4. und 5. April 2000 - Rückblick

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"Genau hinsehen" - kleine religiöse Gemeinschaften im Nationalsozialismus

Standhaft trotz Verfolgung -  Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime
Veranstalter: Jehovas Zeugen, Karlsruhe in Kooperation mit der Forschungsstelle Widerstand, Universität Karslruhe.

Ansprache anlässlich der Ausstellung
"Standhaft trotz Verfolgung" Karlsruhe, 5. April 2000
Dr. Detlef Garbe, Leiter der KZ-Gedenkstätte Hamburg Neuengamme
Gemeinschaftsgeist und Glaubensstärke - die Bibelforscherhäftlinge im KZ-Neuengamme

Sehr geehrte Damen und Herren! 

Wie Ihnen bekannt sein dürfte, wurde die Internationale Bibelforscher Vereinigung, die 1931 den Namen "Zeugen Jehovas" annahm, bereits ab April 1933 — und damit als erste Glaubensgemeinschaft — nach und nach in allen deutschen Ländern verboten. Da sich weit mehr als 10.000 der damals 25.000 Zeugen Jehovas dem Verbot nicht beugten und ihre Zusammenkünfte und Missionsaktivitäten beharrlich fortsetzten, setzte gegen sie eine harte Verfolgung ein. Von den Sondergerichten wurden Tausende Bibelforscher abgeurteilt; Funktionäre und sogenannte "Wiederholungstäter" wurden ab Mitte der dreißiger Jahre zu Hunderten in Konzentrationslager eingeliefert. Dort bildeten sie neben den "Politischen", den sogenannten "Asozialen", den "Kriminellen" und den "Homosexuellen" eine eigenständige Kategorie. Die exklusive Kennzeichnung der unter Einschluss ausländischer Zeugen Jehovas insgesamt mehr als 3.000 Bibelforscherhäftlinge mit dem violetten Winkel deutet auf die in vielerlei Hinsicht besondere Stellung der Zeugen Jehovas innerhalb der KZ-Lagerordnung hin. 

Worin diese besondere Stellung bestand, werde ich im folgenden am Beispiel der im KZ Neuengamme inhaftierten Zeugen Jehovas darzustellen versuchen. Vielleicht zunächst einige Worte zu Neuengamme, da dieses Konzentrationslager insbesondere im süd­deutschen Raum meiner Erfahrung nach ziemlich unbekannt ist. 

Ende 1938 errichtete die SS in den Vierlanden, den zu Hamburg gehörenden Landgebieten, im Dorf Neuengamme ein Außenlager des KZ Sachsenhausen, das im Frühsommer 1940 zum eigenständigen Konzentrationslager erklärt wurde. Im Verlauf des Krieges deportierten die Gestapo und der Sicherheitsdienst der SS Zehntausende aus allen besetzten Ländern Europas als KZ-Häftlinge nach Neuengamme. Dort und in über 80 Außenlagern, die ab 1942 — und vor allem 1944 — bei Rüstungsfirmen in ganz Norddeutschland eingerichtet wurden, mussten die Häftlinge Schwerstarbeiten für die Kriegswirtschaft leisten. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren mörderisch. Noch kurz vor Kriegsende starben auf Todesmärschen und -transporten weit über 10.000 Häftlinge, davon fast 7.000 am 3. Mai 1945 beim Bombardement der KZ-Schiffe "Cap Arcona" und "Thielbek" in der Neustädter Bucht. Insgesamt kamen schätzungsweise 55.000 der 106.000 Häftlinge des KZ Neuengamme ums Leben; körperlich ausgezehrt starben sie an Krankheiten und Hunger oder wurden Opfer von Misshandlungen und Mordaktionen. 

