4. und 5. April 2000 - Rückblick

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"Genau hinsehen" - kleine religiöse Gemeinschaften im Nationalsozialismus

Standhaft trotz Verfolgung -  Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime
Veranstalter: Jehovas Zeugen, Karlsruhe in Kooperation mit der Forschungsstelle Widerstand, Universität Karslruhe.

Ansprache anlässlich der Ausstellungseröffnung
"Standhaft trotz Verfolgung" Karlsruhe, 4. April 2000
Dr. Michael Kißener, Akademischer Rat, Forschungsstelle Widerstand, Universität Karlsruhe

Historische Einführung zur Ausstellung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

wie allzu viele andere gesellschaftliche und konfessionelle Minderheiten sind auch die Zeugen Jehovas Opfer der nationalsozialistischen Unrechtsherrschaft geworden. Von den etwa 25.-30.000 Mitgliedern dieser damals als "Ernste Bibelforscher" firmierenden Glaubensgemeinschaft wurden rund 10.000 zu Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie sich nicht in die NS-Volksgemeinschaft einreihten und z.B. den Hitlergruß verweigerten oder das verbotene Schrifttum der Glaubensgemeinschaft verbreiteten. 1.200 Zeuginnen und Zeugen Jehovas wurden vom NS-Regime in Konzentrationslagern ermordet, darunter viele, die sich aus Glaubensgründen an Hitlers völkerrechtswidrigen Eroberungskriegen nicht beteiligen wollten.

Aus historischer Sicht gebührt deshalb, meine Damen und Herren, vor jeder aktuellen und konfessionellen Auseinandersetzung mit dieser Glaubensgemeinschaft, den NS-Opfern der Zeugen Jehovas jene Achtung und jener Respekt, der ganz selbstverständlich anderen Opfern seit langem entgegengebracht wird. Sehr deutlich hat dies auch Bundespräsident Johannes Rau, vor zwei Jahren noch Ministerpräsident des Landes Nordrhein-Westfalen, gefordert, indem er sich anläßlich einer von der Bundeszentrale für politische Bildung geförderten Tagung über die Zeugen Jehovas im NS-Regime dafür aussprach, durch öffentliche Erinnerung "den Verfolgten und ihren Angehörigen [d. Zeugen Jehovas] ein Stück der Anerkennung zurückzu[geben], die ihnen von den
Nationalsozialisten gewaltsam entzogen wurde. Den Opfern dieser Verfolgung gehört unsere Erinnerung und unser Respekt."

In der historischen Forschung ist zwar durch einzelne Publikationen schon früh und durchaus kontrovers auf das Schicksal der Zeugen Jehovas in der NS-Zeit aufmerksam gemacht worden, doch gehörten sie schon bald, wie z.B. auch die Sinti und Roma, zu den vergessenen Opfergruppen des Nationalsozialismus, sicher auch, weil es in den 50er bis 70er Jahren an der gesellschaftlichen Akzeptanz fehlte, sich mit solchen Minderheiten überhaupt auseinanderzusetzen. Seit den 80er Jahren aber haben eine Vielzahl regionalgeschichtlicher Studien, die Darstellung des Leidens der Zeugen Jehovas in Gedenkstättenausstellungen, vor allem aber wohl die ganz grundlegende wissenschaftliche Arbeit von Detlef Garbe über die Zeugen Jehovas im NS-Regime, die mittlerweile in 3. Auflage in der renommierten Publikationsreihe des Instituts für Zeitgeschichte in München erschienen ist, dazu beigetragen, sich mit der Haltung der Zeugen Jehovas im Dritten Reich genauer auseinanderzusetzen.

– Herr Dr. Garbe wird übrigens auf Einladung der hiesigen Ortsgruppe der Zeugen Jehovas auch im Rahmen des Begleitprogramms zur Ausstellung ja sprechen. –

Seit den 90er Jahren ist demzufolge auch ein Ansteigen von wissenschaftlichen Fachtagungen zu diesem Thema zu verzeichnen —
und ich darf für unsere nähere Umgebung nur darauf verweisen, dass auch das Institut für Kirchliche Zeitgeschichte Heidelberg unter Leitung von Herrn Professor Besier in Zusammenarbeit mit dem Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung in Dresden im
kommenden November in Heidelberg eine große wissenschaftliche Fachtagung über die Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus und in der DDR-Diktatur, wo sie übrigens ebenso unnachsichtig verfolgt wurden wie zuvor, ausrichten wird.

