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Die Geschichte einer Straße
Autor: Franz-Michael
Zagler
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November 1998. Am Stadtrand von St. Pölten. Eine
Straße bekommt einen Namen. Einen Namen mit einer bewegten Geschichte.
Von der niemand etwas weiß. Bis heute. Denn die folgende Reportage hielt
sich nicht an die aphoristische Weisheit:
"Wo nichts mehr zu
enträtseln bleibt, hört unser Anteil auf."
Anton Streyczek. Fast wäre dieser Name in Vergessenheit geraten.
Doch im Rahmen der Ausstellung „Vergessene Opfer der NS - Zeit",
die in Österreich über 122.000 Menschen begeisterte, besann man sich der
Opfergruppe der Zeugen Jehovas.
Allein im Raum St. Pölten widerstanden neun Bibelforscher, wie Zeugen
Jehovas damals genannt wurden, diesem Regime und gingen lieber in den Tod,
als die Waffe gegen ihre Mitmenschen zu richten. Diese Menschen, die sich
im Bewußtsein der Konsequenzen an das sechste der zehn Gebote Gottes:
"Du sollst nicht morden" hielten, haben es verdient, noch
einmal namentlich genannt zu werden. Diese lauten:
Leopold Höflinger, Josef Macho, Leopoldine Macho, Viktor Nemec, Alois
Schuster, Maria Schuster, Agnes Streyczek, Anton Streyczek und Josef
Wölfl.
Prof. Dr. Siegfried Nasko würdigte am 11. Mai 1998 - dem Tag der
Eröffnung der Ausstellung in St. Pölten - die Rolle der Zeugen Jehovas,
nachdem er die Opfer der Region namentlich erwähnte, als er sagte:
"Kaum eine geschlossene Gruppe außer den Juden wurde in
Hitler-Deutschland so sehr verfolgt wie die Zeugen Jehovas. Keine andere
Glaubensgemeinschaft hat sich insgesamt mit vergleichbarer Unbeugsamkeit
den NS-Nötigungen konsequent entgegengestellt."
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(2) Anton Streyczek
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| Anton Streyczek war einer von ihnen.
Am 22.12.1939 fand er als erster Zeuge Jehovas in Niederösterreich in
Berlin-Plötzensee gewaltsam den Tod. Hinter einem dicken, schwarzen
Vorhang setzte das Fallbeil seinem Leben ein jähes Ende. Anton Streyczek
fühlte sich aber nicht als Held, genauso wenig wie alle anderen Zeugen
Jehovas. Er lebte seine Überzeugung und vollbrachte durch die Kraft
seines Glaubens dieses Wunder.
An dieser Stelle möge sich der Leser in das vorige Jahrhundert zurück
versetzt fühlen, und die Entstehungsgeschichte dieses Wunders im
Zeitraffer noch einmal miterleben. |
Ursprünglich stammt ein Teil der Familie Streyczek aus der
Tschechei.
Der Vater von den beiden Söhnen Anton (Bild 3) in jungen Jahren,
geboren am 25.2.1899 und Ferdinand (Bild 2) geboren am 25.5.1900,
lebte jedoch schon vor der Jahrhundertwende in Österreich und wohnte mit
seiner Familie in 3151 St. Georgen am Steinfeld.
Um das Jahr 1910 versuchte man diese Familie, die in ärmlichen
Verhältnissen lebte, in die Tschechei abzuschieben.
Als die Söhne Anton und Ferdinand die Gemeindevertreter kommen sahen,
flüchteten sie zu einem reichen Nachbarn. Dieser hatte auch Pferde und er
gewährte ihnen Unterschlupf. Die Mutter und Schwestern - vermutlich
hatten sie drei Mädchen - Maria, Josefa - der Name des dritten Mädchens
ist leider unbekannt - konnten dem Schicksal nicht entfliehen und wurden
in die Tschechei abgeschoben, wo sie auch für den Rest ihres Lebens
bleiben sollten. Anton und sein Bruder Ferdinand wuchsen zum Teil bei
diesen gutsituierten Nachbarn auf.
