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Gedemütigt, gefoltert, ermordet
Fritz Poppenbergs bewegende Filme über die Zeugen Jehovas unter den beiden deutschen Diktaturen
Von Gerhard Besier
"Nun liegt der dritte, vermutlich letzte Film dieser Reihe vor",
schreibt Autor und Regisseur Fritz Poppenberg zu seinem Film "Folget mir
nach. Die Zeugen Jehovas unter dem DDR-Regime". Obwohl der 50-Jährige
der Religionsgemeinschaft der Zeugen Jehovas nicht angehört, ist er sichtlich
fasziniert von deren Glaubensfestigkeit. 1989 begann Poppenberg seine Trilogie
mit der SFB-Produktion "Unter Jehovas Schutz", 1997 folgte "Fürchtet
Euch nicht. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem
Nazi-Regime".
Poppenbergs Filme dokumentieren. Er sucht die Orte auf, an denen Menschen
wegen ihres Glaubens gedemütigt, gequält und ermordet wurden. Die Zeitzeugen
erzählen - oft unter Tränen - von ihrem Schicksal und dem ihrer
Mitgefangenen. Dazu zeigt Poppenberg immer wieder Männerstiefel, die auf
Kellertreppen in die Folterkammern hinabsteigen. Gewiss, der Regisseur
inszeniert das Grauen. Aber erfindet es nicht. Er stellt es nach und gibt
Hilfestellung zum Nacherleben des Furchtbaren.
Die Leiden der Zeugen Jehovas im Dritten Reich waren in der
bundesrepublikanischen Gesellschaft bis Anfang der neunziger Jahre so gut wie
unbekannt. Auch die Zeugen Jehovas selbst unternahmen kaum Anstrengungen, ihre
Geschichte dem breiten Publikum zu präsentieren. So beherrschten
Ausstellungen, Filme und Zeitzeugenberichte über die Ermordung der europäischen
Juden und über den Widerstand einiger weniger Christen aus den Großkirchen
das grausige Bild. Poppenberg hat durch seinen Film ins allgemeine Bewusstsein
gehoben, dass es eine christliche Religionsgemeinschaft gab, die sich
insgesamt dem NS-Regime verweigerte. Tausende schmachteten in den Kerkern und
Konzentrationslagern, als Zeugen Jehovas kenntlich gemacht durch ein lila
Dreieck an der Sträflingskleidung. Und Tausende starben hier. Autor
Poppenberg kann gar nicht anders als sich zu fragen, warum diese Menschen
selbst unter der Folter noch widerstanden. Und staunend stellt er in seinen
Kommentaren immer wieder fest, dass ihr Glaube ihnen diese Kraft gab.
Für die religiöse Konkurrenz liegt in dieser Vergangenheit eine
Herausforderung, weil sie noch in der Gegenwart missionarische Kräfte
freisetzen könnte. Darum nimmt es nicht wunder, dass auf Seiten der
Amtskirchen Poppenbergs Filme mit wenig Aufmerksamkeit bedacht werden. Noch
sehr viel deutlicher fiel die Ablehnung der Video-Dokumentation
"Standhaft trotz Verfolgung. Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime"
aus. Als das von der Wachtturm-Gesellschaft selbst produzierte Stück 1997 auf
den Markt kam, leisteten Kulturreferenten und Kirchenvertreter ganze Arbeit.