Diese Forschungssituation hat die Forschungsstelle Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten der Universität Karlsruhe vor zwei Jahren dazu bewogen, mit Hilfe von Herrn Dr. Hubert Roser eine eigene Untersuchung der Tätigkeit der Zeugen Jehovas im regionalen Rahmen, also auf Baden und Württemberg bezogen, vorzunehmen. Die Erträge dieser wissenschaftlichen Bemühungen liegen mittlerweile unter dem Titel "Widerstand als Bekenntnis: Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg" vor, sie sind von der Fachwissenschaft positiv aufgenommen worden und werden ja
auch im Begleitprogramm dieser Ausstellung von Herrn Dr. Roser vorgestellt. Es lag von daher sehr nahe, dass uns die hiesige Ortsgruppe der Zeugen Jehovas um Unterstützung gebeten hat, als dort der Plan heranreifte, ihre bereits an vielen Orten Deutschlands gezeigte Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung" auch in Karlsruhe zu präsentieren.

Wir konnten und wir wollten uns einer solchen Bitte nicht verschließen, weil es die Aufgabe unseres Institutes ist, Widerstand und
Nationalsozialismus mit regionalem Blickwinkel vorurteilsfrei zu erforschen und die Ergebnisse dieser Forschungen der interessierten
Öffentlichkeit zu vermitteln. So wie wir in diesem Sommer in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Stadt Karlsruhe und dem
Bundesarchiv eine Reinhold-Frank-Gedächtnis­-Vorlesung ins Leben rufen wollen, durch die das Tun und das politische Testament der Verschwörer des 20. Juli 1944 in Erinnerung gehalten werden soll, — so wie wir im Oktober mit dem Verein "Gegen Vergessen – für Demokratie" und dem hiesigen Stadtarchiv an die Opfer der Euthanasie erinnern wollen, — so wie wir derzeit eine Publikation über ganz zu Unrecht vergessene katholische Priester im Widerstand gegen Hitler vorbereiten, so dürfen wir als Wissenschaftler bei der Erforschung der NS-Zeit auch gesellschaftliche Randgruppen nicht einfach ausblenden, wollen wir uns
nicht dem Vorwurf einseitig gelenkter wissenschaftlicher Interessen aussetzen.

Freilich kann die Unterstützung dieser von den Zeugen Jehovas initiierten und durchgeführten Veranstaltung sich aus unserer Perspektive nur auf eine korrekte Darstellung des aktuellen Forschungsstandes beziehen unter Thematisierung auch umstrittener Fragen und Probleme in der Haltung der Zeugen Jehovas zum NS-Regime. In den mit den Herren Neumeister und Müller von den Zeugen Jehovas geführten Vorbesprechungen habe ich nicht den geringsten Anhalt dafür finden können, dass dies im Rahmen dieser Veranstaltungsreihe nicht möglich sein könnte — mehr noch: die Zeugen Jehovas haben sich bereit gefunden, im Rahmen der ihrer Religionsgemeinschaft gewidmeten Veranstaltung auch einen Vortrag über eine andere kleine Glaubensgemeinschaft, die der Quäker nämlich, zu fördern, und damit eine vergleichende, komparatistische Perspektive zu eröffnen. Gerne haben wir deshalb in eine Kooperation eingewilligt und für zwei wissenschaftliche Kurzvorträge, die in dieser Veranstaltungsreihe gehalten werden, die Verantwortung übernommen: nämlich für den von Frau Dr. Angela Borgstedt über die Quäker, der gleich morgen stattfinden
wird, und den von Herrn Dr. Roser, der am 8. April gehalten wird. Hier wird der Ort sein, die Eigenart des Widerstandes der Zeugen Jehovas im Dritten Reich herauszuarbeiten, und auch jenen Annäherungsversuch der Zeugen Jehovas an das NS-Regime ganz am Anfang der NS-­Herrschaft zu beleuchten, auf den in der Lokalpresse so nachdrücklich aufmerksam gemacht wurde — freilich offenbar in Unkenntnis der Tatsache, dass dieser Annäherungsversuch seit über 20 Jahren in der einschlägigen
Forschungsliteratur dutzendfach zitiert und diskutiert wurde. Hier wird auch der Ort sein, den moralisch ja gewiss problematischen Einsatz von Kindern in der Widerstandstätigkeit anzusprechen und vielleicht auch der Frage nachzugehen, ob und wenn ja wie das Verhalten der Zeugen Jehovas in einen modernen Widerstandsbegriff einzuordnen ist. Wenn dies geschieht, so kann daraus eine erkenntnisfördernde, fruchtbare Einsicht in die Funktionsweise des Nationalsozialismus in Deutschland resultieren und es können Chancen wie auch Probleme widerständigen Verhaltens unter den Bedingungen totalitärer Herrschaft anschaulich beleuchtet werden — ein Anliegen, ein Ziel, das man meiner Ansicht nach nur fördern kann.

In diesem Sinne wünsche ich der Ausstellung und der Veranstaltungsreihe viel Erfolg und eine faire, objektive und möglichst vorurteilsfreie öffentliche Resonanz.
Danke.

Siehe auch:

Widerstand als Bekenntnis: Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg
Buchbeschreibung

 

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