Lebensbericht - Max Hollweg

Max Hollweg, Zeitzeuge einer dramatischen Historie, geb. am 7. Dezember 1910 in Remscheid.
Meine Schulung und Herzensbildung verdanke ich meinen Eltern, die sich vor dem Ersten Weltkrieg für Gottes Königreich, und damit für die Religion von Jehovas Zeugen - damals als „Ernste Bibelforscher" bekannt - entschieden. Meine Mutter ließ sich im Jahre 1913 als Zeichen ihrer Hingabe an Gott als eine  Zeugin Jehovas taufen.
Sein Leidensweg als Zeuge Jehovas zieht  sich über den Zeitraum
von mehr als fünf Jahre hin:
 
Beginn der Inhaftierung   Entlassung oder Verlegung   Orte
24.09.1938       Schutzhaft im KZ Buchenwald 
    bis 25.5. 1940   Arbeitskommando Wewelsburg
    danach   KZ Wewelsburg
 1.9.1941   1.5.1943   KZ Wewelsburg unter Verwaltung des KZ Sachsenhausen
danach   bis 1945   KZ Wewelsburg unter Verwaltung des KZ Buchenwald
    Mai 1945   Befreiung aus der Wewelsburg

Ihre Briefe, soweit ich sie als Häftling bekam, zeugten von einer einzigartigen Standhaftigkeit und Glaubensstärke. In keinem ihrer Briefe fehlte die innige Ermunterung und von Herzen kommende Ermahnung: „Bleib treu und brav".
Ja, Treue und Loyalität unserem himmlischen Vater und seiner sichtbaren, irdischen Organisation gegenüber, gaben uns damals besondere Stärke. Nur aus der Kraft Jehovas, unseres Gottes, die in den Schwachen mächtig ist, kommt Überleben. Aufgrund des Ermächtigungsgesetzes von 1938 wurde ich in Schutzhaftgenommen und in die  Wewelsburg inhaftiert, damals ins Konzentrationslager zur Schutzhaft gebracht.
Ich möchte kurz eine Erfahrung aus dem KZ Wewelsburg berichten:
 „Da war Roland, der gefürchtete Wachhund der Wachmannschaft. Das ganze Lager kannte seine schreckliche Arbeit, wie er die flüchtenden Häftlinge zurichtete. Als abschreckendes Beispiel wurde ein Häftling, dem Roland die Eingeweide herausgefressen hatte, auf den Appellplatz gelegt. Das ganze Lager musste im Gänsemarsch daran vorbei marschieren.
Ich war damals Vorarbeiter im Kommando ´Waldsiedlung´. Nachdem die Postenkette stand und ich die Arbeit eingeteilt hatte, gefiel es dem Kommandoführer, mich mit dem Roland kämpfen zu lassen. Als ich lächelte, gab er mir den Befehl, den Hund zu schlagen und zu töten. Nachdem ich mich weigerte, das Tier zu misshandeln, war er einverstanden, dass ich den Hund mit dem Stock reizte.
Als das Tier dem Siedepunkt der Erregung erreicht hatte, was an seinen fletschenden Zähnen und dem Schaum an der Schnauze zu erkennen war, gab der Kommandoführer den Befehl: ´Hund los!´
Roland hielt sich genau an die eindressierte Kampfmethode, das Opfer am Hals zu erwürgen. Den Stock aus meiner rechten Hand hatte ich weggeworfen. Ich hielt mit nur drei Fingern den Ärmel meiner weiten Häftlingsjacke. Nun konnte ich dem angreifenden Tier blitzschnell meinen rechten Unterarm in seinen aufgerissenen Rachen werfen. Roland nahm an und hielt mich gut fest. Mit meiner linken Hand streichelnd und anerkennend gütige Worte sprechend, beruhigte ich das Tier und es ließ mich dann los; Ergebnis: Enttäuschte Gesichter bei der  SS und Freude bei dem Hund und den Häftlingen.
Wie es in der Bibel zu lesen ist, kämpfte David auch um die Schafe seines Vaters und entriss sie dem Rachen des Löwen. Er hatte also Übung und Erfahrung, bevor er mit Goliath kämpfte. Dieser kleine Geschichte sollte einige Wochen später eine größere Geschichte, ein Kampf um Leben und Tod, folgen."
Max Hollweg wurde 1945 nach Kriegsende durch die amerikanischen Besatzungstruppen aus dem KZ Wewelsburg befreit. Er lebt heute in Schlangen, nahe Paderborn, und ist immer noch als Heilpraktiker tätig. Darüber hinaus hat seinen Glauben als Zeuge Jehovas nie aufgegeben und ist heute noch ein aktiver Prediger.

Quelle:

Regionaler Informationsdienst der Zeugen Jehovas in Bremen;
Pressemappe zur Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung" 1997, 1999
Literaturhinweise:

Gann, Christoph,
"... um der biblischen Wahrheit willen im KZ"
(Buchbesprechung: Max Hollweg, Es ist unmöglich von dem zu schweigen,...),
in: "Informationen" - Zeitschrift des Studienkreises Deutscher Widerstand, Heft Nr.48, November 1998, [Seite 45]

Hesse, Hans  (Hrsg.),
"Am mutigsten waren immer die Zeugen Jehovas" Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus,
Edition Temmen, Bremen, 1998, Seite 66, 67, 72;

John, Kirsten,
"Mein Vater wird gesucht..." Häftlinge des Konzentrationslagers in Wewelsburg, Historische Schriften des Kreismuseums Wewelsburg 2,
1. Auflage, Klartext Verlag, Essen, 1996, [Seite 151-159).

Hollweg, Max,
Es ist unmöglich von dem zu schweigen, was ich erlebt habe. Zivilcourage im Dritten Reich.,
Buchversand Edeltraud Mindt, Bielefeld, 2.Auflage, 1998.

Knopp, Guido,
Hitlers Helfer.,
Wilhelm Goldmann Verlag, München, 1.Auflage, 1998, [Seite 201].

Lila Winkel die "vergessenen Opfer" des NS-Regimes. Die Geschichte eines bemerkenswerten Widerstand.
Begleitheft zur Ausstellung, Hrsg.: Wachtturm Bibel- und Traktat- Gesellschaft, Selters (Taunus), Seite 17, Bild 33;

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