| Heidelberg, 3. bis 5. November 2000 | |||
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Repression und
Selbstbehauptung: Die Zeugen Jehovas unter der NS- und der SED-Diktatur Heidelberger Kooperationstagung des Hannah-Arendt-Instituts für Totalitarismusforschung an der TU Dresden und der Arbeitsstelle Kirchliche Zeitgeschichte der Theologischen Fakultät der Universität Heidelberg, 3.-5. November 2000 Siehe auch:
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![]() von rechts: Waldemar Hirch, Robert Schmidt, Stefan Zibulla |
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Tagungsbericht Die bis heute zu den „vergessenen Opfern" der NS-Diktatur zählende christliche Religionsgemeinschaft „Zeugen Jehovas" (ZJ) findet in letzter Zeit immer mehr Beachtung. Seit 1993, dem Erscheinungsjahr von Detlef Garbes grundlegender Studie zu den ZJ im Nationalsozialismus, steht das Schicksal dieser Opfergruppe im Nationalsozialismus und neuerdings auch unter der SED-Diktatur im Blickpunkt der Zeitgeschichtsforschung. Ziel der Dresdener (Dr. Clemens Vollnhals) und Heidelberger (Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier) Kooperationstagung war es daher, den aktuellen Forschungsstand zu beiden totalitären Diktaturen aufzuarbeiten und in vergleichender Perspektive kritisch zu hinterfragen. Die Erträge der Tagung, an der neben namhaften Historikern
aus Deutschland und der Schweiz einschlägige Fachleute aus den Reihen der
Glaubensgemeinschaft, Zeitzeugen der DDR-Verfolgung sowie zwei
FilmemacherInnen teilnahmen, sollen 2001 in einem größeren Sammelband
vorgestellt werden. |
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![]() Prof. Dr. Dr. Gerhard Besier (Heidelberg) |
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Nach einem Grußwort des Präsidenten des deutschen Zweiges der Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft, Willi Pohl (Selters/T.), und einer Einführung in die Thematik von Clemens Vollnhals (Dresden) widmete sich der erste Themenblock der NS-Verfolgung der ZJ. Detlef Garbe (Hamburg) bilanzierte hierzu den aktuellen Forschungsstand. Er stellte fest, dass sich die Kenntnisse über das Schicksal dieser Opfergruppe inzwischen grundlegend verbessert hätten. Für die zukünftige Erforschung sieht Garbe fünf vorrangige Themenfelder:
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![]() Willi Pohl, Präsident der Wachtturm-Gesellschaft, Selters-Taunus
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Die europäische Komponente der
Verfolgung der ZJ in den Jahren 1933-1945 beleuchteten Hubert Roser
(Mannheim) und Max Wörnhard (Thun). Während Roser mit Blick
auf die europaweiten illegalen Netzwerke der ZJ die führende Stellung der
Schweiz hervorhob, betonte Wörnhard die sich seit 1935 auch hier
zunehmend verschlechternde Situation der ZJ, die zu Verfolgungsmaßnahmen und
fast zu ihrem Verbot führte. Roser zeigte zudem, dass sich die
jüngsten, in der Schweiz heftig diskutierten Erkenntnisse zur schweizerischen
Flüchtlingspolitik auch auf die ZJ übertragen lassen. Trotz ihrer
vergleichsweise geringen Zahl wurden die aus Deutschland oder den von ihm
besetzten Ländern geflüchteten ZJ seit 1937/38 als eigenständige
Flüchtlingsgruppe aufgefasst. Wie die Juden oder die politischen Flüchtlinge
sollten die ZJ dabei von der Schweiz möglichst ferngehalten oder doch nur mit
großen Vorbehalten aufgenommen werden. Manfred Zeidler (Frankfurt/M.)
