich die Zeugen Jehovas selbst gar nicht als politische Menschen. Sie verstanden sich primär als gläubige Christen, die Distanz zum politischen Umfeld zu halten versuchten. Allerdings enthielt ihre Vorstellung von einem realen Reich Gottes auf Erden, das am Ende auch alle irdischen Herrschaftsstrukturen aufheben werde, hinreichenden Konfliktstoff. Denn sie kollidierten mit den Gehorsamsforderungen des totalitären Staates.

Zudem legten die Zeugen Jehovas eindeutig widerständiges Verhalten an den Tag. Es ist der Sache und der Wirkung nach als politisch einzuschätzen, auch wenn es religiös gedacht war. In ihren Schriften bezeichneten die Zeugen das Dritte Reich als "Teufelsherrschaft" und Hitler als "Antichrist". Sie weigerten sich, die nationalsozialistische Grußformel "Heil Hitler!" auszusprechen und benutzten weiterhin die gewohnten bürgerlichen Grußformen "Guten Morgen!" und "Guten Tag!", wozu unter den gegebenen Verhältnissen großer Mut gehörte. Noch viel schwerer wog, dass sie sich standhaft weigerten, den Eid auf Hitler als den Oberbefehlshaber der Wehrmacht zu leisten. Aus der Sicht des nationalsozialistischen Staates stellten diese Verhaltensweisen ein ganzes Bündel von Loyalitätsverweigerungen dar, das geradezu als eine Kampfansage gegen den NS-Staat gewertet wurde. Tatsächlich stuften SS- und Gestapofunktionäre die Zeugen Jehovas schon in den 30er Jahren als Staatsfeinde ein 2.

Mit der Wiedereinführung der Allgemeinen Wehrpflicht im Jahre 1935 verschärfte sich die Situation. Denn nun wurde jeder Mann einer bestimmten Altersgruppe ohne Ausnahme zwangsverpflichtet. Seit dem Kriegsbeginn 1939 schließlich sahen sich die Zeugen Jehovas vor die denkbar größte Herausforderung gestellt: Entweder sich beugten sich den sogenannten Kriegsnotwendigkeiten, also den Forderungen des nationalsozialistischen Militärstaats, und schworen ihren Überzeugungen ab. Oder aber sie blieben ihrem Glauben treu und verweigerten den Kriegsdienst. Das aber bedeutete, der sicheren Todesstrafe entgegenzusehen. Bis zum heutigen Tage ist es noch immer viel zu wenig bekannt, dass viele Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft dieses Martyrium auch tatsächlich auf sich nahmen. Den einschlägigen Forschungen des Historikers Detlef Garbe zufolge sind ungefähr 250 deutsche und österreichische Zeugen Jehovas vom Reichskriegsgericht wegen Kriegsdienstverweigerung zum Tode verurteilt und - in der Regel durch das Fallbeil - hingerichtet worden 3.

Wie der langjährige Landesbischof der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannover, Hanns Lilje, im Jahre 1947 befand, können die Zeugen Jehovas "für sich in Anspruch nehmen, die einzigen Kriegsdienstverweigerer großen Stils zu sein, die es im Dritten Reich gegeben hat, und zwar offen und um des Gewissens willen" 4. In der Tat war die Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas die einzige Gruppe, welche während der NS-Zeit die Kriegsdienstverweigerung propagierte und praktizierte. Der Gruppenverbund hatte eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Denn jene Männer, die als Zeugen Jehovas den Kriegsdienst verweigerten, konnten immerhin sicher sein, dass ihre Religionsgemeinschaft voll hinter ihnen stand und sie in jeder Phase ihres schweren Weges moralisch unterstützte.

Verweigerer aus den Reihen der beiden Großkirchen dagegen mussten auf eine solche Rückendeckung verzichten. So erklärt es sich, dass es in der NS-Zeit generell nur ganz wenige evangelische und katholische Kriegsdienstverweigerer gegeben hat. Bekannt sind lediglich 12 katholische und 4 evangelische Verweigerer. Der katholische Bauer Franz Jägerstätter 5 aus St. Radegund in der Nähe von Braunau am Inn, der sich Hitlers Krieg aus religiösen und politischen Motiven verweigerte, starb unter der Guillotine, ohne dass die kirchliche Obrigkeit sich in irgendeiner Weise schützend vor ihn gestellt hätte. Der evangelische Pazifist Dr. Hermann Stöhr 6, der vor 1933 hauptamtlicher Sekretär des Internationalen Versöhnungsbundes gewesen war, wurde von der protestantischen Kirchenführern ebenso wenig geschützt, als er aus Gründen des christlichen Glaubens den Kriegsdienst verweigerte. Das Reichskriegsgericht verurteilte ihn schon im Frühjahr 1940 zum Tode und ließ das Urteil alsbald vollstrecken. Auch in der Erinnerung nach 1945 wurden die katholischen und protestantischen Verweigerer von ihren Kirchen nicht etwa nachträglich rehabilitiert, sondern sie blieben isoliert. Ebenso handelte die Justiz der Nachkriegszeit. Es dauerte beispielsweise bis zum Jahre 1997, bis das Todesurteil gegen Franz Jägerstätter juristisch aufgehoben wurde 7.