Laut Erzählungen soll sie der Vater nur dann geholt haben, wenn er
betrunken war. Dann ging er hinüber und schrie: "Die Kinder
gehören mir!"
Dieses Gruppenfoto kam 1985 von der Tschechei nach Österreich. Damals
hatte ein Neffe, Augustin Streyczek, von seiner Cousine Besuch. Sie lebte
mit ihrem Mann und den drei Töchtern Anette, Bohunka und Otylia bis zu
diesen Zeitpunkt in der Stadt Pardobitz und trug den Familiennamen Dudkowa.
Auch die Numerierungen stammen aus dieser Zeit. Nr.1: Schwester
von Anton Streyczek namens Josefa. Nr.4: Schwester
von Anton Streyczek namens Maria. Jene Personen, welche die Nummern
2,3,5,6 und 7 tragen, sind weitere Verwandte von Anton
Streyczek. Diese sind jedoch den heutigen Hinterbliebenen, die in
Österreich und in der Tschechei leben, unbekannt. |

(3) Anton Streyczek

(4) Ferdinand Streyczek
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Von
den anderen Verwandten leben noch zwei in Österreich. Augustin
Streyczek lebt als pensionierter Volksschuldirektor in 3200
Obergrafendorf, Brunnenweg 4. Das Foto zeigt ihm bei den Recherchen
mit Franz-Michael Zagler aus 3204 Kirchberg an der Pielach.
Er wurde am 4.8.1928 in St. Georgen am Steinfeld geboren und hatte ein
sehr gutes Verhältnis zu seinem Onkel Anton. Viele schöne Ferientage
sind ihm noch in Erinnerung. Zum Onkel blickte er förmlich auf, da dieser
ein ruhiger Mann war, der Kinder sehr liebte obwohl er selbst nie
Vaterfreuden genoss. Was begeisterte ihn noch, außer seine ruhige
Art?
Augustin Streyczek:
"Anton war ein großer Mann – größer als mein Vater
Ferdinand. Außerdem war er sehr sportlich und das faszinierte mich."
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Augustin sieht sich heute noch als 11jähriger die Treppen zum
Dachgeschoss in dem Haus der Mariazellerstraße 164 hinaufgehen, wo er viele
Stun den mit seinem Onkel Anton und seiner Tante Agnes verbrachte. Heute ist dieses Gebäude als Pension Elisabeth bekannt. Vieles aus dieser Zeit ist ihm schon entwichen.
Doch einen Abend wird er in seinem Leben nicht mehr vergessen. Mit seiner Familie sitzt er beim Abendbrot zusammen, als Post kommt. Nicht irgendeine, wie sich bald herausstellen sollte. Vater Ferdinand liest den Brief seines Bruders Anton Wort für Wort genau vor und Augustin hört gespannt zu. Die Überschrift lautet:
"Lieber Bruder, Schwägerin und Kinder."
Was muss in den 12jährigen Augustin vorge gangen sein, als er die folgenden Zeilen hört?
"Ich muss Euch doch auch einmal schreiben wie es um mich steht.
Das ich verhaftet worden bin weil ich nicht eingerückt bin, das werdet
Ihr ja wissen. Bin von St. Pölten nach Wien und von Wien nach Berlin
N.W.40 Alt Moabit 12 A gekommen, wo ich bis jetzt bin. Haben mich vor
das Reichskriegsgericht zur Verhandlung am 15.XI. Vormittag um 9 Uhr.
Die Verhandlung dauerte bis um 10 Uhr 10 Minuten. Ich wurde von diesem
Reichskriegsgericht zum Tode verurteilt."
Er konnte es nicht begreifen, dass sein Onkel so konsequent bleiben
würde. Alle Verwandten hofften, dass er seine Meinung ändern würde.
Schon vor der Verhaftung fanden des öfteren Gespräche statt. Der Brief
machte ihnen jedoch klar, dass Anton seinen Entschluss nicht ändern
würde.