beleuchtete am Beispiel des sächsischen Sondergerichts Freiberg die
zunehmende Indienstnahme der Justiz durch den NS-Staat sowie die unnachgiebige
gerichtliche Verfolgung der ZJ besonders in den Jahren 1935-1939. |
![]() Dr. Hubert Roser (Mannheim) |
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| Der zweite Themenblock befasste sich vornehmlich mit den Formen und Instrumenten der Repression der Verfolgung der ZJ in der DDR, die hier von Oktober 1950 bis zur „Wende" 1989/90 als Glaubensgemeinschaft verboten waren. Die ZJ galten in der DDR als Staatsfeinde, die unter dem Deckmantel der Religion Spionage für die „BRD" und den „US-amerikanischen Imperialismus" betrieben. Nach einem einführenden Beitrag zur Kirchenpolitik in der DDR von Bernd Schäfer (Dresden), der sowohl die wesentlichen Instrumente der Repression: 1. die SED mit ihrer parteiinternen „Arbeitsgruppe Kirchenfragen", 2. das Ministerium für Staatssicherheit (Stasi) und 3. das mit Stasi-Informanten durchsetzte Staatssekretariat für Kirchenfragen, als auch die zentralen kirchenpolitischen Strategien des SED-Regimes vorstellte, referierte Hans-Hermann Dirksen (Hadamar) im Vorgriff auf seine demnächst erscheinende umfassende Dissertation zu dem Thema über die strafrechtliche Verfolgung der ZJ in der DDR mit Schwerpunkt 50er-Jahre. Nach Dirksen kam es in 40 Jahren DDR zu etwa 6.000 Inhaftierungen und 5.000 Verurteilungen, wobei die im Vergleich zur NS-Zeit anfangs wesentlich längere Haftdauer seit den 60er-Jahren allmählich abnahm. Direkt nach dem Verbot der ZJ 1950 kam es auch zu über 250 Fällen sogenannter „Doppelverfolgung". Wie die anwesenden Zeitzeugen aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen konnten, mussten ZJ, die bereits in der NS-Zeit im Gefängnis oder KZ einsaßen, in der DDR erneut lange Jahre unter großenteils unzulänglichen Haftbedingungen zubringen. |
![]() Dr. Hans-Hermann Dirksen (Greifswald) |
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Waldemar Hirch (Darmstadt) und Gerhard Besier (Heidelberg) in seinem einführenden Referat vom Vortage befassten sich vornehmlich mit der Stasi, die seit den 60er-Jahren die Hauptarbeit der „Zersetzung" gegen die ZJ in der DDR trug. Anhand von Beispielen stellte Hirch die Tätigkeit der sogenannten IMs („Informellen Mitarbeiter") vor, deren Wirken die ZJ von innen heraus lähmen und das bis in den Westen reichende Kurier- und Verbindungssystem zerstören sollte. Besier konzentrierte sich vor allem auf die „Christliche Verantwortung", ein im Auftrag der Stasi von ehemaligen ZJ geführtes Publikationsorgan mit guten Kontakten zu DDR-Pfarrern und „Sektenbeauftragten" in der Bundesrepublik. Unter der Ägide der Familie Pape erwuchs die „Christliche Verantwortung" zu einem zentralen Instrument der Stasi gegen die ZJ. Nach dem Ende der DDR 1990 wurde die Zeitschrift eine Zeitlang im Westen von dem Tübinger Theologen Klaus-Dieter Pape weitergeführt. Der Themenblock wurde abgerundet durch zwei regionalgeschichtliche Beiträge von Robert Schmidt (Frankfurt/M.) und Göran Westphal (Jena), die anhand von Zeitzeugeninterviews mit ZJ in der Oberlausitz bzw. Weimar unter anderem die Resonanz der Stasi-Bespitzelung vor Ort untersuchten. Den Versuch einer Verbindung zwischen erstem und zweitem
Themenblock unternahm Gerald Hacke (Dresden), Autor einer grundlegenden
Monographie über die ZJ in der DDR, mit seinem vergleichenden Beitrag über
„Die Perzeption der ZJ in der nationalsozialistischen und der
kommunistischen Diktatur". Nach Hacke war beiden Systemen
gemeinsam, daß die ZJ als politische Gruppierung wahrgenommen wurden, die
sich durch die Religion lediglich tarnte. Dabei waren die jeweiligen
Feindbilder völlig konträr. Während die Nationalsozialisten, die sich bei
ihrer „Wurzelsuche" auf die gängige völkische Literatur beriefen, in
den ZJ eine „jüdisch-bolschewistische" Gruppierung sahen, orteten die
DDR-Machthaber die ZJ im Fahrwasser des „imperialistischen
anglo-amerikanischen Kapitalismus". Die ebenso unterschiedlichen Formen
der Verfolgung: im Nationalsozialismus in erster Linie physischer Terror, in
der DDR „Zersetzung" durch die Stasi, sollten die Anhänger der ZJ zu
einer zumindest äußerlichen Verhaltensänderung zwingen. |
![]() Waldemar Hirch (Darmstadt) |