Wie bereits erwähnt, datiert der Beginn des KZ Neuengamme auf das Jahr 1938. Um eine stillgelegte Ziegelei wieder betriebsfertig zu machen, war im Dezember des Jahres ein erstes Vorauskommando von 100 Häftlingen, die den grünen Winkel der "Kriminellen" trugen, aus dem KZ Sachsenhausen nach Hamburg-Neuengamme verlegt worden. Nach 14 Monaten, am 29.2./1.3.1940, traf ein zweiter Häftlingstransport ein, um nunmehr mit dem Aufbau eines großen Barackenlagers zu beginnen. Neben politischen Gefangenen gehörten 40 Bibelforscher zu dem insgesamt ca. 120 Personen umfassenden Transport. Zu diesem Zeitpunkt war danach jeder fünfte bis sechste Gefangene in Neuengamme ein Zeuge Jehovas. Die Bibelforscher-Häftlinge erschienen — da sie aus religiösen Gründen nicht auf Flucht sannen — zum Einsatz auf dem damals noch nicht umzäunten Baugelände besonders geeignet. 

Nachdem das vormalige Außenkommando Neuengamme im Laufe des Frühjahres zu einem eigenständigen Konzentrationslager erhoben worden war, erfolgten in kurzen Abständen weitere Einlieferungen. Während die Zahl der anderen Häftlingsgruppen stark anstieg, vergrößerte sich die Bibelforschergruppe jedoch nur noch langsam. Die im Win­ter 1940/41 in Neuengamme eintreffenden Gefangenen waren bereits mehrheitlich Aus­länder. Schon bald überstieg ihre Zahl die der deutschen Häftlinge bei weitem. In der nach Tausenden zählenden Lagergesellschaft bildeten die Bibelforscher schließlich eine ganz kleine Minorität. Nachdem am 23. Januar 1941 im Rahmen eines aus Dachau überstellten 484-Mann-Transportes 30 Zeugen Jehovas ins Lager eingeliefert worden waren, vergrößerte sich ihre Zahl in den folgenden Jahren kaum noch. 

Die ganz überwiegende Mehrzahl der Neuengammer Bibelforscher-Häftlinge wurde aus einem anderen Konzentrationslager überstellt (86 %), während der Anteil derjenigen, die als Gestapo-"Zugänge" direkt in das Lager eingewiesen wurden, gering war und blieb. Anhand der ermittelbaren Verhaftungsdaten ließ sich feststellen, dass die meisten bereits über eine langjährige Hafterfahrung in Gefängnissen und Konzentrationslagern ver­fügten, bevor sie ins KZ Neuengamme eingeliefert wurden. Als frühestes Verhaftungsdatum konnte der 7. Dezember 1934 ermittelt werden. Durchschnittlich verbrachten die im KZ Neuengamme inhaftierten Zeugen Jehovas 6,9 Jahre hinter Gittern und Stacheldraht. Viele waren die längste Zeit davon in Neuengamme, wo die lange gemein­same Aufenthaltszeit und die in den Anfangsjahren gemeinsame Unterbringung die Homogenität und Solidarität der Gruppe förderte.

In der Anfangszeit des Lagers waren die Zeugen Jehovas in Neuengamme fortgesetzt den Schikanen der SS ausgesetzt, neben Schlägen und Misshandlungen sind hier insbesondere der Essensentzug, der Einsatz an den schwersten Arbeitsstellen und ihre zeitweilige Absonderung von anderen Häftlingen zu nennen. Bereits drei Monate nach Ankunft der ersten 40 Zeugen Jehovas in Neuengamme (Transport aus Sachsenhausen vom 29.2./1.3. 1940) war von ihnen aufgrund der mörderischen Bedingungen beim Lageraufbau jeder Fünfte zugrunde gegangen. Als "Todesursachen" wurden im Sterberegister bei diesen acht 35- bis 56jährigen Zeugen Jehovas Lungenentzündung, Herz- und Kreislaufversagen, Darmkatarrh, Rippenfellentzündung und allgemeine Körperschwäche eingetragen. Doch trotz des Terrors vermochte die SS den Widerstand der Bibelforscher-Häftlinge nicht zu brechen. Soweit bekannt, unterschrieb im KZ Neuengamme nur ein Zeuge Jehovas die Verpflichtungserklärung, die ihnen bei Lossagung von ihrem Glauben unter bestimmten Bedingungen die Entlassung aus der KZ-Haft in Aussicht stellte. 

