|
(«
zurück zum Rückblick)
"Genau hinsehen" - kleine religiöse Gemeinschaften im
Nationalsozialismus
Standhaft trotz Verfolgung -
Jehovas Zeugen unter dem NS-Regime
Veranstalter: Jehovas Zeugen, Karlsruhe in Kooperation mit der
Forschungsstelle Widerstand, Universität Karslruhe.
Freitag, 7. April 2000, 19.02,
Andreas Müller, Journalist und Buchautor
Die Zeugen Jehovas -
Widerstand gegen den Messias:
Auschwitz. Endstation.
"Ich hatte Mitleid mit den Nazis."
Die Nacht ist düster. Auf den Zungen der Gefangenen liegt der
Geschmack verbrannten Fleisches. Menschenfleisch. In den Krematorien
wird rund um die Uhr gearbeitet. Unzählige Leichen türmen sich
meterhoch auf. Dunkle Wolken quellen aus den Öfen. Die Asche der
Unglücklichen verteilt der Wind über das Lager. Kalter, feuchter Nebel
hängt in Fetzen schwer zwischen den Baracken. Die Lichter einer Lok
schneiden sich durchs Dunkel. Dutzende Viehwaggons im Schlepptau.
Neue Opfer. Tausende. Und wieder Tausende. Für die Krematorien. Dort
verrichtet Nummer 69733 in aller Stille seine Arbeit. Auf seinem Buckel
trägt er einen alten Mann. Wie ein Stück Holz. Arme und Beine baumeln
mit jedem Schritt, schlagen gegen seine Hüfte.
Wankend geht es an den Leichenbergen vorbei zum Ofen. Die eiserne
Tür steht offen. Überall Ruß und Asche. Verkohlte Knochen; Zähne;
verschmorte Eingeweide. Nummer 69733 lässt den Alten von seinen
Schultern in den Staub gleiten. Die Haut spannt sich eng über das
Gerippe. Die Augen liegen tief in den Höhlen. Einen Blick nur noch. Nur
einen Blick in die Augen seines Vaters. Erloschen alle Funken des Lebens.
Nur einen Blick noch. Einen Augenblick, um Abschied zu nehmen. Bevor
die Flammen diese Augen, diesen Leib verschlingen...
Nummer 69733 ist Max Liebster. Wo die Asche seines Vaters hinkam,
weiß er bis heute nicht. Vielleicht ist sie in Bickenbach begraben.
Vielleicht mit Reisigbesen aus dem Lager gekehrt.
(Auszug aus: Ich hatte Mitleid mit den Nazis.)
Kaum war "Ich hatte Mitleid mit den Nazis." erschienen, rief bei uns im
Verlag ein alter Mann an. Er sagte, er habe unser Buch im Handel
gekauft und mit großer innerer Spannung gelesen. Er sei ein führender
SS-Offizier gewesen, die Reichsregierung Adolf Hitler habe ihn mit der
Vernichtung der Ernsten Bibelforscher beauftragt.
Er habe seinerzeit alles versucht, den Befehl auszuführen. Aber: Die
Bibelforscher hätten wie keine andere Gruppe kompromisslos und ohne
jedes Zugeständnis Widerstand geleistet. Auch für Verrat seien sie kaum
empfänglich gewesen.
Die Bibelforscher seien die einzige Gruppe gewesen, die gegen den
NS-Staat dauerhaft zusammengestanden habe. Die Reichsregierung
habe sie als die gefährlichste Widerstandsgruppe eingestuft.
Auch, wenn sie seine Feinde gewesen seien: Er hatte große Achtung und
Respekt vor ihnen. Das Buch sei das Erste ihm bekannte Werk, das
historisch korrekt über die Bibelforscher und ihre Aktivitäten berichtet.
Dem NS-Staat hätten sie größte Schwierigkeiten bereitet.
Der SS-Offizier erzählte weiter, er sei später heimlich bei einem
Kongress der Zeugen Jehovas in Montreal gewesen. Er habe seine
früheren Feinde einmal beobachten wollen, schauen, was aus ihnen
geworden ist. Mit dem, was die so erzählten, stimme er nicht überein.
Aber: Er habe seinerzeit noch nie so viele glückliche Menschen auf einen
Haufen gesehen...
In der Tat kommt man, wenn man den Widerstand in Deutschland
wertneutral untersucht, an einer Gruppe nicht vorbei: Es sind die Ernsten
Bibelforscher, die praktisch an jeder Ecke stehen.
Für Hitler sind sie die Staatsfeinde Nummer eins. Sie sind so gefährlich,
dass sie innerhalb der KZ in Baracken gepfercht werden, die nochmals in
Stacheldraht eingezäunt sind. Der Kontakt mit ihnen ist jedem
Gefangenen verboten. Wer mit ihnen spricht, wird sofort vernichtet.
Was macht die Bibelforscher für Hitler so gefährlich? Warum schreit er:
‘Diese Brut rotte ich aus.’
Der Widerstand im Dritten Reich.
Wer leistete Widerstand?
Was wussten die Deutschen?
Es gibt heute ein paar Historiker in Deutschland, die sagen: Diese Fragen
müssen noch geklärt werden.
Wir sind auf diese Fragen ziemlich heftig ‘gestoßen worden’ durch
Spielbergs Film ‘Schindlers Liste’. Er zeigt einen Deutschen, der
Widerstand geleistet hat. Gab es da noch mehr?
Wir haben einen großen Bekanntenkreis. Da haben wir das Thema
‘Nazi-Deutschland’ angesprochen. Nun sind in diesem Bekanntenkreis in
letzter Zeit viele arbeitslos geworden - aus jeder Altersgruppe.
