Quelle: Schwäbisches Tagblatt, 16.12.2000

Zeugen Jehovas / Gespräch mit einem Kirchenhistoriker
Fundamentalisten taugen nicht als Feindbild

Seit Jahren kämpfen Jehovas Zeugen um ihre rechtliche Gleichstellung mit den etablierten Kirchen. Stefan Zibulla sprach mit Gerhard Besier, Kirchenhistoriker an der Universität Heidelberg, über das Verhältnis von Demokratie und Religion.

Das Bundesverfassungsgericht befasst sich mit dem Antrag der Zeugen Jehovas auf Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Recht. Wie sollen sich de Richter entscheiden?

Gerhard Besier: Die Richter würden eine Lanze für die Religionsfreiheit brechen, wenn sie den Zeugen Jehovas diesen Statuts zuerkennen. Juristisch ist dies auch zwingend, zumal die Religionsgemeinschaft alle Kriterien hierfür erfüllt. Auch haben die Zeugen Jehovas ihre Staatstreue bewiesen. In ihrem "Wachtturm" wurde etwa noch nie zum Sturz der Bundesregierung aufgerufen, sondern zum Gehorsam gegenüber der Obrigkeit ermahnt. Vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Klimas in der Bundesrepublik kann ich mir allerdings kaum vorstellen, dass die Zeugen Jehovas diesen Status wirklich zugesprochen bekommen.

Kritiker werden den Zeugen Jehovas aufgrund ihrer Wahlenthaltung ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie vor.

Besier: Diese Kritiker versuchen die Bedingungen zur Erlangung der Körperschaftsrechte aufzustocken. Sie fordern ein partnerschaftliches und kooperatives Verhältnis zwischen dem Staat und der Religionsgemeinschaft. Hierbei gilt das alte Modell der Staatskirche als heimlicher Maßstab. Und das ist verfassungsrechtlich bedenklich.

Zeugen Jehovas wurden im Nationalsozialismus und in der DDR verfolgt. Haben die aktuellen Ressentiments hier ihre Wurzeln?

Besier: Die Angriffe auf die Zeugen Jehovas sind nicht typisch deutsch und sie hängen auch nicht ursächlich mit diesen beiden Diktaturen zusammen. Auch in Demokratien, kommt es zur sozialen Diskriminierung religiöser Minderheiten. Um dem entgegenzuwirken muss der Staat die Schutzfunktion, die er grundrechtlich garantiert hat, auch ausüben. Dies geht nur über eine Erziehung zur Toleranz. Und Toleranz ist nicht teilbar. Allerdings haben die politischen Kräfte Angst vor weltanschaulicher Unübersichtlichkeit, weil sie beispielsweise klare Zielgruppen für ihre Wahlpropaganda brauchen. Aber es gibt kein Zurück: Wir werden eine multikulturelle und multikonfessionelle Gesellschaft. Deshalb sind die aktuellen Angriffe auf religiöse Minderheiten nur noch Rückzugsgefechte.

Braucht man nach dem Zusammenbruch des Kommunismus den Fundamentalismus als Feindbild?

Besier: Diese Tendenz ist zu beobachten. Sie wird sich auf Dauer aber nicht durchsetzen können, weil auch die etablierten Religionen davon betroffen sind. Die Großkirchen stellen sich hinter ihre entschieden religiösen Subgruppen. wie die Evangelikalen oder Opus Dei. Mit der Krise der Großkirchen verschärft sich aber auch die Konkurrenz unter den Religionen. Da muss der Staat aufpassen, dass er nicht die dogmatischen Wertigkeiten der Großkirchen übernimmt. Die Trennung von Staat und Kirche darf nicht ausgehölt werden.

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