Nein, Anton Streyczek war kein Märtyrer. Sein Gewissen und das vieler
seiner Glaubensgenossen ließ es zu, ein "Zurückstellungsgesuch"
einzureichen. In diesem Schreiben macht er wie Josef Macho - ein "Glaubensbruder"
aus St. Pölten, der am 10. Jänner 1942 im Konzentrationslager in Dachau
den Tod fand - deutlich, warum er den Dienst mit der Waffe ablehnt:
"Es steht im göttlichen Gesetz geschrieben, dass der Mensch
nicht töten soll, und die jetzigen politischen Auseinandersetzungen mit
der Waffe sind ja nichts anderes als Mord an der Menschheit. Es steht
auch geschrieben, der das Schwert zieht, wird durch das Schwert
umkommen. Ich hege keinen Haß oder Feindschaft gegen irgendeinen
Menschen oder eine Regierungsform und lehne den Militärdienst aus
Gewissens- gründen ab. Ich bitte, dies zur Kenntnis nehmen zu wollen
und mich vom Militärdienst zu entheben."
(Zitat aus: Beschluss der Dienststrafkammer Wien gegen
Josef Macho vom Februar 1942, DÖW E 19285, Anm.)
Dieser Bitte wird freilich nicht stattgegeben – damit war zu rechnen.
Augustin wußte außerdem nur zu gut, dass sein Onkel diesen Weg bewusst
ging.
Seine Haltung und seine Argumentation beeindruckte ihn schon als Kind.
Diese lautete:
"Du brauchst aber deshalb nicht erschrecken, denn wenn ich
eingerückt wäre, könnte ich ja auch schon bald tot sein, nicht. Ich
weis, dass wir nur zwei Brüder sind und wir uns doch auch gerne hatten,
aber kannst du etwas dagegen machen, wenn die Menschen auseinander
gerissen werden, nein, das ist schon so, auch mir tut es leid, das ich
Euch nicht mehr sehen kann. Aber du bist hoffentlich noch zu Hause bei
deiner Frau und Kinder."
In dieser schweren Stunde fühlt sich Anton wie zweigeteilt. Einerseits
weiß er, dass er am nächsten Tag einen Sieg über das NS-Regime feiern
wird. Sein Empfinden ist gleichzeitig ein Beweis seines großen Glaubens,
als er schreibt:
"In der Zelle war es immer finster, jetzt wird es schon
lichter."
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(7)
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| Dieser Zustand lässt ihn jedoch seine Frau nicht
vergessen. Agnes - rechts im Bild - die mit ihrem Mann den Weg als
Zeuge Jehovas gemeinsam begonnen hat zu gehen, denkt in diesen Augenblick
daran, wie glücklich ihr Mann Anton war, als dieser zum ersten Mal ihre
Überzeugung die sie aus der Bibel kennenlernte, verstand.
Am 30. Juli 1939 ließen sie sich gemeinsam taufen. Um jene Zeit konnte
ihn jeden Tag die Einberufung erreichen. An die Konsequenzen möchten sie
noch gar nicht denken. Anton bangt um seine Frau Agnes und hat dafür
allen Grund. Denn als Frau eines Kriegsdienstverweigerers wird sie der
üblichen finanziellen Unterstützung verlustig gehen.
Agnes erinnert sich:
"Ich war aber völlig überzeugt, dass unser himmlischer
Vater, für jene die ihm treu bleiben, immer aufkommt. Als ich ihm diese
meine Überzeugung zur Kenntnis gebracht hatte, sah ich zum ersten
Mal Tränen in seinen Augen, wobei er bemerkte:
"Jetzt weiß ich alles, jetzt bin ich glücklich, jetzt mag
kommen was will." "
An seinen Bruder Ferdinand schreibt er daher:
"Und bedenke aber wie es meinem Weibi geht. Sie hat keinen
Ernährer, keinen Verdienst, und ist auch nicht mehr so jung, (immerhin
ist sie um 9 Jahre älter, geboren am 15.1.1890 - Anm.) am Jänner 50
Jahre, der muß es ja zweifach Wehe tun. Der Winter ist da und sie hat
keinen Mann, der für sie sorgt, keinen Verdienst, vielleicht muß sie
frieren und hungern.
