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Zeugen Jehovas / Gespräch mit einem Kirchenhistoriker
Fundamentalisten taugen nicht als Feindbild
Seit Jahren kämpfen Jehovas Zeugen um
ihre rechtliche Gleichstellung mit den etablierten Kirchen. Stefan Zibulla
sprach mit Gerhard Besier, Kirchenhistoriker an der Universität Heidelberg,
über das Verhältnis von Demokratie und Religion.
Das Bundesverfassungsgericht befasst sich mit dem Antrag
der Zeugen Jehovas auf Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Recht.
Wie sollen sich de Richter entscheiden?
Gerhard Besier: Die Richter würden eine Lanze für die
Religionsfreiheit brechen, wenn sie den Zeugen Jehovas diesen Statuts
zuerkennen. Juristisch ist dies auch zwingend, zumal die Religionsgemeinschaft
alle Kriterien hierfür erfüllt. Auch haben die Zeugen Jehovas ihre
Staatstreue bewiesen. In ihrem "Wachtturm" wurde etwa noch nie zum
Sturz der Bundesregierung aufgerufen, sondern zum Gehorsam gegenüber der
Obrigkeit ermahnt. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Klimas in der
Bundesrepublik kann ich mir allerdings kaum vorstellen, dass die Zeugen
Jehovas diesen Status wirklich zugesprochen bekommen.
Kritiker werden den Zeugen Jehovas aufgrund ihrer
Wahlenthaltung ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie vor.
Besier: Diese Kritiker versuchen die Bedingungen zur Erlangung
der Körperschaftsrechte aufzustocken. Sie fordern ein partnerschaftliches und
kooperatives Verhältnis zwischen dem Staat und der Religionsgemeinschaft.
Hierbei gilt das alte Modell der Staatskirche als heimlicher Maßstab. Und das
ist verfassungsrechtlich bedenklich.
Zeugen Jehovas wurden im Nationalsozialismus und in der DDR
verfolgt. Haben die aktuellen Ressentiments hier ihre Wurzeln?
Besier: Die Angriffe auf die Zeugen Jehovas sind nicht typisch
deutsch und sie hängen auch nicht ursächlich mit diesen beiden Diktaturen
zusammen. Auch in Demokratien, kommt es zur sozialen Diskriminierung
religiöser Minderheiten. Um dem entgegenzuwirken muss der Staat die
Schutzfunktion, die er grundrechtlich garantiert hat, auch ausüben. Dies geht
nur über eine Erziehung zur Toleranz. Und Toleranz ist nicht teilbar.
Allerdings haben die politischen Kräfte Angst vor weltanschaulicher
Unübersichtlichkeit, weil sie beispielsweise klare Zielgruppen für ihre
Wahlpropaganda brauchen. Aber es gibt kein Zurück: Wir werden eine
multikulturelle und multikonfessionelle Gesellschaft. Deshalb sind die
aktuellen Angriffe auf religiöse Minderheiten nur noch Rückzugsgefechte.
Braucht man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus den
Fundamentalismus als Feindbild?
Besier: Diese Tendenz ist zu beobachten. Sie wird sich auf
Dauer aber nicht durchsetzen können, weil auch die etablierten Religionen
davon betroffen sind. Die Großkirchen stellen sich hinter ihre entschieden
religiösen Subgruppen. wie die Evangelikalen oder Opus Dei. Mit der Krise der
Großkirchen verschärft sich aber auch die Konkurrenz unter den Religionen.
Da muss der Staat aufpassen, dass er nicht die dogmatischen Wertigkeiten der
Großkirchen übernimmt. Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht
ausgehölt werden.
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