| Biographie
der Familie Kusserow
Im Jahre 1913 wurde Annemarie Kusserow in Bochum
als Ältestes von 11 Geschwistern geboren. Schon kurz nach dem ersten
Weltkrieg kam der Vater mit den "Ernsten Bibelforschern" - heute
Zeugen Jehovas - in Kontakt, und wurde 1924 aktiver Prediger. Durch
die Eltern lernten alle Geschwister die Bibel sehr gut kennen und entwickelten
den Wunsch, nach den Lehren der Bibel zu leben. Außerdem beteiligten
sie sich am öffentlichen Verkündigen der biblischen Botschaft.
Annemarie Kusserow, heute in Eschborn bei Frankfurt/M
lebend, erinnert sich:
"Im Jahre 1931 zogen wir nach Bad Lippspringe,
von dort waren wir in ca. 200 Ortschaften unterwegs, um die Botschaft der
Bibel zu verbreiten. Für uns als Familie war dies eine sehr harmonische
Zeit, denn außer unserem Ziel, mit anderen über die Bibel zu
sprechen, verrichteten wir unsere Arbeiten in Haus und Garten gemeinsam;
zu dem gestalteten wir unsere Freizeit sinnvoll mit Musizieren, Malen etc.
Das änderte sich im Frühjahr 1933 schlagartig. Wir wurden
sehr schnell zum Angriffsziel der Nationalsozialisten. Als erstes wurde
die Pension meines Vaters gekürzt, weil er den sog. ´Deutschen Gruß´ verweigerte. Kurz darauf bekamen meine noch schulpflichtigen
Geschwister den Druck der Nationalsozialisten zu spüren. Man verlangte
von ihnen, die Fahne zu grüßen, Nazi-Lieder zu singen
und mit erhobenen Arm ´Heil Hitler´ zu sagen. Im
Frühjahr 1939 eskalierte der Druck an der Schule. Aufgrund ihrer Weigerung,
den Forderungen des NS-Staates nachzugeben, wurden meine Geschwister Elisabeth,
Hans-Werner und Paul-Gerhard vom Schulleiter als geistig und sittlich verwahrlost
denunziert und kamen ohne Benachrichtigung an die Eltern per Gerichtsbeschluss in ein Erziehungsheim für verwahrloste Kinder in
Dorsten. Später
sollten sie entlassen werden, wurden aber von der GESTAPO abgefangen und
kamen in ein Heim in Nettelstedt/Minden, wo sie im nationalsozialistischen
Sinn erzogen werden sollten, was allerdings misslang.
Mein Vater war zweimal inhaftiert worden und
kam schließlich Ende 1940 in das Zuchthaus Kassel-Wehlheide. Meine
Mutter und meine Schwester Hildegard wurden ebenfalls inhaftiert, und meine
damals 17jährige Schwester Magdalena kam in die Jugendstrafanstalt
Vechta. Dort verbrachte Magdalena 10 Monate und wurde dann, nachdem sie
sich wieder geweigert hatte, ihre religiöse Überzeugung aufzugeben,
ins KZ Ravensbrück deportiert. Hier traf sie später unsere Mutter
und meine Schwester Hildegard wieder.
Mein Bruder Wilhelm wurde am 27. April 1940 in
Münster von den Nationalsozialisten hingerichtet, weil er sich weigerte,
in der deutschen Wehrmacht zu dienen. Einige Wochen später wurde mein
Bruder Karl-Heinz ohne Gerichtsverhandlung ins KZ gebracht. Erst nach Sachsenhausen,
dann nach Dachau. Er erlebte noch die Befreiung 1945, starb aber bereits
am 4. Oktober 1946 im Alter von 28 Jahren an Spätfolgen der Behandlung
im KZ. Mein damals zwanzigjähriger Bruder Wolfgang wurde am 27. März
1942 in Brandenburg enthauptet; das Urteil wurde ebenfalls wegen Verweigerung
des Wehrdienstes vollstreckt. Meine Schwester Waltraud verbrachte bis zur
Befreiung 1945 z
Am 25. Oktober 1944 wurde schließlich auch
ich in Berlin vor Gericht gestellt und wegen Wehrkraftzersetzung zu vier
Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurteilt, weil ich
einen Bibelstudienkreis in meiner Wohnung unterhielt. Ich kam ins Gefängnis
Hamburg-Fuhlsbüttel."
Die Familie Kusserow verbrachte insgesamt 48 Jahre
in Haft (siehe nachstehende Tabelle). Im Verlaufe des Jahres 1945 haben
sich die überlebenden Glieder der Familie Kusserow wiedergefunden.
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