Seit dem zweiten Halbjahr 1940 waren in Neuengamme die Bibelforscher zusammen mit den besonders geschundenen jüdischen Häftlingen abgesondert von den anderen Gefan­genen untergebracht. Die durchschnittlich etwa 100 Zeugen Jehovas belegten auf der rechten Seite den vorderen Teil, die zahlenmäßig größere Gruppe der Juden nahm den hinteren Teil und die linke Seite des Blockes ein. 

Obgleich das Zusammenleben zwischen den jüdischen Gefangenen, die keine homogene Gruppe bildeten, ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft waren und auch in weltan­schaulicher Hinsicht divergierende Ansichten vertraten, und den in enger Gemeinschaft lebenden Zeugen Jehovas, die innerhalb ihrer Gruppe ein festes System gegenseitiger Hilfe entwickelten, im allgemeinen auf einem guten Einvernehmen beruhte, kam es zu­weilen zu Spannungen, die großteils entweder aus dem Missionsdrang der Zeugen Jehovas oder aus der bei jüdischen Gefangenen eher individualisierten Überlebensstrategie resultierten. 

Nachdem bereits ein Teil der Zeugen Jehovas im Zusammenhang mit ihrer Abordnung zu besonderen Arbeitseinsätzen in andere Unterkünfte verlegt worden war, erfolgte 1943 — vermutlich in Zusammenhang mit dem Runderlass des Wirtschafts-Verwaltungshauptamts vom 10. September 1943, der "mit sofortiger Wirkung" die Auseinanderlegung der "in den Konzentrationslagern befindlichen Bibelforscher-Häftlinge" anordnete — die Aufhebung der gemeinsamen Unterbringung. Nunmehr wurden die Zeugen Jehovas in Grup­pen zu je fünf bis sechs auf die verschiedenen Blocks aufgeteilt. Erst gegen Kriegsende scheint die SS in Neuengamme dann nicht mehr streng darauf geachtet zu haben, dass die Zeugen Jehovas in möglichst kleinen Gruppen auf die Baracken verteilt waren. 

Die Zeugen Jehovas in Neuengamme zeigten einen ausgeprägten Selbstbehauptungswillen. Ihr Gemeinschaftsgeist ermöglichte es ihnen, kollektive Strategien des Überlebens herauszubilden und dadurch die Belastungen des Lageralltages zu mildern. Sie entwickelten ein Netz gegenseitiger Hilfe und, wie im Fall der Paketgemeinschaften, feste solidarische Strukturen. Da die Zeugen Jehovas sich intensiv um ihre kranken und schwachen Glaubensgeschwister kümmerten und ihnen von ihren Essensrationen abgaben, konnten viele selbst mit schweren Erkrankungen gesund gepflegt werden, auch jene, die angesichts der normalen "Krankenbehandlung" im KZ sonst wohl kaum eine Überlebenschance gehabt hätten. 

Mit anderen Häftlingsgruppen im KZ pflegten die Zeugen Jehovas allerdings keine Zusammenarbeit. Eine Teilnahme an dem von politischen Gefangenen getragenen Lagerwiderstand lehnten sie ab. Sabotage und zielgerichtete Aktionen gegen die SS meinten sie mit ihrem Glauben nicht vereinbaren zu können. Selbst im Lager versuchten sie, ihre bibelforscherische "Neutralität" zu wahren. 

