Zeitzeugen aus dem Raum Stuttgart
Gertrud Wulle
Heimlich mit dem Wachtturm unterwegs

Gertrud Wulle wurde am 29.06.1914 in Asperg bei Ludwigsburg geboren. In ihrem Elternhaus wurden seit Mitte der zwanziger Jahre Versammlungen der Bibelforscher abgehalten. Weil sich die Eltern nicht an politischen Wahlen beteiligten, versammelten sich wiederholt Sprechchöre der Hitler-Jugend vor dem Haus in der Eglosheimer Straße und schrien: "Auch Bibelforscher müssen wählen".

Um sich den Wahlen zu entziehen, hat sich die Mutter mit ihren Kindern im Wald versteckt. Gertrud Wulle erinnert sich noch gut daran, wie ein linientreuer Parteigenosse ihrer Mutter damals vorhielt: "Das werden ihnen noch ihre Enkel- und Urenkel vorwerfen, dass sie nicht Adolf Hitler wählen."

1937 wurde Gertrud Wulle in einer Badewanne in Ludwigsburg getauft. Als Kurier brachte sie im Nachtzug heimlich den Wachtturm von Bruchsal nach Stuttgart, Augsburg oder Wien. Als sie 1940 mit einem Lebensmittelpaket für ihre Glaubensbrüder in Berlin unterwegs war, die dort im Untergrund tätig waren, wurde sie verhaftet. Vor einem Sondergericht in Stuttgart wurde sie verurteilt, ohne sich verteidigen zu können. "Das Urteil war schon fertig, ehe das Gericht begonnen hat und so wurden dann nur die Urteile verlesen."

In der Frauenstrafanstalt in Gotteszell musste Gertrud Wulle zwei Jahre Einzelhaft absitzen. "dort mussten wir von morgens bis abends arbeiten und durften mit niemandem sprechen." Nach ihrer Entlassung bekam sie keine Anstellung, weil sie nicht in die Arbeitsfront eintrat.

Ihr Bräutigam Otto Wulle wurde im Mai 1939 wegen Verweigerung des Militärdienstes verhaftet.

Quelle:

Öffentlichkeitsarbeit der Zeugen Jehovas, Baden-Württemberg

Siehe auch:

Otto Wulle
Lebenslauf ihres Bräutigams

Ein Appell an das Gewissen
Steinheimer Nachrichten, 13. Januar 2000

Mut zum Widerstand
Marbacher Zeitung, 13. Januar 2000

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