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Lebendige Geschichte im
Staatsarchiv
Dr. Hubert Roser spricht mit Zeitzeugen über neu entdeckte historische
Unterlagen
LUDWIGSBURG. Mit Spannung verfolgten die
Zuhörer am vergangenen Mittwoch die Ausführungen des Historikers Dr. Hubert
Roser über den Fall Zehender. Der Herausgeber der Dokumentation
"Widerstand als Bekenntnis" sprach im Rahmen der Ausstellung
"Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime".
Seine Nachforschungen mit Unterstützung des Staatsarchivs
brachten neue Dokumente über Frederike und Ernst Wilhelm Zehender ans
Tageslicht, die als Zeugen Jehovas im Drittem Reich Hitler die Gefolgschaft
verweigerten. Die vergilbten Akten wurden durch die Anwesenheit von Tochter
Inge Jakubowski lebendig. Die 1932 in Gemmrigheim geborene und heute in
Mundelsheim lebende Zeitzeugin wurde im überfüllten Vortragssaal an den
erschütternden Abschiedsbrief ihres Vaters ebenso erinnert wie an den
Gerichtsbeschluss über die Anordnung der Fürsorgeerziehung, weil sie mit
ihrem Bruder in der Schule den Hitler-Gruß verweigerte. Dieses Verhalten
wurde den Eltern angelastet. Der Vater wurde zudem als Kriegsdienstverweigerer
wegen Fahnenflucht und Gehorsamsverweigerung verurteilt.
"solche Eltern missbrauchen das Recht der Sorge für die
Person ihrer Kinder und gefährden dadurch deren geistiges Wohl", heißt
es in dem gefundenen Gerichtsbeschluss, der ergänzt, dass "anstelle
solcher Erziehung nach dem Gesetz für Jugendwohlfahrt zur Verhütung der
Verwahrlosung des Minderjährigen die Fürsorgeerziehung mit dem Ziele seiner
anderweitigen Unterbringung treten muss".
Gemäß einem weiterem Dokument des Staatsarchivs konterte die
Mutter - wenn auch ergebnislos - unter anderem: "Dem Gesetz die Auslegung
des Amtsgerichts geben zu wollen, käme einer Verunehrung Gottes gleich und
der ungeheuerlichen Beschuldigung, dass ein Leben nach seinem Willen einen
Zustand der Verwahrlosung mit sich bringe."
Neben Inge Jakubowski waren als weitere Zeitzeugen, ihr Cousin
Herbert Zenegg, Mundelsheim, anwesend sowie die heute in der Schweiz lebende
Helene Stalder-Lorber, die im Elsass 1940 den deutschen Einmarsch in ihrer
Heimatstadt erlebte, 1943 als Zeugin Jehovas ebenfalls den Eltern weggenommen
wurde und schlimme Jahre in einem Lager und bei einer Gestapo-Familie
verbrachte.
Die Historikerin Anette Michel stimmte auf diese
Zeitzeugenbefragung mit ihrem Referat über das Schicksal der Kinder während
der NS-Zeit ein. Sie beschrieb die inneren Kämpfe und den Konflikt zwischen
den Autoritäten Schule und Elternhaus. Er entstand, weil der NS-Staat auch
von seinen Schülern ein eindeutiges Bekenntnis und die restlose Einordnung in
die "Volksgemeinschaft" forderte. Dabei nützte man geschickt den
naturgemäß vorhandenen Generationskonflikt aus und präsentierte mit
Begriffen wie Zugehörigkeit und Kameradschaft Werte, die der Jugend
entgegenkamen.
Zu ihrer Erfahrung mit Zeitzeugen bemerkte Anette Michel, dass
die Kindheitserinnerungen durchwegs auf eine glückliche Jugend schließen
lassen. Durch gemeinsame Freizeit und Bibellesen wurden die Kinder mit dem
Glauben und den Wertevorstellungen der Eltern vertraut. Die NS-Zeit erwies
sich als tiefer Einschnitt in ihr Leben. Ihr für die damalige Zeit
befremdendes Verhalten führte zu Beschimpfungen und Ausgrenzung. Der Entzug
des Sorgerechts, die unerträglichen Zustände in Heimen, harte körperliche
Arbeit bis hin zu Nahrungsentzug und Kontaktsperre habe viele in eine
Identitätskrise mit Traumata und Depressionen als Spätfolgen gestürzt. Das
Ende der NS-Zeit war dadurch für manche nicht das Ende der Leiden
"Trotzdem", so Anette Michel, "sahen sich viele Zeugen Jehovas
nicht als Opfer des NS-Regimes, sondern betrachten sich als Sieger in der
offensiv geführten Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus."
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