Charlotte Tetzner, geb. Decker

Charlotte Decker (geb. 1920) war in einer Familie ohne Glauben an Gott aufgewachsen. Ihr Vater hatte eine kommunistische  Einstellung, die den Nazis nicht verborgen blieb. Dies führte dazu, dass Charlottes Vater am 15. April 1941 verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt wurde, während sie selbst und ihre Mutter in das KZ Ravensbrück deportiert wurden. In Ravensbrück kam sie auch mit den Bibelforschern in Berührung. Über diese Begegnungen berichtet sie:

Nach Feierabend durften wir auf der Lagerstraße spazieren gehen. Dort haben uns Frauen angesprochen, die als Bibelforscher inhaftiert waren. Aber wir hatten eigentlich kein Interesse, denn mein Vater war Kommunist und ich war glaubenslos erzogen worden.

Die auseinandergerissene kleine Familie hoffte, bald wieder zusammensein zu können. Als die beiden Frauen eines Tages Post aus Dachau erhielten, war die Freude groß. In einem Brief schrieb Charlottes Vater u.a.:

Ich hoffe nun bestimmt von Euch in dieser Woche Post zu erhalten, damit ich Euch gesund und munter weiß, was ich von mir sagen kann. Die Verpflegung ist gut, ich komme gut aus. Ich sehne mich so sehr nach Euch.

Charlotte Decker erzählt, dass sie diesen Brief zugleich mit einem Telegramm erhielten, welches ihre Mutter aber erst später öffnete. In dem Telegramm stand die Todesnachricht ihres Vaters. Er war am 6. Juli 1941 im KZ Dachau ermordet worden.  Der Tod ihres Vaters brachte eine Wandlung im Denken der beiden Frauen. Charlotte Tetzner erinnert sich:

Jetzt waren wir sehr froh, dass uns die Bibelforscherinnen wieder ansprachen. Wir haben mit ihnen viele Gespräche geführt. Mir wurden die Augen geöffnet für Gottes Wort und alle seine wunderbaren Verheißungen. Vor allen Dingen dafür, wie Gott in alter Zeit immer das, was er sagte, auch erfüllte. Und so gewannen wir Vertrauen, und das hat uns wirklich geholfen, diese schlimme Situation erst einmal zu überstehen.

Wenige Monate nach der Ermordung von Charlottes Vater sollten sie und ihre Mutter aus dem Konzentrationslager entlassen werden.  Die Kontakte der beiden Frauen zu den Bibelforschern waren jedoch der SS nicht verborgen geblieben, und so legte man ihnen etwas zu unterschreiben vor. Charlotte berichtet darüber:

Meine Mutter hat das gar nicht gelesen und hat unterschrieben. Ich aber habe es gelesen. Es war nämlich das, was alle Zeugen Jehovas hätten unterschreiben können, um frei zu kommen. Aber ich war inzwischen schon so gefestigt im Glauben, dass ich es mit meinem Gewissen nicht vereinbaren konnte, das zu unterschreiben. Denn da standen Dinge, wie: "Sich mit Leib und Seele dem Staat unterstellen und jeden melden, der in dieser Angelegenheit an einen herantritt. So musste ich wieder zurück in meine Lagerkleidung."

Nicht nur die Lagerführung und die politische Abteilung hielten Charlottes Weigerung für absurd, auch viele Mithäftlinge verstanden sie nicht. Charlotte erzählt weiter:

Letzten Endes wurde dieser Fall Himmler gemeldet und ich wurde ihm bei einem seiner Besuche vorgeführt. Ich war in meiner Erkenntnis noch nicht soweit, dass ich hätte argumentieren können. So habe ich nur zu Himmler gesagt: "Solange mir niemand etwas besseres anbietet, als das, was ich jetzt gefunden habe, bleibe ich dabei!" Da konnte er nichts machen.

Ihr mutiges Glaubensbekenntnis in Ravensbrück hatte ihr keine Nachteile eingebracht. Im Herbst 1942 kam Charlotte Decker in das KZ Auschwitz, wo sie in der Schreibstube des Frauenlagers arbeiten musste. Dort blieb sie bis zur Evakuierung des Lagers im Winter 1944/45. Nach einem 75 km langen Fußmarsch wurden sie dann mit Zügen weitertransportiert, von Lager zu Lager, bis dann die vollständige Befreiung kam.

Der Glaube an ihren Gott Jehova hatte ihr die Kraft gegeben, standhaft zu bleiben. Diese Standhaftigkeit hat sie auch während der vier Jahrzehnte der Verfolgung der Zeugen Jehovas in der DDR stets bewahrt. Heute ist sie gemeinsam mit ihrem Ehemann mit der örtlichen Gemeinde der Zeugen in Gersdorf (Kr. Chemnitzer Land) verbunden.

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Sachsen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung"
Literaturhinweise:
Garbe, Detlef,
"Zwischen Widerstand und Martyrium. Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich" (Studien zur Zeitgeschichte Band 42)",
R. Oldenbourg Verlag, München, 3.Auflage, 1997, Seite 7, 442f, 459;

Hesse, Hans  (Hrsg.),
"Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas" Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus,
Edition Temmen, Bremen, 1998, Seite 125, 126;

Krug, Stefanie - Poppenberg, Fritz,
Fürchtet euch nicht - Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime.
Filmdokumentation, 92 Minuten, Farbe, Drei Linden Media, Berlin, 1997.

Niedersächsische Landeszentrale für politische Bildung (Hrsg.),
Konzentrationslager Bergen - Belsen. Berichte und Dokumente.,
Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1995, (Häftlingsliste vom 5.März 1945), Seite 138;

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