| Hans Oberländer
Die Fahrt mit einem Taxi von Hans Oberländers (geb. 1925) Heimatort
Höckendorf in die Kreisstadt Dippoldiswalde, die er gemeinsam mit
seinem Schulfreund Hans Ullrich machte, veränderte sein Leben. Wie
kam es dazu? Hans Oberländer erinnert sich:
Nachdem ich Ende der 1940er Jahre infolge der Erkenntnis
des vergeblichen Bemühens um Gerechtigkeit die Partei und die Massenorganisationen,
in die ich 1945 eingetreten war, wieder verlassen hatte, wurde ich bei
einergemeinsamen Taxifahrt mit meinem Schulfreund Hans Ullrich, der bei
Hitler den Kriegsdienst verweigert hatte, zum Nachdenken gebracht. Auf
meine Frage an Hans Ullrich, "warum gibt es schon wieder so viel Ungerechtigkeit?",
antwortete Hans sehr taktvoll, indem er mich auf die Gerechtigkeit aufmerksam
machte, von der die Bibel spricht. Diese Gerechtigkeit wollte ich kennen lernen.
Da ich durch meine Großtante, die schon lange eine Zeugin Jehovas
war und bei der ich wohnte, oft schon in der Nazizeit auf das Wort Gottes
aufmerksam gemacht worden war, beschloss ich nun, mich jetzt eingehend
mit der Bibel zu beschäftigen.
Im März 1950 begann Hans Oberländer und seine Familie mit einem
intensiven Bibelstudium, was dazu führte, dass er zunächst
seine Arbeit als Gemeindeangestellter verlor. Da er durch seine Verbindung
zu Jehovas Zeugen als "politisch untragbar" galt, wurde er fristlos entlassen.
Ab August 1950 kam es zu Hausdurchsuchungen, Verhören und Einschüchterungsversuchen.
Dennoch ging Hans Oberländer seinen Weg entschlossen weiter. So ließ
er sich 1951 als Zeuge Jehovas taufen, während seine Ehefrau diesen
Schritt 2 Jahre später tat.
Am 9. März 1954 wurde Hans Oberländer verhaftet und dann wegen
Boykott- und Kriegshetze sowie wegen Spionage und Sabotage nach Artikel
6 der Verfassung der DDR und nach der Kontrollratsdirektive 38 zu vier
Jahren Zuchthaus verurteilt. So kam er über den Münchner Platz
in Dresden zunächst in die MfS-Haftanstalt Bautzen II, dann in das
"Gelbe Elend" Bautzen I, später nach Waldheim und zuletzt in das Arbeitslager
Stalinstadt an der Oder.
In den Haftanstalten hatte Hans Oberländer auch manche Erlebnisse,
die ihm in guter Erinnerung geblieben sind. So berichtet er unter anderem
über ein Erlebnis vom Münchner Platz in Dresden:
Als wir drei Glaubensbrüder, Werner Bormann aus Freital,
Walter Großmann aus Dittersdorf und ich in Dresden auf dem Münchner
Platz auf die Gerichtsverhandlung warteten, ging eines Tages die Tür
auf und Pfarrer John aus Dresden wurde in unsere Zelle gebracht. Sein Vergehen
bestand darin, daß er als Pfarrer ein Bild von Otto Nuschke (einem
damals führenden Mann der Ost-CDU) mit Tomaten beschossen hatte. Was
für uns jedoch wichtig war, dass dieser Herr John eine
Bibel bei sich hatte.
Obwohl wir sonst immer auf das Mittagessen warteten, weil das Frühstück
nicht so reichlich war, haben wir uns an jenem Tag so sehr mit dieser Bibel
beschäftigt, dass wir völlig die Essenausgabe versäumt
hatten und erst durch Klopfzeichen aufmerksam gemacht werden mussten.
Durch diese Bibel konnten wir uns geistig wieder sehr stärken und
auferbauen, um für künftige Härten gerüstet zu sein.
Hans Oberländer blieb während all der Jahre standhaft. Noch heute
ist er ein treuer Zeuge für seinen Gott Jehova und ist mit der örtlichen
Gemeinde der Zeugen in Frauenstein verbunden.
Quelle:
Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Sachsen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung"
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