In der Regel lehnten die Zeugen Jehovas in den KZs die Übernahme von Aufgaben im Rahmen der "Häftlingsselbstverwaltung" ab. Im KZ Neuengamme wurden den Bibelforschern von der SS jedoch vergleichsweise häufig Funktionen in der Lagerorganisation zugewiesen. Zwar bemühten sich die Bibelforscher-Häftlinge nicht um solche Positionen und beteiligten sich schon gar nicht am "Kampf" um die Vorherrschaft in der "Häftlingsselbstverwaltung", aber insbesondere im Fall von nur oder mehrheitlich aus Bibelforschern bestehenden Arbeitskommandos und Barackengemeinschaften erklärten sie sich zur Übernahme entsprechender Leitungsaufgaben bereit. In Neuengamme übten nach den vorliegenden Angaben mindestens 10 % der Zeugen Jehovas Häftlingsfunktionen aus, der Großteil von ihnen im Bereich des Arbeitseinsatzes. Zumindest ein Bibelforscher übte im KZ Neuengamme die Funktion eines Kapos aus: Eduard Lauterbach, der als Architekt in der "Zentralbauleitung der Waffen-SS" für die in Neuengamme errichteten Bauten der Deutschen Ausrüstungswerke eingesetzt wurde. 

Im Verhältnis zur Gesamtheit der KZ-Gefangenen waren die Bibelforscher-Häftlinge zu­meist älter; zum Zeitpunkt der Einlieferung in das KZ Neuengamme lag der Mittelwert des Lebensalters bei 40,8 Jahren. In ihrer überwiegenden Mehrheit entstammten sie der unteren Mittelschicht und der Unterschicht. Die Mehrzahl der Bibelforscher-Häftlinge übte vor der Verhaftung einen manuellen Beruf aus. Für das Überleben im Lager waren die Vertrautheit und ebenso die Belastbarkeit mit körperlicher Arbeit wichtig. Handwerk­liche Kenntnisse und Fertigkeiten verhalfen oftmals zur Aufnahme in ein vergleichsweise erträglicheres Arbeitskommando. 

Etwas weiteres gilt es zu berücksichtigen: 

Beim weitaus größten Teil der inhaftierten Bibelforscher-Häftlinge in Neuengamme handelte es sich um Deutsche und Österreicher (zusammen 82,8 %), nur wenige Zeugen Jehovas kamen aus dem nicht zum deutschen Sprachraum zählenden Ausland. So kamen nur einzelne Zeugen Jehovas aus Frankreich, Belgien, Niederlande, Polen, Jugoslawien und der Tschechoslowakei. Auch in ihrer nationalen Zusammensetzung unterschied sich somit die Gruppe der Bibelforscher von der Lagerbelegschaft. Die Eigenschaft, eine mehrheitlich (reichs-)deutsche Häftlingsgruppe zu sein, bestimmte nach der Verschleppung einer immer größeren Zahl von Ausländern in die Konzentrationslager zunehmend über den "Stellenwert" innerhalb der von der SS erstellten Lagerordnung. 

Soweit bislang bekannt, verstarben im Stammlager Neuengamme 26 Zeugen Jehovas, im Außenlager Salzgitter-Drütte ein Zeuge Jehovas und mindestens 16 weitere im Zusam­menhang mit der "Evakuierung" der Häftlinge am 3. Mai 1945 beim Untergang der Häftlingsschiffe "Cap Arcona" und der "Thielbek" in der Neustädter Bucht. Ferner wurden zehn Bibelforscher als "Arbeitsunfähige" oder "TBC-erkrankte Häftlinge" auf sog. "Invalidentransport" geschickt. Bei drei von ihnen konnte in Erfahrung gebracht werden, dass sie einige Tage beziehungsweise wenige Wochen später gestorben sind. Das Schicksal der sieben anderen nach Majdanek und Dachau überstellten Häftlinge ist ungewiss. Mit Sicherheit ließ sich nur im Fall von 54 Neuengammer Bibelforscher-Häftlingen feststellen, dass sie die KZ-Haft überleben konnten. 