Den wir hatten kein Vermögen erspart. Dann dürft ihr nicht
vergessen wie wir uns geliebt haben, und noch lieben, denn sie hat mir
jeden Wunsch, wenn es gegangen ist erfüllt. War treu zu mir und wir
hatten uns furchtbar gerne. Sie liebte mich wie ihren Mann und Sohn und
hegte und pflegte mich, wie nicht gleich wieder eine Frau so ist."
Bis zu seiner Verhaftung gilt Anton Streyczek als fleißiger Arbeiter.
Er verdient seinen Lebensunterhalt als Wanderbursch in den verschiedenen
Werken.
Damals als "Handwerksbursche auf der Walze" bezeichnet, die auf
Männer zutraf, die als Geselle ihre Ausbildungsstätte verließen und auf
Wanderschaft gingen.
Im Frühjahr des Jahres 1939 war er jedoch bereits an der Front tätig.
Die Nichte von Anton Streyczek – Fr. Rosa Lampl – erinnert sich noch
daran, dass Anton in der Kompanie "Zehnerschützen" beim
Bundesheer seinen Dienst verrichtete.
Aber gab es Anfang 1939 noch das Bundesheer?
Dr. Artel, Wehrmachtsreferent des Österreichischen Staatsarchiv:
"Das österreichische Bundesheer wurde mit 5.11.1938
aufgelassen. Ab 6.11.1938 war es bereits in der Wehrmacht integriert.
Die Kompanie "Zehnerschützen" (im Volksmund war diese
Bezeichnung so üblich, Anm.) hieß in Wirklichkeit: "Kavallerie
Schützenregiment 10." Diese Einheit gab es vom 1.8.1938 bis zum
18.3.1940. Dann wurde sie auf "Schützenregiment 10" unbenannt
und behielt diese Bezeichnung bis 4.7.1942. Ab dem 5.7.1942 trug sie den
Namen: „Panzergrenadierregiment 10."
An welcher Front Anton Streyczek eingesetzt war – ob er an den
Blitzkriegen, die Hitler im Frühjahr 1939 gegen Böhmen und Mähren
durchführte, beteiligt war oder nicht, kann heute leider niemand mehr
sagen. Frau Rosa Lampl erinnert sich daran, dass nach einem Feldzug in dem
sehr viele gefallen sind, der Rest der Kompanie nach Hause geschickt
wurde.
Anton hat das Glück, einer von denen zu sein, die in den Urlaub nach
Hause gehen.
In der kurzen Zeit zu Hause bei seiner Frau erzählt ihm Agnes immer
wieder begeistert von der Hoffnung aus der Bibel. Ihre starke Überzeugung
bleibt von den Verwandten nicht unbemerkt, die keine rechte Freude
darüber haben. Seine Sorge um seine Frau ist daher nicht von ungefähr,
denn die Verwandten geben Agnes die Schuld, dass sich Anton für diesen
Weg entschieden hat.
Vorsorglich schreibt er in seinen Brief an Ferdinand:
"Eine Bitte habe ich noch an Euch, geht nicht los auf Sie, auf
meine Frau und gebt ihr nicht die Schuld das wir auseinander gerissen
wurden, denn auch Sie kann nichts dafür. Wenn ich eingerückt wäre,
wären wir ja auch auseinander gekommen. Darum seid gut und macht Ihr
keine Vorwürfe, denn auch Euch kann eines Tages dasselbe Los treffen."
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(8) Agnes Streyczek
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Welche Arbeit Anton genau verrichtete und vor allen wo,
entzieht sich dem Erinnerungsvermögen des Neffen. Jedoch ist in den
Aufzeichnungen des Polizeiarchivs in St. Pölten der Eintrag vermerkt,
dass Anton vor seiner Einberufung als Hilfsarbeiter in eine der drei
Schottergruben am "Teufelhof" gearbeitet haben muss.
