Lebensbericht - Charlotte Müller
(Bild: Veranstaltung Ludwigsburg)

Ich wurde 1912 in Gotha-Siebleben (Thüringen) geboren. Im Jahr 1923 traten wir als Familie geschlossen aus der evangelischen Kirche aus, und meine Eltern wurden Zeugen Jehovas, damals als  "Ernste Bibelforscher" bekannt.  Im März 1933 schloss ich mich ihnen in ihrer Tätigkeit an; ebenso drei meiner sechs Geschwister. Im gleichen Jahr wurde auch die Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas in Deutschland entrechtet, verboten und verfolgt, was sich auch auf unsere Familie auswirkte. Die Nachbarn beobachteten uns argwöhnisch und man denunzierte uns als Volksverräter. Noch bis zum Jahre 1936 war es uns möglich, die Zeitschrift "Der Wachtturm" zu vervielfältigen und an unsere Glaubensbrüder weiterzuleiten. Im August 1936 holte mich die GESTAPO ab und ich kam in Untersuchungshaft. Im Februar 1937 kam ich vor ein Sondergericht in Sachsen und wurde zunächst zu zwei Jahren Haft verurteilt, weil ich einer angeblich "staatsgefährdenden" Organisation angehört habe.

Ihr Leidensweg als Zeugin Jehovas zieht  sich über den Zeitraum von insgesamt 172 Monaten - also über 15 Jahre - hin:
 
Beginn der Inhaftierung   Entlassung oder Verlegung   Orte
August 1936       Verhaftung und Untersuchungshaft
    bis Februar 1937   Sondergericht in Sachsen
Februar 1939       Einweisung in Schutzhaft ins Konzentrationslager Lichtenburg
    Mai 1939   KZ Ravensbrück
    1942   Haushalt einer SS-Familie
    Mai 1945   Befreiung und Entlassung
April 1950       Verhaftung in Chemnitz
    4. September 1951   Strafanstalten Waldheim, Halle und Hoheneck
    1957   vorzeitige Entlassung wegen Krankheit
  6. Mai 1957   Flucht nach West-Berlin

Nach Verbüßung meiner Haftstrafe wurde ich sofort wieder von der GESTAPO in Empfang genommen. Ich sollte eine Erklärung unterschreiben, dass ich mich nicht mehr als Zeuge Jehovas betätigen würde. Da ich dies verweigerte, kam ich sofort auf die Lichtenburg an der Elbe, ein kleines Konzentrationslager für Frauen. Ich traf meine Schwester Käthe wieder, die schon seit Dezember 1936 im KZ Mohringen gewesen war und jetzt hierher deportiert wurde. Im Mai 1939 kam ich ins KZ Ravensbrück. Drei Jahre später  wurde ich einem Haushalt einer SS-Familie in der Nähe des KZs Ravensbrück zugeteilt. Mit dieser Familie musste 1945 in Richtung Westen auf die Flucht gehen, denn die Alliierten Truppen rückten näher. Schließlich trafen wir auf amerikanische Soldaten, die mir erlaubten, mich im nächsten Ort als freie Bürgerin zu melden. Ende 1945 traf ich in Chemnitz meine Familie wieder. Von 1946 an erweiterte ich meine Tätigkeit als Zeugin Jehovas im damaligen Büro von Jehovas Zeugen (Bethelheim genannt) im sowjetisch-besetzten Teil Deutschlands in Magdeburg auf. Am 31. August 1950 wurde das Werk der Zeugen Jehovas in diesem Teil Deutschlands erneut verboten, diesmal aber von den Kommunisten. Das Bethel in Magdeburg wurde geschlossen, und ich kam im April 1951 in Untersuchungshaft nach Chemnitz. Am 4. September 1951 wurde ich vom Gericht zu acht Jahren Haft verurteilt; zuerst in die Strafanstalt Waldheim, später Halle und dann Hocheneck.
Nachdem ich sehr krank geworden war, wurde ich 1957 zwei Jahre Früher entlassen.  Nachdem ich von den Behörden erneut unter Druck gesetzt wurde, nutzte ich im Mai 1957 die Gelegenheit, in den westlichen Teil Deutschlands zu entkommen und mich hier niederzulassen. Heute lebe ich bei Heilbronn.

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung", 1997, 1999
Literaturhinweise:

Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich,
Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft,
01.05.97 Seite 24-29

Krause, Christine,
Die neugestaltete Ausstellung "Frauen im Konzentrationslager 1933-1945. Moringen - Lichtenburg - Ravensbrück",
in: "Informationen" - Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand, Heft Nr.48, November 1998, [Seite 36,]