Meine Erlebnisse
während der NS-Herrschaft

(erzählt von Witali Kostanda)

Am 5. Mai 1924 wurde ich in der Ukraine geboren und habe vor der Verschleppung nach Deutschland in der Stadt Mariupol (am Asowschen Meer) gelebt. Im Mai 1942 brachte man uns nach Berlin, wo ich in einem Lager gewohnt habe und bei der Firma Knorr-Bremse arbeitete, und zwar zwölf Stunden am Tag. Ein Bekannter machte mir den Vorschlag, meinen Arbeitsplatz zu einer anderen Stelle zu wechseln, wo ich es leichter hätte und größere Bewegungsfreiheit bekommen würde.
  Das hat ich getan, wurde aber von jemandem verraten und anschließend verhaftet und ins Polizeigefängnis Potsdam eingeliefert. Nach dem Verhör mit Schlägen kam ich nach einigen Wochen ins KZ Sachsenhausen, von wo aus man mich nach vier Wochen Quarantäne in das Außenkommando Ketschendorf bei Bad Saarow überstellte.
  Dort waren ungefähr 1 000 Häftlinge und davon zwei Bibelforscher mit lila Winkel. An einem sonnigen Sonntag auf der Wiese zwischen den Baracken saß neben mir einen von ihnen und ich stellte ihm in sehr gebrochenem Deutsch die schicksalhafte Frage: "Du, was ist Bibelforscher?"
  Er hat versucht, es mir zu erklären. So gut es ging, habe ich den Atheismus und den idealen Kommunismus verteidigt. "Nix Kommunismus, nix Faschismus ... alles nix gut" - erwiderte der Bibelforscher. Darauf ich: "Aber Religion auch nix gut." - "Richtig", sagte er "aber die Bibel ist gut". Das hat mich gewundert.
  Zu jener Zeit hat man das Wort "Religion" nur im negativem Sinn verstanden. Dann hat er mir erklärt, dass Gott deswegen bald alle unzulänglichen Regierungen und falschen Religionen durch seine eigene Herrschaft mit der wahren Religion ersetzen werde. Und nur dann würden die Menschen in Frieden und Sicherheit leben, ohne Krieg, Verbrechen und Bedrückung.
  Da für mich bis dahin die Religion nur eine rein himmlische Angelegenheit war, also etwas Jenseitiges, war es für mich etwas Neues, dass es auch eine irdische Hoffnung für die Menschheit gibt. Und so haben wir uns oft unterhalten, so dass nach einer gewissen Zeit ich mich dabei erwischte, einen gewissen Glauben daran zu entwickeln.
  Anfang 1945 näherten sich die Fronten, so dass viele KZ-Lager aufgelöst und die Häftlinge in das Landesinnere verlegt wurden. So kamen wir wieder für einige Tage nach Sachsenhausen und von dort mit einem Transport nach Bergen-Belsen bei Celle. Dort starben die Häftlinge massenweise an Hunger und Schikanen, weswegen wir uns nach einigen Tagen in einen Transport einschlichen, der uns nach Farge bei Bremen brachte. Das war ein Außenkommando von Neuengamme und bestand aus ca. 1000 Häftlingen, die in einigen Baracken und einem unterirdischen, aus einer Stahlkonstruktion bestehender Bunker untergebracht waren.
  Bei unserer Ankunft kamen wir in einer Baracke, die in einer von mir nicht erlebten Weise verlaust war. Mehrere Tage durften wir die Baracke nicht verlassen und unsere einzige Beschäftigung bestand darin, im Waschraum die Läuse aus den Nähten unserer Kleidung herauszukratzen und uns über Speiserezepte zu unterhalten, bedingt durch das ständige Hungergefühl.
  Dazu kamen noch die ständigen Schikanen eines primitiven Kapo, der ständig Angst um seine Position zu haben schien und diese durch Anpöbelungen, Schläge und sonstige Möglichkeiten zu stabilisieren suchte. Nach einigen Tagen wurden wir und die Baracke durch ein Gas entlaust.
  Jeden Morgen beim Appell wurden die Häftlinge durch Abtasten der Muskulatur zur Arbeit ausgesucht. Mir war es irgendwie gelungen, eine Zeitlang dieser "Auslese" zu entgehen und im Lager zu bleiben.
  Für ein paar Tage glaubte ich das "Glück" zu haben, in der Vorküche zu arbeiten und Kartoffel und Möhren zu schälen zu können. Doch die Aufseher mit ihren Argusaugen passten auf, dass niemand wagte, einige Stücke unzerkaut zu schlucken, was sofortige Bestrafung und Rausschmiss nach sich zog.
 

 Einige Male musste ich auch beim Bau eines beeindruckend großen Unterseeboot-Bunkers mitarbeiten, und zwar außerhalb des Bunkers an einer Betonmaschine.

  Eines Tages mussten alle Häftlinge hinaustreten und es wurde bekannt gegeben, dass ein Häftling gehängt werden würde, weil er auf der Baustelle einen Treibriemen durchgeschnitten hatte und ein Stück daraus mitgenommen, wahrscheinlich als Sohlen für seine Schuhe. (Das war sehr naiv, denn er hätte es nirgendwo machen können!) Ein Leben für ein Stück Leder!
  Nach insgesamt vielleicht 4 Wochen blieben alle Häftlinge im Lager und wurden zum Teil zu Fuß und in Wagons ins Mutterlager Neuengamme gebracht. Dort war ich ca. 10 Tage, und hatte Gelegenheit, noch andere Bibelforscher flüchtig kennen zu lernen.
  Von dort aus ging es auf das Schiff "Thielbek" und anschließend auf den Luxusdampfer "Cap Arcona", der in der Neustädter Bucht vor Anker lag. Auf dem Schiff waren ca. 7 000 Häftlinge. Am 3 Mai hörten wir Flugzeugmotoren, Kanonendonner und spürten schließlich Detonationen auf dem Schiff. Es kam zu einer Panik, das Schiff ging in Flammen auf, und in diesem Durcheinander lief ich zu einem Seitenausgang und sprang mit der ganzen Kleidung ins Wasser, schwamm dann zu einem kleineren Fischerboot und konnte mich hochklimmen. Dort traf ich den erwähnten Bibelforscher. Wir ruderten zum Ufer, strandeten aber, da das Boot überladen war, und wurden gegen Abend mit einem Schlauchboot paarweise aufs Land gebracht.
  Die Front war inzwischen weitergezogen und englische Soldaten befahlen uns, nach Neustadt zu laufen (einige ganz nackt), wo wir in einer Schule und andere in den Kasernen untergebracht wurden. Am nächsten Tag hat uns ein englischer Offizier für frei erklärt und wir konnten nach Belieben unseres Weges gehen.

Der Valentin-Bunker Der Valentinbunker - Blick von der Weser (c) Rüdiger Lubricht

Mehr Informationen zum Valentin Bunker

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung"
Literaturhinweise:

Presseinformation zum Video "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime",
vom  6. November 1996, Hrsg.: Informationsdienst der Zeugen Jehovas, Selters.
 

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