Noch heute stehen noch Überreste von den Verwaltungsgebäuden aus jener
Zeit. Bild 9 zeigt alte Silos, die auf der
gegenüberliegenden Seite des Herrschaftshauses (Bild 10) der
Besitzerfamilie standen.
Die drei Schotterwerke (Bild 11 bis 13) gehörten zur damaligen
Zeit der Familie Montecuccoli, die zum Geschlecht Diabolis
gehören. Heute sind die drei Schottergruben oder das was von ihnen
übriggeblieben ist, in den Besitz von Oskar Oser gegangen.
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(9) alte Silos

(10) Herrschaftshaus
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| Eine eigens benannte Straße (Bild 14) und eine
Pension erinnert an die Zeit vor dem zweiten Weltkrieg, und an das
emsige Treiben am Stadtrand von St. Pölten.
Am Stammtisch der Pension am "Teufelhof" (Bild 15) erzählt
man sich noch heute von den Erlebnissen, die während des Tages in den
drei Schottergruben gemacht wurden.
An welche Geschichten würde sich Anton Streyczek erinnern, wenn man
Ihn danach fragen würde?
Die Arbeit ist an jenem Tag, dem 8. September 1939, ohnehin nur
Nebensache. Das ist der Tag, an dem Anton seinen Kriegsdienst wieder
aufnehmen soll. Gegen seine eigenen Verwandten in der Tschechei soll er
einrücken. Doch Monate vorher stand sein Entschluss, nicht mehr in den
Krieg zu ziehen, fest. Wo es hingeht, ist nicht von Belang.
Anstatt den Kriegsdienst aufzunehmen, gibt er eine offizielle
Erklärung ab, worin er der Militärbehörde seine Stellungnahme mit
Gottes Wort begründet. Nur 9 Tage später, am 17. September 1939
erscheinen zwei Gestapobeamte und führen ihn ab. Zuerst geht es nach
Wien, wo er nur einige Stunden bleibt.
Am selben Tag wird er nach Berlin gebracht und in das Gefängnis
Berlin/Alt-Moabit gesperrt. Drei Monate verbringt er dort.
Am 20.12.1939 wird Anton nach Berlin-Plötzensee überstellt, und zwei
Tage später, um 5 Uhr 40 enthauptet. |

(14)

(15) Pension Teufelhof
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| Wie wird Agnes auf die Nachricht, dass Ihr
Mann wegen Zersetzung der Wehrkraft hingerichtet worden ist, reagieren?

(16)
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Anton schreibt in seinem Brief, datiert vom 1.12.1939, um
sich und seine Frau zu ermuntern, folgende Gedanken:
"Haben aber unser Leid immer noch ertragen, und zwar nur weil
wir an den wahren und große Gott Jehova und seinen geliebten Sohn Jesus
Christus glaubten, tun es auch heute noch, denn nur Gott und sein Sohn
können einem Menschen soviel Trost geben, daß man auch schweres Leid
ertragen kann. Unser einziger Trost ist, dass wir im Königreich Gottes,
das Gott auf Erden aufrichten wird, mehr Freude haben und von ganzen
Herzen glücklich sein können."
Die Beurteilung, wer hier wem ermunterte, bleibt der Nachwelt selbst
überlassen. Denn mit der Taufe gingen Anton und Agnes voller Überzeugung
einen neuen Weg und Agnes war sich der Konsequenzen voll bewusst.
Als sie am 28.8.1956 rückblickend darüber schreibt, bringt sie zum
Ausdruck:
"Ich war völlig überzeugt, dass unser himmlischer Vater für
jene, die ihm treu bleiben, immer aufkommt."
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(17)
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| Viel Zeit für die Trauer bleibt nicht. Vor eineinhalb Jahren ist sie mit ihrem Mann weiter in die Stadt gezogen.
Am 31.3.1938 sind sie in das Haus Nr. 39 der Mariazellerstraße
(Bild 17) übersiedelt, und dort wird Agnes bis zu ihrem Tod am
10.12.1963 auch bleiben. |
| Doch die Zeit nach dem Tod ihres Mannes soll noch mehr Härten mit sich
bringen, als die Frage, wie sie ohne Einkommen für sich und für den
Erhalt der Wohnung sorgen soll.
