Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung, 28. November 2000

"Die freie Meinungsbildung ist unerwünscht"
Filmemacher Poppenberg: Keine Bilder aus der Schlüssellochperspektive schaffen

Am Samstagabend stellte der Berliner Filmemacher Fritz Poppenberg im Staatsarchiv Ludwigsburg sein Werk "Fürchtet euch nicht" vor. In der 92-minütigen Videodokumentation geht es um Widerstand und Verfolgung der Zeugen Jehovas unter dem Nazi-Regime.

Der aus Niedersachsen stammende Chef der Drei Linden Filmproduktion berichtete im Vorfeld
der Präsentation von den zahlreichen Hindernissen, die seinem Filmprojekt in den Weg gelegt wurden.

Als er die Geldmittel für die Dokumentation beschaffen wollte, stieß er auf "vornehme Zurückhaltung, bisweilen sogar auf heftige Ablehnung"

Danach befragt, weist Poppenberg auf die seines Erachtens unterentwickelte Entschlusskraft gerade deutscher Entscheidungsträger hin. Jehovas Zeugen in einem positiven Zusammenhang zu thematisieren werde vielerorts als gefährlich für die eigene Karriere angesehen. Tatsachen oder persönliche positive Erfahrungen mit Vertretern dieser Religionsgemeinschaft scheinen
nach Ansicht des Regisseurs dabei kaum eine Rolle zu spielen. Die Programmverantwortlichen pflegten die Erwartungshaltung, eine Dokumentation über die Zeugen müsse zwangsläufig in ein abwertendes Urteil münden.

Wer die Tür zum Dialog aufstoßen und den eingeengten Blick durch das Schlüsselloch von Vorurteilen erweitern wolle, werde automatisch als Komplize abgestempelt. Bis in die jüngste Zeit sei der Berliner tatsächlich schärfsten Anfeindungen ausgesetzt gewesen.

"Meinungen werden gemacht", konstatiert Poppenberg. Den Opportunismus als deutsche Untugend glaubt er auch gerade in den Mechanismen zu erkennen, die seine Filmdokumentation letztlich doch zu einem Erfolg führten.

Nachdem sich das U.S. Holocaust Memorial Museum schriftlich für eine Unterstützung des Projektes ausgesprochen hatte, öffneten sich für den Filmemacher plötzlich auch in Deutschland Türen und Kassen. Unter anderem mit der Förderung Junger Deutscher Film konnten er und seine Partnerin Stefanie Krug die Dokumentation nach fast sieben Jahren zähen Ringens doch
noch realisieren.

Das deutsche Fernsehen scheue sich nach wie vor, die Dokumentation auszustrahlen, doch die Arbeit von Poppenberg und seinem Team findet trotzdem eine breite Beachtung. Als in Hamburg acht Kinovorstellungen angekündigt wurden, waren sämtliche Karten in Kürze
ausverkauft, hieß es bei der Ludwigsburger Filmvorführung.

Die Filme von Fritz Poppenberg sind im Rahmen der Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung - Jehovas Zeugen unter dem Nazi-Regime" im Staatsarchiv Ludwigsburg am Arsenalplatz 3 noch bis zum 17. Dezember zu sehen.

Die Veranstaltungsreihe wird am 2. Dezember um 17 Uhr unter dem Thema "Frauen im Widerstand gegen das NS-Regime" fortgesetzt. Neben einer Videodokumentation werden hier auch der Landesvorsitzende der Sinti und Roma von Baden-Württemberg, Daniel Strauß, sowie Zeitzeugen zu Wort kommen.

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