Wie die Deserteure der Wehrmacht, so stießen auch die Zeugen Jehovas in den Nachkriegsjahrzehnten trotz ihrer hohen Blutopfer nur selten auf Verständnis und Respekt. Denn in der Zeit des Kalten Krieges gerieten sie erneut mit dem Staat in Konflikt, da sie neben dem Kriegsdienst auch den Ersatzdienst verweigerten, was in der Bundesrepublik Deutschland zwischen 1958 und 1969 alleine 1500 Strafverfahren gegen Angehörige dieser Glaubensgemeinschaft wegen Fahnenflucht oder Zivildienstflucht zur Folge hatte. Mit Recht ist gesagt worden: "Ausgerechnet diese religiösen Totalverweigerer, die bereits von den Nationalsozialisten als ‘Wehrkraftzersetzer’ grausam verfolgt worden waren..., fanden sich entgegen den Intentionen der Verfassungsväter und -mütter auch in der Bundesrepublik im Gefängnis wieder." 8 In der DDR soll es ihnen sogar noch schlechter ergangen sein.

Eine immer wieder diskutierte Frage lautet: Waren die Zeugen Jehovas eigentlich Pazifisten? Muss man sie von den politisch motivierten Pazifisten unterscheiden? Zunächst einmal gilt es festzuhalten, dass letztere in der Regel nicht den Weg der offenen Kriegsdienstverweigerung gingen. Etliche prominente unter ihnen erkannten schon vor 1933 oder spätestens kurz danach die Gefahr und emigrierten. Andere - wie zum Beispiel Carl von Ossietzky - wurden verhaftet und in Konzentrationslagern gequält. Während des Krieges suchten die Anhänger der verbotenen pazifistischen Organisationen Nischen im militärischen Apparat, welche die Chance zu bieten schienen, nicht mit dem eigentlichen Kriegshandwerk in Berührung zu kommen. Ich erwähne diese Sachverhalte aus zwei Gründen. Einmal, um die Einzigartigkeit des Verhaltens der Zeugen Jehovas angemessen herauszustellen: nämlich die offene und demonstrative Weigerung, einen Kriegsdienst zu leisten. Zum zweiten, um die Gelegenheit zu der Klarstellung zu haben, dass es falsch wäre, die Zeugen Jehovas, die den Kriegsdienst verweigerten, umstandlos in die Geschichte der pazifistischen Bewegung einzuordnen. Diese verstand sich ja immer - bei unterschiedlichen Motiven - als eine ausgesprochen politische Bewegung, während die Zeugen Jehovas, wie auch Detlef Garbe betont, "nicht oder zumindest nicht in erster Linie politisch oder pazifistisch motiviert" waren 9.

Legen wir uns nun noch einmal die Frage vor, woher die Feindseligkeit, die erbarmungslose Härte und Brutalität rührte, mit der die Militärjustiz des nationalsozialistischen Staates gegen die Zeugen Jehovas vorging, die den Kriegsdienst verweigerten? Schließlich spielten die paar Hundert zum Dienst eingezogenen Angehörigen dieser Glaubensgemeinschaft bei einem Personalvolumen der Wehrmacht von insgesamt etwa 20 Millionen Menschen quantitativ betrachtet doch eine gänzlich marginale Rolle! Weshalb hielten die Militärrichter diese Menschen, die doch lediglich ihren Glauben zu leben versuchten und gar nicht politisch sein wollten, für so gefährlich, dass sie - wenn anscheinend auch in einigen Fällen mit Skrupeln - nicht davor zurückschreckten, ihnen das Leben zu nehmen? Warum kannten die Richter des Reichskriegsgerichts letztlich keinerlei Gnade, wenn es gegen die winzige Minderheit der Kriegsdienstverweigerer aus religiöser Überzeugung ging?