Am 12. Juni 1940 bekommt Agnes Streyczek unerwarteten aber nicht
unbekannten Besuch. Zwei Gestapobeamte erweisen ihr die Ehre und
erkundigen sich freundlich über ihre Gesinnung ohne zu vergessen,
folgendes hinzuzufügen:
"Wenn Sie denselben Glauben haben, dann geschieht Ihnen so,
wie Ihrem Mann."
Ohne zu zögern, bejahte sie dies, sich der Folgen bewusst. |
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Daraufhin
führten die Beamten Agnes Streyczek in das Bezirksgefängnis nach St.
Pölten. Dort verbrachte sie die nächsten sechs Monate ehe sie am
21.12.1940 nach Ravensbrück - rechts ein Brief von Agnes
aus dem Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück - abgeführt
wurde. Später kam Agnes mit dem ersten Frauentransport nach Aus- schwitz.
Als Häftling arbeitete sie bei den verschiedenen Ärzten, auch bei "Apothekern."
Am besten, wir lassen Agnes selbst weitererzählen:
"Einer der letzteren, (Ärzte, Anm.) namens Kroemer
(wahrscheinlich ist Dr. Paul Kremer gemeint, außerordentlicher
Professor an der Universität Münster, der ab 1942 nach Auschwitz
abkommandiert wurde, um dort seine skrupellosen und perversen
Forschungen an menschlichen Körpern durchzuführen, Anm.) zog mich
eines Tages beiseite und bemerkte:
"Ihre Hände sind wert vergoldet zu werden."
"Wenn Sie dieses Schriftstück unterschreiben, sende ich Sie
sofort von hier weg nach Hause zu meiner Frau, wo sie als Glied der
Familie aufgenommen sein werden."
"Als ich das Schriftstück durchlas, stellte ich fest, was
von mir verlangt wurde, nämlich mich vom christlichen Glauben
loszusagen, und die Bibel als Irrlehren enthaltend künftig unbeachtet
zu lassen. Hierauf erklärte ich ihm, dass ich so etwas nie
unterschreiben würde, da ich erkannt hatte, dass die Bibel Gottes
inspiriertes Wort wäre. Er meinte, ich hätte eine Woche Zeit, um zu
überlegen; würde ich mich negativ entscheiden, so würde ich vergast
werden. Die darauffolgenden Tage wurde ich zusammen mit 80
Glaubensschwestern und 20 Jüdinnen neben einigen politischen
Häftlingen in eine Badehalle gebracht."
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| Würde Agnes lebend die sogenannte Badehalle verlassen?
Die folgende Situation beschreibt Agnes später als eines ihrer
außergewöhnlichsten Erlebnisse in der Zeit vom 12.6.1940 bis zum
21.6.1945:
"Nachdem wir uns auf Befehl unserer Kleidung entledigt
hatten, marschierten verschiedene Lagerführer herein, wahrscheinlich in
der Annahme, Jehovas Zeugen würden nun angesichts des Todes das oben
erwähnte Schriftstück unterzeichnen.
Aber, Gott sei Dank, keine einzige von uns unterschrieb. Hernach
ließ man für volle sechs Stunden abwechslungsweise eiskaltes und
wieder heisses Wasser auf uns niederrinnen. Hernach trat ein SS-Mann
herein und befahl: "Bibelforscher alle heraus und an die
Arbeit gehen!" "
Was waren ihre ersten Gedanken?
"Natürlich waren wir alle froh, lebend aus der Badehalle
herauszukommen um dem Herrn weiter treu zu dienen. Apotheker Kroemer
meinte, ob uns bei dieser Behandlung nicht die Angst gepeinigt habe,
worauf ich ihm klar machte, dass Jehova im Falle einer Vergasung uns
auch die Kraft gegeben hätte dies zu ertragen."
