Quelle: Badische Neueste Nachrichten - Mittwoch, der 5. April 2000

Zeugen Jehovas eröffnen "Standhaft"-Ausstellung im Ständehaus
Tafeln erinnern an Gräueltaten
Historiker und Zeitzeugen sprechen / Yonan-Vortrag fraglich
Achim Winkel  

Gegen das Vergessen der Gräuel und das Wegsehen will sich die Ausstellung “Standhaft trotz Verfolgung – Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime” wenden, die seit gestern im Ständehaus zu sehen ist. Zur Eröffnung der Ausstellung mit etwa 50 teilweise bedrückenden, weil sehr persönlich gehaltenen Schautafeln, die zuvor schon in 270 anderen Gemeinden zu sehen waren, sagte Johannes J. Bernecker, Pressesprecher der Zeugen Jehovas in Baden-Württemberg, man wolle auch Stellung beziehen gegen die Ausgrenzung anderer Minderheiten und “nicht nur für die eigene Gemeinschaft Toleranz einwerben”.  

Michael Kißener, dessen an der Universität Karlsruhe angesiedelte Forschungsstelle Wi­derstand zu den Mitveranstaltern gehört, betonte gestern bei der Pressekonferenz, ihm sei es ebenso wie Hubert Roser, Historiker und Autor der Studie “Widerstand als Bekenntnis: Die Zeugen Jehovas und das NS-Regime in Baden und Württemberg” darauf angekommen, die historische Wirklichkeit zu dokumentieren. Er verwies auf den Anpassungsversuch der Zeugen Jehovas an die Nazi-Politik, der aber ebenso wie ähnliche Versuche anderer Gruppierungen misslang. Michael Heck, Kulturreferent der Stadt, sprach bei der Ausstellungseröffnung die “Linie des Erinnerns” an, die die Stadt Karlsruhe seit langem verfolge. Er wertete die Ausstellung als “Aufklärungsarbeit für unsere Generation”. Werner Rudtke, Vizepräsident der deutschen Wachtturmgesellschaft in Selters, wies allerdings entschieden den Vorwurf des Anbiederungsversuches an Hitler zurück (die BNN berichteten).  

Die bis zum 20. April im Ständehaus gezeigte Ausstellung sowie Aquarelle von Johannes Steyer über die Gräuel im Konzentrationslager Buchenwald dokumentieren den Leidensweg der Zeugen Jehovas in der Hitlerzeit. Etwa 1 000 der damals insgesamt 25 000 deutschen Zeugen Jehovas wurden Opfer — beispielsweise durch Haft im Gefängnis oder im Konzentrati­onslager. Etwa 1 200 von ihnen fanden den Tod. Neben der Ausstellung von Zeitdokum­enten im Ständehaus (geöffnet sonntags bis freitags 10 bis 18 Uhr, samstags 10 bis 14 Uhr) gibt es auch eine kleine Veranstaltungsreihe, bei der neben Zeitzeugen auch Historiker zu Wort kommen. Der Vortrag über die in Plötzensee hingerichtete Zeugin Jehova Emmy Zehden, den die für Scientology unterstützend aufgetretene Gabriele Yonan halten sollte, wird möglicherweise nicht stattfinden. Stattdessen wird der Historiker Hans Hesse über die Verfolgung der Zeuginnen Jehovas in den Konzentrationslagern Moringen, Lichtenburg und Ravensbrück referieren. 

Siehe auch:

Standhaft trotz Verfolgung - Karlsruhe
Rückblick der Veranstaltung

Widerstand als Bekenntnis: Die Zeugen Jehovas ...
Buchbeschreibung

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