Für die geschichtswissenschaftliche Deutung ist die Tatsache bedeutsam, dass es zu Todesfällen unter den Zeugen Jehovas — sieht man einmal von der Phase der Lagerräumung ab — vor allem in den Jahren 1940-1942 kam, während sich danach die Lage der Bibelforscher-Häftlinge im KZ Neuengamme deutlich verbesserte. Diese Entwicklung geht vor allem auf die folgenden Gründe zurück: 

  1. auf die im Verlauf des Krieges allgemeine (relative)  Besserstellung von nichtjüdischen deutschen Häftlingen infolge der stetig zunehmenden Belegung der KZs mit ausländischen Gefangenen; 
  2. zum überwiegenden Teil handelte es sich bei den Zeugen Jehovas um erfahrene "Konzentrationäre", deren  Lagerresistenz sich bereits erwiesen hatte;    
  3. die vergleichsweise geringe Fluktuation hatte den Aufbau fester Innenbeziehungen ermöglicht; 
  4. die SS hatte die Bibelforscher-Häftlinge zunehmend in bevorzugte Arbeitsplätze eingewiesen. 

Angesichts der stark anwachsenden Bedeutung der Häftlingsarbeitskraft waren die Zeugen Jehovas durch ihren Fleiß und die Sorgfalt, mit der sie die erteilten Aufträge — so­fern diese nicht ihren Glaubensgrundsätzen widersprachen — zu erledigen pflegten, zu begehrten Kräften geworden. Sie galten als korrekt, zuverlässig und — für die SS-Arbeitseinsatzführer das wichtigste Argument — als vertrauenswürdig. Da die Zeugen Jehovas aus Glaubensgründen eine Flucht aus dem Lager ablehnten — sie sahen in ihr eine Auflehnung gegen die göttliche Vorsehung —, wurden sie gern außerhalb der Lager an schwierig zu überwachenden Arbeitsplätzen und in sogenannten "Vertrauensstellungen" eingesetzt. In Neuengamme gab es eine ganze Reihe von Arbeitskommandos, in denen ausschließlich oder nahezu ausschließlich Bibelforscher eingesetzt waren. Dieses war zum Beispiel in den Wintern 1940/41 und 1941/42 der Fall, als 50 Zeugen Jehovas aus dem KZ Neuengamme auf die Ostsee-Halbinsel Darß zum Reetschneiden abkommandiert wurden. Reine Bibelforscherkommandos waren auch die im nahe gelegenen Bergedorf tätigen Außenkommandos bei der Holzhandlung Behr und der Eisenwarenhandlung Glunz, die Entkrautungskolonne, die die Entwässerungsgräben von Schlick freizuhalten hatte, sowie das zum Be- und Entladen eingesetzte, sogenannte Bahnhofskommando, ferner bis 1944 die Angorakaninchenzucht. 

Neben den "Invalidentransporten" erfolgte lediglich in vier Fällen eine Überstellung von Bibelforschern aus Neuengamme in ein anderes Konzentrationslager — ein angesichts der für das KZ-System geradezu charakteristischen Häufigkeit von Verlegungen bemerkens­werter Vorgang. Auch die Zahl der vom Stammlager in ein Außenlager überstellten Bibelforscher ist auffällig niedrig. Soweit bekannt, kam es nur in zehn Fällen zu einer solchen Abkommandierung. 

Die geringe Zahl der Überstellungen deutet darauf hin, dass die SS die Bibelforscher im Lager als bewährte Arbeitskräfte und als Häftlinge in "Vertrauensstellungen" halten wollte. Von den 85 Bibelforschern, die im ersten Jahr des KZ Neuengamme dorthin eingeliefert wurden (die "Kernbelegschaft"), verblieben 55 (= 65 %) bis zur Evakuierung ununterbrochen im Stammlager Neuengamme. Sie hatten seit 1942 fast alle einen bevor­zugten Arbeitsplatz erlangt, der vergleichsweise gesicherte Existenzbedingungen bot. Da sie die ihnen übertragenen Aufgaben gewissenhaft erledigten, verstanden sie es, sich in ihrem jeweiligen Arbeitsbereich nahezu unersetzlich zu machen. Oftmals bewahrte die Protektion durch ihre unmittelbaren SS-Vorgesetzten sie vor einer Abkommandierung zu einem schlechter gestellten Arbeitseinsatz oder vor der Verlegung in ein Außenlager. 