Diese Situation gewährt einen kleinen Einblick in das Innere von
Agnes. Ihr Glaubensgebäude überragte die geschwächte und gepeinigte
Körperhülle in allen Situationen des KZ-Daseins und nicht nur für den
Apotheker Kroemer muss er unübersehbar gewesen sein. |

(19) Rosa Lampl
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Auch Rosa Lampl (Bild 19) Nichte von Anton Streyczek,
erinnert sich noch heute an die fast unglaubliche Überzeugung von ihrer
Tante Agnes. So verwundert es nicht, dass Frau Rosa Lampl bis heute der
Meinung war, Agnes sei bereits geraume Zeit vor Anton eine Zeugin Jehovas
gewesen. Tatsächlich haben sich beide zum gleichen Zeitpunkt - am 30.
Juli 1939 - als Zeichen ihrer Hingabe an Jehova Gott taufen lassen. Frau
Lampl lebt seit dem Ende der Kriegswirren in 3151 St. Georgen am
Steinfeld, Trapplstraße 28 und staunt noch heute über das Wunder
"Glauben", welches Agnes und Anton Streyczek vollbrachten.
Dieser Glaube ließ sie nicht nur unmenschliches gelassen ertragen.
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Was immer die Gefangenen mit dem Lila Winkel taten, stets hatten sie die
Verherrlichung des höchsten Souveräns im Universum im Sinn. Das brachte
Ihnen Anerkennung und Respekt ein. Agnes erinnerte sich einmal:
"Gelegentlich erhielten Lagerbeamte den Besuch ihrer Frauen.
Eine derselben wunderte sich, warum ihr Mann sein Geld, sowie Schmuck und
andere Wertgegenstände vor den diensttuenden Häftlingen nicht
versperrte. Ihr Mann erklärte ihr den Grund hiefür, indem er darauf
hinwies, dass Jehovas Zeugen "die ehrlichsten Menschen" wären
und seit ihrer Anwesenheit bei ihm noch nie etwas gefehlt habe. Am anderen
Morgen erzählte jene Frau mir, wie dieser Lagerbeamte über Jehovas
Zeugen dachte, und ich hatte dadurch auch Gelegenheit ihr über Gottes
Vorhaben zu erzählen."
Im Laufe ihres Lebens wird Agnes noch viele Gelegenheiten suchen, um
über das Königreich Gottes erzählen zu können. Ob sie ihrem Schwager
Ferdinand, dem Bruder von Anton (Bild 20) von diesen Begebenheiten
erzählte?
Wenn auch die Kinder Augustin und Rosa sich nicht mehr an viele
Einzelheiten erinnern können, so ist ihnen bereits als Kinder aufgefallen, dass
Jehovas Zeugen in St. Pölten eine gut organisierte Gruppe waren. Aufgrund
dessen konnten sie sich gut ausbreiten, wie Augustin sagt. |

(20) Ferdinand Streyczek
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Was ihren Vater Ferdinand betrifft, so war auch dieser kein Freund des NS - Regimes. Deshalb durfte Augustin auch nicht zur Hitlerjugend. Er arbeitete bei der ÖBB, und erhielt keine Einberufung, da er unabkömmlich war. In dem ÖBB - Werk von Wörth in Sprazern bei St. Pölten arbeitete er im sogenannten
"Reichsausbesserungswerk." Ferdinand starb 1963 an einem Herzleiden.