In Rundschreiben, Anweisungen und Gutachten erklärten sie, der Film gehöre
"nicht in die Hände von Schülern" und werde "nicht als
Verleihmedium empfohlen". Das Video sollte totgeschwiegen werden. - Mit
Poppenbergs Filmen wird sich das so leicht nicht machen lassen. Für seinen
Film "Hat die Bibel doch Recht? Der Evolutionstheorie fehlen die
Beweise" aus dem Jahr 1998 hat er 1999 immerhin den Medienpreis der
"Konferenz Evangelikaler Publizisten" (KEP) erhalten. Allerdings
scheint ihm seine Neigung für Themen, die nicht im kulturellen Mainstream der
Republik liegen, allmählich Probleme zu bereiten. Obwohl seine Kamera-,
Regie- und Drehbucharbeit bei bisher acht Filmen ausgezeichnet wurde, fand
sich keine Filmförderkommission mehr bereit, Poppenbergs "Folget mir
nach" zu unterstützen. Wer den Film sieht, wird sich darüber nicht
wundern. Poppenbergs jüngste Dokumentation entlarvt den Zynismus einiger
linksliberaler Intellektueller - darunter auch Theologen -, die nach 1990 das
SED-Regime mit dem Satz verharmlosen wollten, der NS-Staat habe Leichenberge,
die DDR aber nur Aktenberge hinterlassen.
Demgegenüber zeigt Popppenberg, dass es für die in der sowjetisch
besetzten Zone lebenden Zeugen Jehovas nach 1945 eben keine
"Befreiung", sondern bruchlose Kontinuität gab. Nur die Uniformen
und Ideologien der Folterknechte hatten gewechselt. Unerbittlich lässt
Poppenberg die überlebenden Opfer das höllische Repertoire des Quälens
beschreiben und zeigt dazu die von den Torturen gezeichneten Gesichter. Sie
mussten mit auf den Rücken gebundenen Händen auf einem Hocker stehen. Gaben
sie nicht zu, Spione des "friedensfeindlichen US-Imperialismus" zu
sein, stieß der Verhörende den Hocker um, und die Gefesselten fielen schwer
zu Boden. Unter ihnen waren auch zahlreiche "Opfer des Faschismus".
Frauen wurden gezwungen, drei Tage und Nächte auf den Beinen zu stehen; es
gabe Hitze- und Kälteräume, Schlafentzug. Kinder von Zeugen Jehovas wurden
ihren Eltern entrissen und in staatliche Heime gebracht; den Inhaftierten
wurden Drogen verabreicht, einigen gar Gift injiziert. Manche wurden
gezwungen, wie Tiere vom Boden zu essen. Kranke wurden nicht behandelt;
Gesunde sperrte man in die geschlossene Psychiatrie ein.
In einer späteren Phase "verfeinerte" das Ministerium für
Staatssicherheit den Terror. Ehefrauen von inhaftierten Zeugen Jehovas wurden
bedrängt, sich scheiden zu lassen. Eine andere Methode bestand darin, Zeugen
Jehovas in ihrer Religionsgemeinschaft zu Unrecht als Verräter zu
denunzieren.
Dass es auch Zeugen Jehovas gab, die den Qualen nicht standhielten, lässt
Poppenberg unerwähnt. Mit diesen vom Unrechtsregime privilegierten Apostaten
gründete die Stasi Zeitschriften und "Hilfs"-Organisationen, um über
den "verbrecherischen" Charakter der Glaubensgemeinschaft
"aufzuklären". Manche Apologeten und Konfessionskundler der
Amtskirchen in Ost und West hielten mit diesen Einrichtungen kollegialen
Kontakt. Doch das gemeinsame Bemühen, der verhassten Glaubensgemeinschaft den
Garaus zu machen, führte nicht zum Ziel.
"Folget mir nach" von Fritz Poppenberg, Drei Linden Film Berlin,
39,95 Mark.
E-Mail: 3lindenfilm@gmx.net
23. Oktober Uraufführung in der Akademie der Künste Berlin.
Siehe auch:
Uraufführung von "Folget mir nach
- Jehovas Zeugen unter dem DDR-Regime"
Programmablauf am 23.10.1999 in Berlin
Unter Jehovas
Schutz
Filmbeschreibung
Fürchtet euch
nicht -
Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime
Filmbeschreibung
Folget mir nach - Jehovas
Zeugen unter dem DDR-Regime
Filmbeschreibung
Standhaft trotz
Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime
Filmbeschreibung
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