Quelle: Hamburger Abendblatt,
Montag, 7. Juni 1999, Seite 14
Vergessene Werte und unsere Zukunft
Wie sichern wir die Zukunft einer menschlichen Gesellschaft?
Reicht politische Erziehung oder müssen Anstand, Toleranz und Vorbilder
mehr Gewicht bekommen? Antwort gab Ex-Bürgermeister Klaus von Dohnanyi
bei der Eröffnung der Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas
Zeugen unter dem NS-Regime" im Altonaer Museum. Hier Auszüge seiner
Rede:
Von KLAUS VON DOHNANYI
Mit den Jahren ist unsere Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte
des Nationalsozialismus immer intensiver geworden. Allerdings werden die
großen Debatten fast ausschließlich über Verbrecher und
Opfer, leider aber kaum über die Vorbilder des Widerstandes geführt.Deutschland
war aber nicht nur eine Täternation. Nach 1933 füllten zunächst
politische und religiös regierungskritische, nicht-jüdische Deutsche
die KZ und Gefängnisse. Ihr Widerstand zeigte, es gab auch solche,
die sich nicht beugten. Aber, so müssen wir uns fragen, wo ist das
Mahnmal und Denkmal dieses deutschen und später dann europäischen
Widerstandes?
Der Widerstand war in den Nachkriegsjahren ebenso unbequem
für die Täter und Mitläufer wie Wissen und Erinnerung der
Verbrecher. Ich meine aber, man muß gerade dem Widerstand eine besondere
Aufmerksamkeit widmen.
Victor Klemperer nennt die mutigen kleinen Hilfen, besonders
zum Beispiel der zu ihren Ehepartner stehenden nicht-jüdischen Männer
und Frauen, "reinsten Heroismus". Es gab den kleinen verborgenen Widerstand
vielfach in Deutschland, vermutlich sehr viel öfter als es aktive
Täter gab, aber der Widerstand wird weder national noch international
wirklich anerkannt als ein Teil der deutschen Geschichte. Wenige herausragende
Personen wie Stauffenberg oder die Geschwister Scholl werden genannt, aber
die vielen, die ihre Existenz oder gar ihr Leben riskierten, es oft auch
verloren, sie bleiben weitgehend vergessen. Privates Kapital finanziert
mit großem Aufwand Ausstellungen über die Mörder - aber
Ausstellungen wie diese, von denen es vielfältige und umfassende geben
könnte, müssen mit knappesten Spenden auskommen. |
Hamburgs ehemaliger Bürgermeister Klaus von Dohnanyi sprach zur Eröffnung
der Ausstellung im Altoner Museum. Dohnanyis Vater war 1945 von den Nationalsozialisten
ermordet worden. |
Die hier gezeigte Ausstellung spricht also
mit Recht von "vergessenen Opfern". Obwohl, doch so ganz vergessen sind
sie nicht, sonst ständen wir ja nicht hier.
Die Zeugen Jehovas oder auch "Bibelforscher" oder "Ernste
Bibelforscher" genannt, waren wegen ihres Glaubens und der mit ihrem christlichen
Glauben verbundenen Menschlichkeit und brüderlichen Menschenliebe
unbeugsame Gegner des Hitler-Regimes. Sie hätten oft nur mit einer
Unterschrift ihre Freiheit wiedererlangen können: mit einer Absage
an ihren Glauben, mit der Bereitschaft, Waffen zu tragen, mit der Bereitschaft,
den Eid auch auf den "Führer" über ihren Gehorsam zu Gott stellen.
Nur ganz wenige aber gingen diesen Ausweg. Wer von uns wäre hierfür
stark genug gewesen? Wie hätten wir uns verhalten?
In der Ausstellung finden wir Zeugnisse aus Schleswig-Holstein
und Hamburg. Aber die Zeugen Jehovas waren über unser ganzes Land
verteilt. Fast 10 000 Zeugen Jehovas wurden während der Jahre 1933-1945
Opfer der Nazis; über 6000 waren inhaftiert, über 250 wurden
hingerichtet. Die Ausstellung zeigt einige besondere Beispiele aus Hamburg
und Schleswig-Holstein.
Was waren das für Menschen, die um ihres Glaubens
willen, die aus ihrem "Werte-Verständnis", wie wir heute so abstrakt
sagen würden, soviel Kraft aufbringen und soviel Leidensbereitschaft
zeigen konnten?
Es gibt eine Reihe von Studien über die Herkunft
und Eigenschaften von Rettern einzelner Juden und anderer Verfolgter. Ich
erwähne hier nur die Studien von Eva Fogelmann und Samuel und Pearl
Oliner. Neben vielen anderen Merkmalen, z. B. die persönliche Bekanntschaft
mit Juden, scheint mir eine Besonderheit hervorzustechen: Religiöse
und ethische Momente spielten eine entscheidende Rolle. Die Retter wie
die geretteten Juden gaben in der Studie von Oliner der Religion und den
ethischen Motiven eine weitaus größere Bedeutung als zum Beispiel
dem Haß auf die Nazis.
