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(Quelle: Auszüge aus Der Wachturm
vom 1.7.1961)
Befreiung von totalitärer Inquisition Von Erich Frost erzählt Ich denke an Ereignisse zurück, die im Jahre 1919 ihren Anfang nahmen, an Ereignisse, die einen in einen gewissen Konflikt mit dem totalitären Staat brachten. Es war das Jahr, in dem meine Mutter eine Zeugin Jehovas (damals noch als ,,Bibelforscher" bekannt) wurde. Ich war an Musik interessiert. Durch ihr eifriges Zeugnisgeben wurden mein Vater und ich schließlich veranlaßt, uns am 4. März 1923 in meiner Heimatstadt Leipzig als Zeugen Jehovas taufen zu lassen. Ich brach mein Musikstudium ab und begann meinen Lebensunterhalt dadurch zu verdienen, dass ich in Kaffeehäusern und Vergnügungslokalen spielte ... Im Jahre 1924 ... [begann] ich im Literaturdepot der [Wachtturm]-Gesellschaft in Leipzig zu arbeiten. ... STURM IM ANZUG Das Zeugniswerk [der Bibelforscher] breitete sich in Deutschland sehr rasch aus ... Im Jahre 1932 begann der Geist des Nazismus die Oberhand zu gewinnen. Oft gab es in Verbindung mit den Dramavorführungen ["Photo-Drama der Schöpfung" = Dia-/ Filmvorführung, die damals in vielen Städten aufgeführt wurde] hässliche, pöbelhafte Störungen. Das wurde so schlimm, dass das Drama nur noch unter polizeilichem Schutz vorgeführt werden konnte. Während dieser Zeit wurde ich persönlich vielen Nationalsozialisten bekannt. Als ich im Januar 1933 bei einem Mitzeugen in Nürnberg wohnte, hörten wir durch den bombastischen Rundfunk aus Berlin die Bekanntgabe der Machtergreifung durch Hitler. Wir ahnten, was dies für uns bedeuten würde. Der Sturm brach los, als im April darauf die Polizei die große neue Druckerei und das Bethelheim der Gesellschaft in Magdeburg besetzte und unsere Druckpressen versiegelte... Im Frühjahr 1934 wurde ich verhaftet und sah zum ersten Male eine Gefängniszelle von innen, ich wurde jedoch nach zehn Tagen wieder freigelassen. Kurz danach gelang es mir, in die Tschechoslowakei zurückzugelangen, wo ich zuvor das Photo-Drama aufgeführt hatte... DAS CHRISTLICHE UNTERGRUNDWERK Nach meiner Rückkehr nach Deutschland im Mai 1935 schaltete ich mich in das Untergrundwerk ein. In der Nacht des 13. Juni wurde ich in meinem Hotel verhaftet und in das ,,Columbia-Haus" von Berlin geführt, wo ich die schlimmsten fünf Monate meines Lebens verbrachte. Unter Kolbenstößen und Fußtritten, stets in Einzelhaft, täglich grausam schikaniert und gedemütigt, erfuhr ich damals, dass Menschen zu Bestien werden können. Die sinnlosen Fragen eines Gestapobeamten konnten mich nicht einer umstürzlerischen Tätigkeit überführen. Unerwartet wurde ich entlassen und verschwand bald wieder im Untergrundwerk, um Jehova weiter zu dienen. Vorbereitungen auf einen Kongress in Luzern, Schweiz, waren im Gange. Mittlerweile hatten die Nazis eine neue Aktion gegen uns eingeleitet. Fast die meisten der Brüder, die verantwortliche Stellungen bekleideten, waren verhaftet worden. Ich bemühte mich nun, die zerrissenen Fäden aufzunehmen und die Dinge wieder in Gang zu bringen. Unzählige Hintertüren und Fenster verhalfen mir immer wieder im letzten Augenblick zur Flucht vor der Gestapo; meine Mutter und mein Bruder aber wurden verhaftet. Beim Kongress in Luzern, im September 1936, waren der Präsident der Gesellschaft, Bruder Rutherford, und auch 2 500 Brüder aus Deutschland anwesend. Ich erhielt den Auftrag, das entwurzelte Untergrundwerk wieder zu organisieren, und begann sogleich damit. Auch planten wir, in Deutschland eine schlagartige Verbreitung einer Kongressresolution vorzunehmen. Am Sonnabend, dem 12. Dezember 1936, zwischen fünf und sieben Uhr abends, wurden in allen größeren Städten 300 000 Exemplare davon in aller Stille in Briefkästen oder unter die Tür gesteckt. Schwärme von Polizisten und SS-Patrouillen konnten keinen einzigen Zeugen dabei erwischen! Natürlich wurde die Untergrundtätigkeit durchgeführt, trotz der Verfolgung und Gefahr, die Freiheit und selbst das Leben zu verlieren ... Kontrollen in Eisenbahnzügen waren beständige Gefahren. Schon der Ankauf größerer Papiermengen war verdächtig. Viele Kuriere fielen in die Hände der Gestapo... UNTER NAZI-DÄCHERN Am 27. März 1937 sollte die jährliche Feier zum Gedächtnis an Christi Tod stattfinden. Ich hatte mich mit zehn Brüdern verabredet, um die Untergrundtätigkeit zu besprechen, doch sollte es anders kommen. Am 21. März, um zwei Uhr morgens, dröhnen heftige Schläge und Fußtritte gegen die Wohnungstür. Binnen weniger Sekunden lasse ich ein dünnes Papierröllchen