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Ein dritter Themenblock konzentrierte sich auf die „Doppelverfolgung" und die Rolle der Zeuginnen Jehovas in der DDR. Wolfram Slupina (Selters/Ts.) stellte in seinem Referat die Biografien zweier „Doppelverfolgter", Elisabeth Kühne und Walter Schmidt, vor. Kühne wurde 14 Jahre in verschiedenen Haftanstalten und KZ gefangen gehalten, Schmidt verbrachte insgesamt 11½ Jahre in 22 Strafanstalten, darunter acht Jahre in einem KZ. Slupina betonte, dass ein Vergleich zwischen NS- und DDR-Verfolgung keine Gleichsetzung bedeute. Leid ließe sich nicht bilanzieren. Hans Hesse (Göttingen) beschäftigte sich mit der Gruppe der „doppelverfolgten" Frauen, die ca. 10% aller verfolgten Zeuginnen Jehovas in der DDR ausmachten. Nach gegenwärtigem Kenntnisstand betrug das Verhältnis von Männern und Frauen, die der Verfolgung in der DDR ausgesetzt waren, etwa Drei zu Eins. Generell waren in der DDR deutlich weniger Frauen von Verfolgung betroffen als in der NS-Zeit. Widerstand leisteten diese Frauen vor allem, indem sie Schriften aus dem Westen einschmuggelten und weiter verteilten sowie durch ihre missionarische Tätigkeit. Zu den Haftbedingungen von Zeuginnen Jehovas in der DDR bemerkte Hesse, dass sich die Methoden der Nationalsozialisten und des DDR-Regimes ¾ bei mancher Parallele im Detail (Etwa die ausschließliche Ausgabe von Blutwurst an Zeuginnen Jehovas, die den Verzehr aus religiösen Gründen ablehnten) insgesamt eher unterschieden. Hans-Hermann Dirksen (Hadamar) rundete den Themenblock
mit einem Exkurs über die Verfolgung der ZJ in den Ostblockstaaten ab und
führte hierfür Beispiele aus Ungarn und Moldawien an. In der Diskussion
wurde auf das zeitliche Zusammenfallen der Verfolgungen im Ostblock
hingewiesen. Den Schluss markierte Johannes Wrobel (Selters/Ts.),
Leiter des zentralen Archivs der Wachtturm-Gesellschaft in Deutschland, mit
einem Überblick über die bisher bekannten Zahlen zum Strafvollzug von ZJ in
der DDR. Nach derzeitigem Kenntnisstand sind 4.878 DDR-Opfer bekannt; 62
starben, darunter 16 Frauen. Wrobel wies darauf hin, dass die
inhaftierten ZJ dieselben unmenschlichen Haftbedingungen zu erdulden hatten
wie die übrigen Gefangenen im frühen DDR-Strafvollzug. Doch es gab auch
Besonderheiten: ein genereller verschärfter Vollzug mit „Isolation"
für alle ZJ in den 50er-Jahren, Konflikte in Verbindung mit der Verweigerung
von Blutwurst oder ein spezielles Bibelleseverbot, das fast durchweg bis zum
Ende der DDR bestand. In Halle waren Mitte der 50er-Jahre inhaftierte ZJ sogar
durch ein lila „Z" an der Zellentür zu kennzeichnen. |
![]() Wolfram Slupina (Selters)
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In Anlehnung an das übergreifende Totalitarismus-Modell von Juan Linz definierte Clemens Vollnhals (Dresden) in seinem resümierenden Beitrag anti-totalitären Widerstand in drei Kategorien: 1. politische Opposition, direkt auf den Sturz des Regimes gerichtet, 2. gesellschaftliche Verweigerung/Resistenz und 3. weltanschauliche Dissidenz. Den Widerstand der ZJ als Gruppe ordnete Vollnhals in Gruppe 2 „gesellschaftliche Verweigerung" ein, während das Verhalten von Einzelpersonen auch der Gruppe 3 „weltanschauliche Dissidenz" zugerechnet werden könne. Die in den Referaten angesprochenen Themen wurden durch
zwei aktuelle Filmdokumentationen „Folget mir nach" von Fritz
Poppenberg (Berlin) und „Bei uns werdet Ihr nichts zu lachen haben
..." von Loretta Walz (Berlin) illustriert. Die beiden 60 und 35
Minuten langen Videos thematisieren den Strafvollzug bzw. die Verfolgung der
ZJ in der DDR vornehmlich in den 50er-Jahren. Als bedauerlich werteten die
Tagungsteilnehmer die offenbar geringe Resonanz solcher Filmproduktionen im
Fernsehen und auf Filmfestspielen. Möglicherweise hänge dies mit der
geringen Lobby von sogenannten gesellschaftlichen „Randgruppen" bei
Programmdirektoren und Festspielleitern und der öffentlichen Stigmatisierung
der ZJ als „Sekte" zusammen. Ein ergänzender Beitrag von Robert
Reichel (Freiburg/Br.) beschäftigte sich zudem mit dem Thema
Kriegsdienstverweigerung von ZJ in der Bundesrepublik. In den 50er- und
60er-Jahren wurden über 800 ZJ, die aus Gewissensgründen sowohl den
Wehrdienst als auch den als Ersatz hierfür eingerichteten Zivildienst
ablehnten, mitunter mehrfach zu mehrmonatiger Gefängnishaft bestraft. Erst
1969 schuf der Gesetzgeber die Möglichkeit, anstelle des Ersatzdienstes einen
freiwilligen Dienst bei einem öffentlichen Arbeitsträger abzuleisten. |
![]() Dr. Clemens Vollnhals (Dresden) |
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Siehe
auch:
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