Quelle: Marbacher Zeitung, 9. Dezember 2000

Lebendige Geschichte im Staatsarchiv
Dr. Hubert Roser spricht mit Zeitzeugen über neu entdeckte historische Unterlagen

LUDWIGSBURG. Mit Spannung verfolgten die Zuhörer am vergangenen Mittwoch die Ausführungen des Historikers Dr. Hubert Roser über den Fall Zehender. Der Herausgeber der Dokumentation "Widerstand als Bekenntnis" sprach im Rahmen der Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime".

Seine Nachforschungen mit Unterstützung des Staatsarchivs brachten neue Dokumente über Frederike und Ernst Wilhelm Zehender ans Tageslicht, die als Zeugen Jehovas im Drittem Reich Hitler die Gefolgschaft verweigerten. Die vergilbten Akten wurden durch die Anwesenheit von Tochter Inge Jakubowski lebendig. Die 1932 in Gemmrigheim geborene und heute in Mundelsheim lebende Zeitzeugin wurde im überfüllten Vortragssaal an den erschütternden Abschiedsbrief ihres Vaters ebenso erinnert wie an den Gerichtsbeschluss über die Anordnung der Fürsorgeerziehung, weil sie mit ihrem Bruder in der Schule den Hitler-Gruß verweigerte. Dieses Verhalten wurde den Eltern angelastet. Der Vater wurde zudem als Kriegsdienstverweigerer wegen Fahnenflucht und Gehorsamsverweigerung verurteilt.

"solche Eltern missbrauchen das Recht der Sorge für die Person ihrer Kinder und gefährden dadurch deren geistiges Wohl", heißt es in dem gefundenen Gerichtsbeschluss, der ergänzt, dass "anstelle solcher Erziehung nach dem Gesetz für Jugendwohlfahrt zur Verhütung der Verwahrlosung des Minderjährigen die Fürsorgeerziehung mit dem Ziele seiner anderweitigen Unterbringung treten muss".

Gemäß einem weiterem Dokument des Staatsarchivs konterte die Mutter - wenn auch ergebnislos - unter anderem: "Dem Gesetz die Auslegung des Amtsgerichts geben zu wollen, käme einer Verunehrung Gottes gleich und der ungeheuerlichen Beschuldigung, dass ein Leben nach seinem Willen einen Zustand der Verwahrlosung mit sich bringe."

Neben Inge Jakubowski waren als weitere Zeitzeugen, ihr Cousin Herbert Zenegg, Mundelsheim, anwesend sowie die heute in der Schweiz lebende Helene Stalder-Lorber, die im Elsass 1940 den deutschen Einmarsch in ihrer Heimatstadt erlebte, 1943 als Zeugin Jehovas ebenfalls den Eltern weggenommen wurde und schlimme Jahre in einem Lager und bei einer Gestapo-Familie verbrachte.

Die Historikerin Anette Michel stimmte auf diese Zeitzeugenbefragung mit ihrem Referat über das Schicksal der Kinder während der NS-Zeit ein. Sie beschrieb die inneren Kämpfe und den Konflikt zwischen den Autoritäten Schule und Elternhaus. Er entstand, weil der NS-Staat auch von seinen Schülern ein eindeutiges Bekenntnis und die restlose Einordnung in die "Volksgemeinschaft" forderte. Dabei nützte man geschickt den naturgemäß vorhandenen Generationskonflikt aus und präsentierte mit Begriffen wie Zugehörigkeit und Kameradschaft Werte, die der Jugend entgegenkamen.

Zu ihrer Erfahrung mit Zeitzeugen bemerkte Anette Michel, dass die Kindheitserinnerungen durchwegs auf eine glückliche Jugend schließen lassen. Durch gemeinsame Freizeit und Bibellesen wurden die Kinder mit dem Glauben und den Wertevorstellungen der Eltern vertraut. Die NS-Zeit erwies sich als tiefer Einschnitt in ihr Leben. Ihr für die damalige Zeit befremdendes Verhalten führte zu Beschimpfungen und Ausgrenzung. Der Entzug des Sorgerechts, die unerträglichen Zustände in Heimen, harte körperliche Arbeit bis hin zu Nahrungsentzug und Kontaktsperre habe viele in eine Identitätskrise mit Traumata und Depressionen als Spätfolgen gestürzt. Das Ende der NS-Zeit war dadurch für manche nicht das Ende der Leiden "Trotzdem", so Anette Michel, "sahen sich viele Zeugen Jehovas nicht als Opfer des NS-Regimes, sondern betrachten sich als Sieger in der offensiv geführten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus."

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