Wenn er seinen Bruder Anton in der "neuen Welt" sieht, wird er vielleicht an diese Zeit zurückdenken und viele Geschichten und Erlebnisse werden neue Bedeutungen bekommen. Möglicherweise erinnert er sich auch an folgendes Erlebnis, welches Agnes ihm bestimmt nicht vorenthalten hat. Sie erzählt:
"Im Sommer 1942 befanden sich, aufgeteilt in 3 Baracken, 600 Zeugen Jehovas im Lager Ravensbrück in Haft. Die Brüder fühlten sich ziemlich bedrückt ob der knappen Nahrung und der schlechten Behandlung. So beschlossen wir alle, an einem bestimmten Abend, um 20.00 Uhr, zu Jehova zu beten, jeder allein. Am anderen Tag hörten wir, dass in sämtlichen Baracken - insgesamt 22 - die Kinderlähmung ausgebrochen wäre, außer in den 3 Baracken der Brüder. Eines Tages ist die Oberaufseherin
"Zimmel" gekommen nachzusehen, ob wir wirklich alle gesund sind und sagte zu uns:
"Ihr werdet euch sicher einbilden, dass Euch euer Jehova geholfen hat,
was?" Obwohl uns dieser Umstand sonderbar berührte, nahmen wir an,
dass wir den Schutz Jehovas darin verspüren durften, was unserem bedrückten Geist wiederum einen Aufschwung gab.“
Fühlte sich Agnes Streyczek durch diese persönlichen Erfahrungen mit Jehova je überlegen oder besser, als andere Zeugen Jehovas?
Ihre demütige Geisteshaltung kommt am 28.8.1956 deutlich zum Ausdruck, als sie sich für Br. Rütimann an diese Zeit erinnert, und das Erlebte auszugsweise auf Papier festhält. Abschließend bemerkte Agnes damals:
"Deine ganz kleine Mitarbeiterin für Jehova – Agnes Streyczek."
Am 10.12.1963 beendet Agnes vorläufig ihren treuen Dienst. Die Hoffnung,
dass sie mit Anton diesen Dienst in der "neuen Welt" fortsetzen wird können, hat sie in Treue ausharren lassen. Wie oft wird sie an die letzten Worte ihres Mannes gedacht haben, der schrieb:
„Sende Euch noch viele Grüße und seid geküßt von Eurem Bruder, Schwager und Onkel. Haltet Frieden unter Euch allen und vergebt Euch Eure Schulden. Gebt Euch nicht dem Hasse hin. Möge Euch alle unser Allmächtiger Gott beschützen. Seid glücklich und zufrieden solange Ihr beisammen seid. Lebt Wohl auf Wiedersehen in Reiche Gottes. Wünsche Euch Alles Gute in Euren Leben und seid gut miteinander. Die letzten Grüße von Anton S t r e y c z e k aus Berlin. Heute regnet es hier und ist daher schon finster Servus.“
Dein Bruder Anton.

(21)
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| Dann werden auch jene Fragen zur Gänze
geklärt werden können, die im Rahmen dieser Reportage unbeantwortet
blieben. Wenn Augustin Streyczek mit dem Zeigefinger auf den Straßennamen
"Anton-Streyczek-Gasse" zeigt, dann kann dies auch als
Fragezeichen verstanden werden.
Ein Fragezeichen für die Fragen:
- Wer war nun die dritte Schwester von Anton (Bild 23) die in
der Tschechei lebt oder lebte, von der man nicht einmal den Namen weiß?
- Konnten all die Verwandten damals verstehen, was hinter dem „Wunder"
Glauben von Anton und Agnes Streyczek stand?
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| In diesem Moment sei für den Leser noch genügend Spielraum, um weitere
Fragen zu stellen. Hat am Ende die aphoristische Weisheit: "Wo
nichts mehr zu enträtseln bleibt, hört unser Anteil auf" doch
gewisse Gültigkeit?
Quellenangaben:
- Interview von Augustin Streyczek und Rosa Lampl am 13.6.00 und
27.6.2000 durch Franz-Michael Zagler.
- Erlebnisbericht von Agnes Streyczek vom 28.8.1945, zur Verfügung
gestellt von Jehovas Zeugen Österreich, Geschichtsarchiv.
- Bildmaterial und die Abschrift des letzen Briefes von Anton
Streyczek wurden von Augustin Streyczek und Rosa Lampl zur Verfügung
gestellt.
- Interview mit Dr. Artel, Wehrmachtsreferent des Österreichischen
Staatsarchiv am 28.7.2000 durch Franz – Michael Zagler.
- Fotoaufnahmen durch Franz-Michael Zagler.
- Zitat aus dem Beschluss der Dienststrafkammer Wien gegen Josef Macho
vom Februar 1942, DÖW E 19285).
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