Wenn man Retter und Zuschauer vergleicht, so hatten die
Retter eine "sehr bedeutsame religiöse Erziehung" ungefähr doppelt
so häufig wie die Zuschauer! Und als "Werte" der Eltern waren bei
den Rettern die ethischen Werte wie "Zuverlässigkeit" und "Fürsorglichkeit"
um ein Vielfaches bedeutsamer als bei den Zuschauern. Ebenso spielte die
Nähe in der Familie eine große positive Rolle. |
"Sie hätten oft nur mit einer Unterschrift
ihre Freiheit wiedererlangen können." |
Schließlich: Der Anteil derjenigen, die
der materialistischen Linken angehörten, waren unter den "Rettern"
geringer als unter den "Zuschauern", während bei den Rettern die demokratischen
Parteien der Mitte sehr viel stärker vertreten waren; und: Für
die Toleranz gegenüber Juden und Minoritäten spielte bei den
Rettern ihre jeweilige Parteizugehörigkeit offenbar eine geringere
Rolle.
Es ist nach meiner tiefen Überzeugung ein Fehler
- ein Denkfehler und ein Wissensfehler - zu glauben, daß wir in erster
Linie durch politische Erziehung eine bessere, eine menschlichere, eine
demokratisch sichere Gesellschaft schaffen können. Die Substanzen,
auf der eine moderne Gesellschaft allein demokratisch und humanistisch
sicherer gemacht werden kann, sind Toleranz, Anstand, Zuverlässigkeit
und Zivilcourage. Sie alle aber erlernen wir nicht in erster Linie durch
Lesen oder Fernsehen über frühere Verbrechen, nicht durch einen
noch so eingehenden Unterricht in Sozialkunde und Verfassungslehre. Die
Widerstands-Substanz auch einer modernen Gesellschaft entsteht einzig durch
die frühe und dauerhafte Einübung von Toleranz und Anstand im
täglichen Leben. Also durch Vorbilder, aber auch durch Sanktion dort,
wo diese Regeln durchbrochen werden.Es ist richtig, daß die oft zerstreuten
Familien heute zu einer solchen Erziehung wohl weniger beitragen können
als früher. Aber um so mehr haben die Schulen hier eine große
Aufgabe. Anstand, Toleranz und Zivilcourage erlernen wir eben nicht über
den Kopf, sondern über die Gefühlswelt und über Erfahrungen
als Jugendliche. Es wäre gut, so naiv das klingen mag, die Lehrer
würden sich mehr darum bemühen, den Kindern beizubringen, daß
man vor älteren Menschen und Behinderten in öffentlichen Verkehrsmitteln
aufsteht; sich mehr darum kümmern, daß (zum Beispiel an unseren
Hochschulen) Schüler oder Studenten, wenn sie wiederholt durch Schreien,
Trillerpfeifen usw. eine freie Debatte verhindern, auf Zeit von der Gemeinschaft
ausgeschlossen werden; daß Jugendliche lernen, mit andersartigen
Ausländern helfend umzugehen: Das alles wäre viel wichtiger als
Rauf-und-runter-Deklinieren von Grundgesetzartikeln. |
"Für die Toleranz gegenüber Juden
spielte die Parteizugehörigkeit eine geringere Rolle." |
Nur Völker, in denen im Umgang miteinander
eine einfache, direkte und menschliche Grundlage für den Anstand fest
verankert ist - durch Regeln, durch eingeübtes Verhalten, durch "fair
play" - , nur solche Völker sind wirklich demokratisch sicher. Die
sogenannten Antifa-Gruppen, zum Beispiel, an unseren Universitäten,
auch die "Autonomen", sind im Regelfall totalitär und gefährlicher
für jede Demokratie als unpolitische Studenten, die sich jedoch gegenüber
ihren Kommilitonen fair verhalten, den Weg der Debatte offenhalten und
einen Sinn für Anstand haben.
An diese einfache Wahrheit erinnert auch der Widerstand
der Zeugen Jehovas gegen die Nazis. Keine im Kern antifaschistische Partei
der Weimarer Republik - auch meine sozialdemokratische - kann auf einen
so hohen Anteil von entschlossenem Widerstand in ihren Reihen verweisen
wie die scheinbar unpolitischen Zeugen Jehovas. Sie haben uns gezeigt,
daß Glaube und Anstand, humanistische Werte und überzeugte Menschlichkeit
wenig mit Parteipositionen rechts oder links zu tun haben, wohl aber mit
einer Erziehung zu und Einübung von religiösen und ethischen
Werten. Ein Verhalten, auf das unsere Schulen heute leichtsinnigerweise
aber so wenig Wert legen.
Es wäre deswegen zu hoffen, daß auch unsere
Bildungspolitiker diese Ausstellung sorgfältig betrachten und ihre
Schlüsse daraus ziehen.
Die Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem
NS-Regime" im Altonaer Museum läuft noch bis zum 25. Juni und ist
montags bis donnerstags von 7 bis 18 Uhr, freitags von 7 bis 16 Uhr geöffnet. |
"Die Antifa-Gruppen sind gefährlicher
für jede Demokratie als unpolitische Studenten." |
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