Wer diesen Frage nachgeht, muss die Perspektive erweitern und erkennen, dass der NS-Staat auch andere widerständige Menschen mit der gleichen Härte verfolgte. Wehrmachtgerichte verhängten insgesamt mehr als 30.000 Todesurteile. Über 22.000 Deserteure der Wehrmacht wurden zum Tode verurteilt, von denen etwa 15.000 auch tatsächlich vollstreckt wurden 10. Sämtliche Militärs und Zivilisten, die direkt oder indirekt am Widerstand des 20. Juli 1944 beteiligt waren, wurden ebenfalls umgebracht. Das heißt: Der nationalsozialistische Staates war ein totalitärer Militärstaat, der keine Abweichung duldete. Er definierte den Wehrdienst in ideologischer Überhöhung als "Ehrendienst am deutschen Volk" 11 und signalisierte damit, dass es ausnahmslos niemandem erlaubt war, sich den Zumutungen dieses Staates zu entziehen. Bezeichnenderweise gebrauchte der NS-Staat auch nicht den Begriff der Kriegsdienstverweigerung, der uns heute - nicht zuletzt wegen des entsprechenden Artikels im Grundrechtskatalog unserer Verfassung - geläufig ist, sondern er wertete diesen Sachverhalt sprachlich und juristisch als "Wehrkraftzersetzung", worunter eine aktive Handlung gegen die nationalsozialistische Volksgemeinschaft verstanden wurde. Seit Kriegsbeginn 1939 wurde die "Zersetzung der Wehrkraft" mit der Todesstrafe bedroht 12. Die Härte des NS-Staates gegen jene Zeugen Jehovas, die sich dem Kriegsdienst verweigerten, erklärt sich zum einen aus dieser totalitär-militaristischen Vorstellungswelt. Zum anderen fürchtete der NS-Staat aber auch - merkwürdig genug! - die "propagandistischen Wirkungen" der "hartnäckigen Überzeugungstäter", also deren potentielle Werbekraft 13.

Weshalb stellten die Kriegsdienstverweigerer und Deserteure für die deutsche Öffentlichkeit auch nach 1945 ein so großes Problem dar? Die Antwort lautet: Diese Menschen konfrontierten die große Mehrheit der Deutschen mit einem provozierenden Tatbestand: Dass es neben den Millionen von aktiven Tätern, willigen Gehhorchern und Mitläufern, die dem NS-Staat gedient und damit seine Massenverbrechen ermöglicht hatten, tatsächlich auch noch etwas anderes gegeben hat: Nämlich die Möglichkeit der Verweigerung und des Widerstandes, und zwar gerade auch für den "kleinen Mann" und die "kleine Frau". Das war eine hochbrisante Erkenntnis, die so eigentlich niemand hören wollte. Das war der eigentliche Grund dafür, dass die Deserteure, Wehrkraftzersetzer und Kriegsdienstverweigerer auch noch nach 1945 auf mehrere Jahrzehnte hinaus im öffentlichen Bewusstsein das blieben, was sie schon in der NS-Zeit gewesen waren: Vaterlandsverräter, Feiglinge, Volksschädlinge, Narren und Dreckschweine. Das führte zu der aberwitzigen Konstellation, dass ausgerechnet diese mutigen Menschen es auch nach dem Ende des NS-Terrors nicht wagen konnten, sich öffentlich zu erkennen zu geben. Die Kriegsgeneration der Täter und Mitläufer behielt ihre Prägekraft über Jahrzehnte hinweg.

So ist es auch zu erklären, dass sich die historische Forschung erst seit den 80er Jahren um die Wehrmachtdeserteure wie auch um Geschichte der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit kümmerte. In dieser Zeit entstand das grundlegende Buch von Detlef Garbe über die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" 14. Dieser Autor hat lange nachgedacht über die Spannung zwischen deren religiöser Motivation und dem objektiven Befund, dass sie nicht nur schweigende Opfer, sondern bekennende Verweigerer waren. In seinem Buchtitel "Zwischen Widerstand und Martyrium" hat er diese Problematik einzufangen versucht.

Damit komme ich zum Schluss: Heute kann in großen Ausstellungen der Widerstand gegen das NS-Regime dargestellt werden. Die Deserteure, "Wehrkraftzersetzer" und Kriegsdienstverweigerer" finden darin ihren angemessenen Platz. Es kann über die lange tabuierten Verbrechen der Wehrmacht auf verschiedenen Kriegsschauplätzen in Europa berichtet und inzwischen auch einigermaßen sachlich diskutiert werden. Das bedeutet, dass wir nun endlich - nicht zuletzt durch den Wechsel der Generationen bedingt - die nötige Distanz zu diesem schrecklichen Teil unserer deutschen Geschichte gewonnen haben 15. Und es bedeutet zugleich, dass wir einen bemerkenswerten friedenspolitischen Lernprozess hinter uns gebracht haben. Die Ausstellung über das schwere Schicksal der Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" kann von diesem veränderten gesellschaftlichen Klima profitieren. Jetzt besteht die Chance, dass sie ein breites Interesse und ein aufnahmebereites Publikum findet. Etwas Besseres kann man ihr jedenfalls nicht wünschen.

© Dr. Wolfram Wette 1998


veröffentlicht im Internet mit der freundlichen Genehmigung von www.momo.de/jz-info

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