Zwar stieg für nichtjüdische deutsche Häftlinge der nationalsozialistischen Konzentrati­onslager aufgrund der zunehmenden Bedeutung der Häftlingsarbeitskraft seit 1942/43 allgemein die Überlebenschance, doch bleibt der Grad der Veränderung der Lage der Bibelforscher gleichwohl bemerkenswert. 

Die Überschaubarkeit der Häftlingsgruppe, ihre Homogenität, der gemeinsame Glaube und der in den Jahren des gemeinsamen KZ-Aufenthaltes in Neuengamme gewachsene Zusammenhalt einerseits wie andererseits die sich für diese Gruppe verbessernde mate­rielle Lage mitsamt ihrem Zugang zu bevorzugten Arbeitsplätzen bildeten die Basis für eine verstärkte Fortsetzung der Bibelforscheraktivitäten auch innerhalb der Gefangen­schaft. Die Zeugen Jehovas trafen sich heimlich zu "Bibel- und Wachtturm-Studien" feierten Gottesdienste und vervielfältigten ins Lager eingeschmuggelte religiöse Schriften. Die seit 1943 auf verschiedene Häftlingsblocks verteilte Neuengammer Bibelforscher­gemeinde untergliederte sich in sieben Studiengruppen. Jede Gruppe versuchte, mindestens einmal wöchentlich zum "Buchstudium" zusammenzukommen. Es gab dazu Abschriften vom "Wachtturm", die durch den als Schreiber beim Schutzhaftlagerführer, SS-Obersturmführer Albert Lütkemeyer, eingesetzten Ernst Wauer heimlich in dessen Büro angefertigt und mit Durchschlagpapier vervielfältigt wurden, und eine Bibel, die kursierte. Zeitweilig soll es sogar gelungen sein, den Gruppen jeden Morgen beim Appell eine Abschrift des Tagestextes zukommen zu lassen.

Es gab ferner einen Schriftenschmuggel, der angesichts der gegebenen Umstände zeit­weilig regelrecht florierte. Die Verbindung nach außen lief über ein Außenkommando in Bergedorf. Zwischen vier und zehn Zeugen Jehovas, die täglich vom Lager aus unter Bewachung zur Arbeit in den sechs Kilometer entfernten Ort marschierten, mußten dort für die Eisenwarenfirma Glunz Schrauben und andere Metallteile sortieren. Die Schwester eines in diesem Kommando eingesetzten Zeugen Jehovas hatte davon erfahren und uner­schrocken Verbindung aufgenommen. Diese Frau wurde dann die Mittelsperson für die Kontakte zwischen den im KZ Neuengamme inhaftierten Zeugen Jehovas und einzelnen im Untergrund tätigen Bibelforscher-Gruppen. Sie brachte Schriften nach Bergedorf, die zunächst in den Kellerräumen der Firma Glunz versteckt wurden und von dort nach und nach ins KZ gelangten. Auf dem umgekehrten Weg wurden Briefe an Angehörige und biblische Auslegungen über die Situation der Inhaftierten aus dem Lager herausgebracht. Solche Berichte erreichten in den Jahren 1943/44 auch die Europazentrale der Wachtturm-Gesellschaft in der Schweiz. Es wurden sogar Auszüge aus diesen aus dem KZ Neuengamme herausgeschmuggelten Briefen 1944 in Schriften der Wachtturm-Ge­sellschaft publiziert. 

