| Biographie von Gertrud Pötzinger
Zu Beginn des Jahres 1945 ahnte man in Deutschland die bevorstehende
Niederlage. Die Verfolgung von Jehovas Zeugen ebbte jedoch nicht ab, sondern
der NS-Staat begann jetzt damit seine Zeugnisse vergangener Gräueltaten
zu vertuschen. So kam ich nach
7 1/2 Jahren das erste mal wirklich aus dem KZ heraus - Es war das
KZ Ravensbrück - und wurde bei der Familie eines SS-Offiziers namens
Kiener als Kindermädchen verpflichtet. Im April 1945 traf die besagte
Familie Vorbereitungen zur Flucht in Richtung Bayern. Von Frau Kiener bekam
ich Zivilkleidung, gegen die ich meine Sträflingskleidung tauschen musste. Schließlich erreichten wir bei Nördlingen das kleine
Dorf Mönchsdeckingen, wo Frau Kiener, ihre Kinder und ich Unterkunft
fanden. Eine Woche nach dem offiziellen Ende der Kämpfe verließ
ich die Familie Kiener, denn ich wollte mich nun meinen größeren
Verpflichtungen widmen: Für mich bedeutet das, das öffentliche
Predigen von Gottes Königreich weiterzuführen; außerdem
suchte ich meinen Mann Martin, den ich seit neun Jahren nicht mehr gesehen
hatte. Er war ins KZ Dachau verschleppt worden, ich wurde ins KZ Ravensbrück
eingeliefert, nachdem wir gerade dreieinhalbe Monate verheiratet waren.
Ich wusste nicht einmal, ob er überhaupt noch am Leben war.
So machte ich mich eines morgens um 4.30 Uhr zu Fuß in Richtung
München auf, der Heimatstadt meines Mannes - und das ohne einen Pfennig
Geld, ohne Lebensmittelmarken und ohne Gepäck. Ich hatte nur einen
Schulranzen mit ein paar persönlichen Dingen und dem Rest vom Frühstück.
Gegen Abend erreichte ich en kleines Dorf und erkundigte mich bei einer
Frau, die im Garten arbeitet, nach einer Unterkunft für die Nacht.
Sie schickte mich um das Haus herum zu ihrem Mann. Als ich von hinten in
das Haus kam, sah ich neun Personen an einem reichlich gedeckten Tisch
sitzen. Auch ich wurden vom Hausherrn eingeladen, mit ihnen zu essen und
man bot mir eine Schlafgelegenheit an. Eine junge Frau, die auch dort zu
Gast war, verfolgte aufmerksam, aber schweigend unsere Gespräche -
ich hatte u.a. auch über meine Hoffnung aus der Bibel gesprochen.
Kurz vor Mitternacht kam sie zu mir, und gab mir zwanzig D-Mark, ´um
mir damit auf meiner Reise zu helfen´, sagte sie.
Am nächsten Morgen erwartete mich das gastfreundliche Ehepaar zum
Frühstück. Nachdem wir gegessen hatten, packte mir die Frau noch
eine Wegzehrung in meinen Schulranzen. Dabei kam mir in den Sinn, dass ich vor vierundzwanzig Stunden nichts zu essen hatte, kein Geld und keine
Unterkunft.
Schließlich kam ich in München an. Kurz darauf erfuhr ich, dass mein Mann noch am Leben war. Er war ins das Vernichtungslager
Mauthausen/Österreich deportiert worden, hatte aber überlebt
und wartete dort mit etwa 100 weiteren Zeugen Jehovas auf Ausstellung von
Dokumenten, die ihre Inhaftierung ins KZ während der letzten Jahre
bestätigten und als Entlassungspapiere galten. Nachdem ich das erfahren
hatte, ging ich zum amerikanischen Kommandanten in München, um zu
erreichen, dass dies so schnell wie möglich geschehen könnte.
Zwei Busse brachten schließlich alle Zeugen Jehovas zurück.
In der Zwischenzeit suchte ich eine Wohnung. Ich fand sie, als ich in der
Predigttätigkeit von Haus zu Haus unterwegs war. Mein Mann und ich
waren ab jetzt als Vollzeitprediger der Zeugen Jehovas im Raum München
tätig. Er reiste später als Prediger innerhalb der Gemeinden
von Jehovas Zeugen im Münchner Umland; eine Tätigkeit, zu der
er mich später mitnahm. So waren wir dann insgesamt 31 Jahre kreuz
und quer in der Bundesrepublik Deutschland unterwegs, wo wir die verschiedenen
Christengemeinden im Predigtwerk unterstützten. Im Jahre 1978 wurde
mein Mann in die Weltzentrale von Jehovas Zeugen berufen. Wir blieben dort
bis zu seinem Tod im Jahre 1988. Heute lebe ich in Selters/Taunus in der
Deutschen Zentrale von Jehovas Zeugen; immer noch als aktive Predigerin
von Gottes Königreich.
Quelle:
Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung", 1997, 1999
Literaturhinweise:
Buber-Neumann, Margaret,
Als Gefangene bei Stalin und Hitler. Eine Welt im Dunkel.,
Busse Seewald, Herford, 1985, [Seite 205, 211, 227, 235, 241-244, 246-259,
271, 278, 279, 308, 330, 377].
Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft,
15.09.81 Seite 5-11; 01.10.84 Seite 26-31;
Füllberg - Stolberg, Claus (Hrsg.),
"Bedrängt, aber nicht völlig eingeengt - verfolgt, aber
nicht verlassen."
Gertrud Pötzinger, Zeugin Jehovas, in: Frauen im Konzentrationslagern:
Bergen - Belsen Ravensbrück,
hrsg. v. C.Füllberg-Stolberg u.a., Edition Temmen, Bremen, 1994,
[Seite 321-332].
Garbe, Detlef,
"Zwischen Widerstand und
Martyrium. Die Zeugen Jehovas im „Dritten Reich„ (Studien zur Zeitgeschichte
Band 42)",
R. Oldenbourg Verlag, München, 3.Auflage, 1997, Seite 259, 263,
457, 460;
Graffard, Sylvie - Tristan, Léo,
Die Bibelforscher und
der Nationalsozialismus (1933-1945). Die Vergessenen der Geschichte,
Editions Tirésias, Paris, 1998, Seite 59, 60, 85-88, 95, 132
Abb, 152-155, 185, 214, 225, 239, 240;
Jacobeit, Sigrid (Hrsg.),
Ravensbrückerinnen. (Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische
Gedenkstätten. Nr.4),
Edition Hentrich, Berlin, 1.Auflage, 1995, [Seite 31, 35, 38, 44, 45,
60-63].
Presseinformation zum Video "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas
Zeugen unter dem NS-Regime", vom 6.November 1996,
Hrsg.: Informationsdienst der Zeugen Jehovas, Selters.
Jehovas Zeugen. Menschen aus der Nachbarschaft. Wer sind sie?,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Deutscher Zweig.
Selters(Taunus), 1995, Seite 19;
Jehovas Zeugen - Verkündiger des Königreiches Gottes,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Deutscher Zweig.
Selters(Taunus), Seite 452, 661ff;
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