Quelle: Ludwigsburger Kreiszeitung, 19. Dezember 2000

"Minderheiten dürfen nie 
wieder geächtet werden"
Viele Besucher bei Ausstellung über Zeugen Jehovas

Ein überraschendes Echo hat die letzte Ausstellung des Staatsarchivs Ludwigsburg in diesem Jahr gefunden. An die 4000 Besucher besichtigten die Dokumentation über die Verfolgung der "Zeugen Jehovas" im Dritten Reich.

Insgesamt sieben Begleitveranstaltungen gaben die Möglichkeit die Eindrücke zu vertiefen. Am Schluss zog man bei einer Podiumsdiskussion Bilanz. Das Thema "Die Hexenjagd geht weiter" wolle bewusst provozieren, sagte bei der Begrüßung der zahlreichen Gäste der Vorsteher der Ludwigsburger Gemeinde, Wolfgang Reiter. Statements zu dieser These lieferten unter der Moderation von Stefan Zibulla Dr. Martin Häussermann vom Staatsarchiv, der Religionssoziologe Professor Dr. Johannes Neumann, der Soziologe Robert Schmidt und als Zeitzeugen Charlotte Müller und Werner Speidel.

Häussermann konnte von positiven Reaktionen der Besucher berichten. "Das Schicksal der Zeugen Jehovas ist nach 1945 verdrängt worden", sagte Neumann, der auch an die Jahrhunderte alte bittere Geschichte der Verfolgung von Minderheiten gerade in Deutschland erinnerte. Er warnet auch vor der in den letzten Jahren aufgekommenen "Sektenhysterie".

An die wechselnden Argumentationsketten der Diskussion erinnerte Robert Schmidt. Während die Zeugen Jehovas etwa im Dritten Reich als Sympathisanten des Kommunismus verdächtigt wurden, galten sie in der DDR als amerikanische Spione. Die beiden Zeitzeugen zeigten beeindruckende Gelassenheit. Trotz bitterster Erfahrungen wollen sie ihren Glauben leben und dabei mit ihren Mitbürgern gute Nachbarschaft halten. In der heutigen Demokratie fühlen sie sich nicht ausgegrenzt. Im übrigen wurde eingeräumt, sie Toleranz nie eine Einbahnstraße. Schließlich habe schon Jesus gesagt: "Was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch."

Freilich, so das Fazit der Runde, bestehen noch immer Vorurteile. Sie abzubauen sei nur im Gespräch möglich. Die Ausstellung im Staatsarchiv, so Wolfgang Reiter in seinen Dankesworten, habe dafür wichtige Impulse gegeben. Allgemeines Fazit: "Minderheiten dürfen nie wieder geächtet werden."

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