Auch die Neuengammer Bibelforscher-Häftlinge setzten alle Bemühungen daran, für ihren Glauben neue Anhänger zu gewinnen. Im Rahmen einer Anfang 1943 durchge­führten Missionskampagne wurde das Lager in Gebiete aufgeteilt. Um eine möglichst große Zahl von Mithäftlingen zu erreichen, gingen kleine Gruppen von Zeugen Jehovas von Block zu Block und gaben von ihrem Glauben "Zeugnis". Zu diesem Zweck wurden mehrsprachige "Zeugniskarten" erstellt, die eine kurze biblische Passage mit dem Angebot zu einem Gespräch über die Königreichshoffnung enthielten. Selbst Vorträge wurden gehalten, die man für die russischen und polnischen Lagerinsassen übersetzte. Bekundeten Mitgefangene Interesse, so wurden "Nachbesuche" vorgenommen und mit biblischen Unterweisungen begonnen. Der unverdrossene Missionsdrang der Zeugen Jehovas blieb nicht ohne Resonanz; in der Aussichtslosigkeit der KZ-Haft fand die von ihnen eifrig gepredigte Botschaft vom kommenden "Königreich Gottes" Gehör. Zumeist waren es ausländische Häftlinge, in erster Linie Russen, und Angehörige nicht-politischer Kategorien, die sich dem Bibelforscherglauben gegenüber aufgeschlossen zeigten. Mehrere Mithäftlinge anderer Gruppen schlossen sich ihnen an. Taufen wurden mehrfach im Lager durchgeführt. Taufwillige — dies wird zum Beispiel von einem russischen und einem jungen polnischen Häftling berichtet — schleuste man ins Entkrautungskommando ein, das Entwässerungsgräben zu reinigen hatte. Dort rutschten sie dann wie unbedarft aus. Mit Worten wie "wenn du schon reingefallen bist, dann tauch‘ wenigstens richtig ein" faßte daraufhin der in dem Kommando arbeitende Bibelforscherälteste den Kopf des Taufwilligen und senkte ihn unter dem Gejohle der SS-Bewacher, die das Ganze für eine Gaudi hielten, ins Wasser, während die andächtig verweilenden Zeugen Jehovas die Szene mit ihren stillen Gebeten begleiteten. 

Für die Zeugen Jehovas erwies sich bei solchen Begebenheiten einmal mehr der Sieg des Glaubens über die "Dumpfheit der weltlichen Mächte". 

Unter den Bibelforscher-Häftlingen in Neuengamme befand sich auch ein Badenser. Vom Schicksal dieses Mannes möchte ich Ihnen zum Abschluss meiner Ausführungen noch kurz berichten. Sein Name war Willi Johe. Er wurde 1898 in Rastatt geboren. Als junger Mensch musste er am Ersten Weltkrieg teilnehmen. Das Grauen dieses Krieges veranlasste ihn, sich eingehend mit der Bibel zu beschäftigen. Zusammen mit seiner Frau schloss er sich der Bibelforschervereinigung an. Beruflich war er als Maler tätig. Nach dem Verbot der Zeugen Jehovas beteiligte er sich an der Untergrundtätigkeit, u.a. an der Vervielfältigung und Verbreitung der Schriften. Bei einer Hausdurchsuchung im Oktober 1937 wurde Willi Johe verhaftet und in Freiburg zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Nach Verbüßung der Haftzeit wurde er zunächst in das KZ Sachsenhausen eingeliefert. Von dort wurde er am 4. Juni 1940 gemeinsam mit über 500 Häftlingen nach Neuengamme überstellt, wo er die niedrige Häftlingsnummer 271 erhielt. 

