| Familie Ebell
Karl und Anna Ebell wohnten in Grevesmühlen, in der Santower Strasse 10. 1907 kamen sie das erste Mal mit den Bibelforschern (wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden) in Berührung. Kurz vor dem 1. Weltkrieg gehörten sie zu der kleinen Gruppe Bibelforscher in Greves-mühlen. Sie trafen sich regelmäßig zur Bibelbetrachtung in der Gaststätte "Zur Börse" gegenüber dem Postamt. Sie erlebten auch, wie die Bibelforscher in den 20er Jahren das "Photo Drama der Schöpfung" in Grevesmühlen aufführten, und sehr viele in das Schützenhaus (später: Gesellschaftshaus) strömten. Bei diesen Vorführungen wurden Filme und Lichtbilder kombiniert und mit Ton synchronisiert. Karl Ebell war als Tischlermeister in der Stadt sehr bekannt. Anna Ebell war Hausfrau und sie beteiligte sich in den 20er Jahren rege an der Verbreitung von Büchern und anderer biblischer Literatur. Sie fuhr mit dem Fahrrad von Grevesmühlen bis nach Rüting, und bei solcher Gelegenheit hörte sie die Kinder rufen: "De Olsch mit de Böker kümmt." Ein Telegramm an Hitler Am 7. Oktober 1934 beteiligte sich Anna Ebell an einer landesweiten Protestaktion, die von Jehovas Zeugen organisiert worden war. An diesem Stichtag sandten sie zusammen mit Tausenden deutscher Zeugen ein Protesttelegramm an die Hitler–Regierung, das dazu aufrief, die Verfolgung der Zeugen Jehovas in Deutschland einzustellen. Die kleinen Gruppen der Bibelforscher versammelten sich am Sonntag, den 7. Oktober 1934, um 9 Uhr zumeist in den Wohnungen ihrer Leiter. In Grevesmühlen traf sich die Gruppe in der Santower Strasse 10 bei Tischlermeister Karl Ebell. Um die Einheit mit ihren Glaubensgeschwistern in Deutschland zu bekunden, versammelten sich auch im Ausland zur gleichen Zeit die Bibelforschergemeinden. Die Postämter verzeichneten eine wahre Flut von Telegrammen mit folgendem Wortlaut: "Ihre schlechte Behandlung der Zeugen Jehovas empört alle guten Menschen und entehrt Gottes Namen. Hören Sie auf, Jehovas Zeugen zu verfolgen, sonst wird Gott Sie und Ihre nationale Partei vernichten." In einem totalitären Staat war es eine echte Herausforderung, ein Telegramm solchen Inhalts aufzugeben. Anna Ebell besaß diesen Mut und ging entschlos-sen zum Postamt in Grevesmühlen. Als der Postbeamte das Tele-gramm gelesen hatte, sagte er, über die Brille schauend: "Wöll`n se dat würklich affschicken, Fru Ebell?" Sie antwortete: "Ja, dat will ik!" Nach Augenzeugenberichten tobte Hitler, als er die Nachricht von den Telegrammen erhielt. Die Verurteilung Am 10. April 1933 erließ das Schweriner Innenministerium ein Verbot der Bibelforschervereinigung für das Land Mecklenburg – Schwerin. Karl und Anna Ebell wollten ihren Glauben nicht aufgeben und kamen deshalb mit dem NS – Regime in Konflikt. Sie besuchten weiter die illegalen Zusammenkünfte der Glaubensgemeinschaft, hatten Kontakt mit deren getarnt reisenden Vertretern und gaben die verbotenen Schriften an andere weiter. 1936 kam es bei ihnen zu einer Hausdurchsuchung, bei der man verbotene Literatur fand. Aufgrund dessen wurden sie am 03.02.1937 mit sechs anderen Glaubensbrüdern vor das Sondergericht Schwerin gestellt. Ihnen wurde vorgeworfen, Besuch von Glaubensbrüdern erhalten zu haben und mit ihnen über "Glaubensdinge" gesprochen zu haben. Außerdem wurden sie für schuldig befunden, einige Broschüren sowie einen Gebetstext erhalten und darin gelesen zu haben. Erschwerend kam hinzu, dass sie für den Gebetstext „etwa 30 – 60Rpf" (Reichspfennig) bezahlt hatten. Karl und Anna Ebell wurden "auf Grund der §§ 1 und 4 der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutze von Volk und Staat" zu je neun Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Anna Ebell musste die Strafe nicht antreten, sie bekam Haftverschonung. Karl Ebell kam für drei Monate ins Gefängnis Bützow und wurde dann vorzeitig entlassen. Zwei ihrer Mitangeklagten, Wilhelm Wohler und Heinrich Woest, beide aus Wismar, hatten weniger Glück. Sie erhielten je zwei Jahre Gefängnis und wurden anschließend von der Gestapo in Schutzhaft genommen. Das Konzentrationslager, in das sie eingeliefert wurden, haben beide nicht mehr lebend verlassen. Quellen: Familie Ebell - Paul Oehm, Enkel von Ehepaar Ebell
|