mit wichtigen Aufzeichnungen in der Matratze der Bettcouch verschwinden, und schon treten zehn Mann der Geheimen Staatspolizei ein: "So, ziehen Sie sich an, Frost. Das Spiel ist aus!" Ich betete zu Jehova und begann mich anzuziehen, während sie das gastliche Zimmer zu einer Räuberhöhle machten. Das Papierröllchen wurde nie gefunden. Alles wickelte sich nun sehr schnell ab. Die Gestapo hatte Kenntnis von unserem Plan, uns an jenem Freitag zur Gedächtnismahlfeier zu treffen, doch wusste sie nicht, wo. Mehr als einmal schlug man mich, bis ich bewusstlos war, überschüttete mich dann mit Wasser, um mich wieder zum Bewusstsein zu bringen. Bald konnte ich nicht mehr liegen und nicht mehr sitzen. Von Freitag bis Montag aß und trank ich kaum etwas, rief aber unablässig Jehova um Hilfe an, damit ich um der Brüder willen schweigen könnte. Als ich wieder vor die Gestapo-Meute geführt wurde, dachte ich an Daniel in der Löwengrube. Ihr zorniger Wortschwall verriet mir, was ich hören wollte: Die Brüder waren nicht in das Netz geraten, das die Polizei gelegt hatte. Meine Freude war unbeschreiblich. VOM GEFANGENENLAGER NACH SACHSENHAUSEN In den Lagern des Emslandmoors trieben die unmenschlichen Arbeitsbedingungen und die grausame Behandlung einen fast zur Verzweiflung. Vielleicht hat jemand schon etwas von der ,,Hölle am Waldesrand" gehört. Der Glaube und die Gesellschaft treuer Zeugen befähigten mich, dort das Schlimmste zu ertragen ... Meine Strafzeit endete nach dem Ausbruch des zweiten Weltkrieges, und ich wurde nach Berlin zurückgebracht. Neunundneunzig Tage später schlossen sich hinter mir die Tore des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Unvorstellbar war der grausame Empfang durch die SS, unvorstellbar aber auch meine Freude, als mich 280 Zeugen begrüßten, alle erprobt und gestärkt durch ähnliche harte Prüfungen. Das waren die treuen Christen, die im Bestseller The Theory and Practice of Hell (Theorie und Praxis der Hölle) erwähnt wurden: "Als der Krieg ausbrach, wurden die Zeugen im Konzentrationslager Sachsenhausen aufgefordert, sich freiwillig zum Militärdienst zu melden. Auf jede Weigerung folgte die Erschießung von zehn Männern aus ihren Reihen. Als vierzig Opfer getötet worden waren, gab es die SS auf ... Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass - um psychologisch zu sprechen - die SS der Herausforderung der Zeugen Jehovas niemals ganz gewachsen war." ... DIE HANDSCHRIFT AN DER WAND Als Strafe dafür, dass wir "Rädelsführer" waren, erhielten sechzehn von uns je fünfundzwanzig Schläge mit einer Stahlrute, worauf die Versetzung in die Strafkompanie folgte. Schließlich landeten wir als sogenannte SS-Baubrigade auf der Felseninsel Alderney, die zwischen der französischen und der englischen Küste liegt. Obwohl wir durch die, die uns gefangen hielten, viel Ungemach zu erdulden hatten, hatten wir doch auch Gelegenheiten, unsere Mitgefangenen vor Gefahren und Leiden zu bewahren. So, wie sich alles entwickelte, begann Hitlers Stern zu sinken, nachdem seine Armeen in Stalingrad angehalten worden waren. Im Lager der Nazis begann man, die Handschrift an der Wand zu verstehen. In einer sternklaren Juninacht des Jahres 1944 stand ich unten am Hafen und beobachtete die Invasion der Alliierten. Dann erfolgte unser Rücktransport nach St. Malo, den wir in alten Schiffen antraten. Mit der Bahn ging es weiter, je sechzig Mann in einem Güterwagen, durch Frankreich, Belgien, Holland und zurück nach Deutschland. Die Absicht, uns in der Kieler Bucht auf Schiffen zu versenken, zerschlug sich, als unser Transport nach Österreich abgedrängt wurde. Am 5. Mai 1945 wurden wir schließlich von Panzertruppen befreit. Etwa zur selben Zeit öffneten sich durch den Druck der vorrückenden
alliierten Heere die Tore verschiedener Konzentrationslager, und Tausende
der Elendsgestalten ergossen sich über das zerbombte Land. Sie marschierten
noch unter Bewachung, und die SS erschoss jeden, der zu schwach war
weiterzugehen oder der am Wegesrand plünderte. Es gab viele Tote.
Jehovas Zeugen halfen einander weiter. Oft predigten sie Dorfbewohnern,
die ihre Wertschätzung dadurch zum Ausdruck brachten, dass sie
das, was sie an Nahrungsmitteln besaßen, mit ihnen teilten, was eine
weitere Fürsorge Jehovas war. Die frohen Worte eines Zeugen wurden
bald typisch: ,,Jetzt bin ich frei. Ich bin dem himmlischen Vater und unserem
Führer, Jesus Christus, dankbar, dass ich seinen Namen weiterhin
lobpreisen kann."
Literaturhinweise:
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