Im Neuengamme musste Willi Johe in verschiedenen Kommandos arbeiten, zunächst beim Lageraufbau, dann im kleinen "Bahnhofskommando" bei Be- und Entladearbeiten und bei Ernteeinsätzen. Später wurde ihm ein Arbeitsplatz in der "Angorakaninchen-Zucht" zugewiesen, wodurch sich seine Lager verbesserte. 1944 verlegte die SS, nachdem sie von heimlichen "Bibelstudien" Kenntnis erlangt hatte, ihn strafweise in das Außenlager Wilhelmshaven. Aufgrund seiner künstlerischen Fähigkeiten wurde er dort von der SS wiederholt zur Anfertigung von "Auftragsarbeiten" für private Zwecke herangezogen, wobei ihm die SS-Leute ihre jeweiligen Bilder- und Motivwünsche auftrugen. Kurz vor Kriegsende wurde Willi Johe zusammen mit anderen Häftlingen bei der Räumung des Lagers Richtung Ostsee transportiert, wo er seine Befreiung erlebte. 

Nach seiner Heimkehr setzte Willi Johe sich für den Wiederaufbau des Verkündigungswerkes der Zeugen Jehovas ein. 1962 starb er — erst 64 Jahre alt — an den Spätfolgen der Entbehrungen, die er im KZ erlitten hatte. 

Sein Sohn Erich, 1933 in Karlsuhe geboren und bis heute hier wohnhaft, ist heute abend unter uns anwesend, worüber ich mich sehr freue. 

Erich Johe, der Sohn, hat vor einigen Jahren zur KZ-Gedenkstätte Neuengamme Kontakt aufgenommen. Er besuchte mich dort gemeinsam mit seiner Frau und einem befreundeten Ehepaar 1996. Er war sehr überrascht, als ich ihm zwei Belege zeigen konnte, die von der Haft und dem Wirken seines Vaters in Neuengamme zeugen. Dabei handelt es sich zum einen um eines der drei Fotos von der Arbeitsstätte "Angorakaninchen-Zucht"' die in unserem Archiv verwahrt werden. Es zeigt den Häftlingsvorarbeiter, vermutlich handelt es sich um Heinrich Gerlach, einen Zeugen Jehovas , der dem SS-Kommandoführer Hugo Schnepel den Bestand meldet. Im Hintergrund ist über der Tür zu den Stallungen ein ca. 2 mal 3 Meter großes Wandgemälde zu erkennen, das hüpfende Angorakaninchen in — und das ist im norddeutschen Flachland bemerkenswert — einer Schwarzwaldlandschaft zeigt. Erich Johe erkannte den Malstil seines Vaters sofort, dessen Leidenschaft für seine südwestdeutsche Heimat in der Motivwahl deutlich zum Ausdruck kam. 

Bei dem anderen Sachzeugen handelt es sich um ein Ölbild, ein Stilleben mit Blume und Vase. Dieses Bild erhielt ein Anwohner aus dem zu Neuengamme benachbarten Dorf Kirchwerder vermutlich 1941 zum Geschenk — als Ausgleich für gelegentliche Zuwen­dungen von Obst und Brot, die er einer kleinen Gruppe bei ihm zeitweilig zum Arbeitseinsatz abkommandierter Häftlinge zukommen ließ. Eines Tages — so der Bericht des Anwohners — habe das Bild kommentarlos unter dem gleichen Baum gelegen, unter dem er die Nahrungszuwendungen zu deponieren pflegte. 

Dieses Bild befindet sich seit 1988 im Bestand der KZ-Gedenkstätte Neuengamme. Die Familie aus Kirchwerder hatte es der Gedenkstätte überlassen 

Ein Signum zeigt die Urheberschaft des Bildes. Es ist gezeichnet mit "W. Johe". 

Das an sich nicht besonders bemerkenswerte kleine Bild ist uns wertvoll, lässt sich doch anhand dieses Sachzeugen eine Geschichte erzählen, eine Geschichte von Menschen, die wegen ihres Glaubens von den Nationalsozialisten verfolgt wurden und trotz allen Terrors ihre Menschlichkeit zu bewahren wussten. 

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. 

Siehe auch:

Zwischen Widerstand und Martyrium Die Zeugen Jehovas im "Dritten Reich"
Buchbeschreibung

 

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