Und von Menschen, denen ich das nie zugetraut hätte, hör’ ich: ‘Geht
fort
mit diesen Anti-Nazi-Filmen. Wer weiß, ob das alles so stimmt. Der Hitler
hat sicher auch seine guten Seiten gehabt: Alle hatten Arbeit (das sagen
die in den neuen Bundesländern übrigens auch: bei Honecker hatten wir
Arbeit), man konnte sich unter Hitler auf die Straße trauen. Es gab keine
Ausländer, keine Kriminalität.’ - Da entsteht ein ganz gefährlicher Brei.
Da ist eine ältere Generation, die hat das Dritte Reich nie in der Schule
behandelt. Und unser Nachwuchs kann noch nicht mal deutsch und
rechnen, wenn er von der Schule kommt, und von unserer Geschichte
hat er gar keine Ahnung. Die Zeit der Glorifizierung scheint reif. Wie
lange - provokativ gefragt - mag es noch dauern, bis Adolf Hitler mit
Alexander dem Großen - ein Massenmörder, den mir mein Lateinlehrer
als großartigen Feldherrn anpries - in einem Atemzug genannt wird? Bei
Hitlers Stellvertreter Rudolf Hess hat die Glorifizierung bereits begonnen,
wenn man in einem Nachruf aus der rechten Szene liest: "War es ein
Jesu von Nazareth, der für das Christentum sterben musste, so ist es
Rudolf Hess, der für uns, für Deutschland starb."
Und wenn die Sowjetunion seit 1997 erstmals durch Jelzin offiziell
eingesteht, die 4.000 polnischen Offiziere von Katyn sind von Russen
ermordet worden und nicht von der SS, dann greifen die Rechten das auf
und sagen: Seht ihr: Kriegsverbrechen haben wir Deutschen nie
begangen. Wir sind nur die Sündenböcke für die anderen.
Ich habe damals nicht gelebt. Ich kann nur heute recherchieren und
stelle fest: Es gibt viele Lager mit vielen Wahrheiten. Und eine Wahrheit
ist: Der Sieger schreibt Geschichte - in seinem Sinne.
Wer aber kennt die Wahrheit? - Die tägliche. Im deutschen Alltag. Die in
den KZ.
Es sind die Zeitzeugen. Sie zu hören ist ein Stück Wahrheit. Lebendige Wahrheit. Und diese Zeitzeugen sterben uns reihenweise weg.
6 Millionen KZ-Tote ist eine Zahl. Ein Überlebender, der erzählt, ein
hautnahes Schicksal.
Wir würden viel geben, einen solchen Menschen einmal kennen zu
lernen...
Vielleicht war es Gottes Fügung: Ein paar Tage, nachdem wir uns solche
Gedanken gemacht haben, ist uns Max Liebster in Weinheim über den
Weg gelaufen. Er wohnt in Frankreich, wurde in Reichenbach/Odenwald
als Jude geboren und war zu Besuch.
Fünf KZ hat er überstanden, furchtbare Gräueltaten und hilfsbereite
SS-Leute gleichermaßen erlebt. Er ist in den Lagern zum Christ
geworden, und er sagt: "Ich hatte Mitleid mit den Nazis."
Und das, obwohl er den Großteil seiner Familie in den Lagern verlor und
seinen Vater in einen Ofen in Sachsenhausen schieben musste.
Mehrere Stunden hat Max Liebster erzählt. Zum ersten Mal ganz
ausführlich, was er als Jude in Nazi-Deutschland erlebte. Er nimmt sich
die Zeit. Man bedenke die große geistige Leistung dabei, er ist - 1997
war das - 82 Jahre.
In Reichenbach im Odenwald geboren, der Vater ist Schuhmacher, spielt
die Religion für ihn im Alltagstrott keine Rolle. Die Familie ist voll
integriert.
Mit der Nazi-Propaganda wird das Verhältnis zu den Deutschen
distanzierter. Schließlich wird die Familie abtransportiert, auseinander
gerissen. Liebster kommt als Bub in ein Gefängnis nach Pforzheim. Von
da geht es mit dem Zug ins KZ. Wie Tiere in Käfigen eingesperrt. Hier
lernt er erstmals Bibelforscher kennen.
Später wird er mit ihnen aus Platzgründen in dieselbe Baracke gesteckt.
In Stacheldraht eingezäunt, von den übrigen Gefangenen streng
getrennt.
Und nochmal die Frage: Was macht diese Bibelforscher für Hitler denn so
gefährlich? Warum schreit er: "Diese Brut rotte ich aus."
Die Antwort gibt der französische Historiker Guy Canonici:
Weil Hitler der Messias war. Nachfolger von Jesus. Mit ihm beginnt das
Tausendjährige Reich der Offenbarung.
In der Schule hatte ich meinen Geschichtslehrer gefragt: ‘Warum heißt
es ‘Tausendjähriges’ Reich?’ - Er zuckte mit den Schultern und
antwortete: ‘Weil die Nazis größenwahnsinnig waren.’
Jetzt erfahre ich: Mit Hitler bricht das Tausendjährige Reich der
Offenbarung der Bibel an.
Hitler war dabei, die Bibel umzuschreiben. Die Arier als das wahre Volk
Gottes zu installieren. Das war im Sinne von Deutschlandfreund Papst
Pius XII., vor allem, weil es darum ging, die Juden auszustreichen. Der
Historiker Werner Maser aus Speyer hat ein paar dieser Hitler-Notizen in
seinen Hitler-Biographien festgehalten.
Der Anruf ‘Heil!’ ist für die Bibelforscher nur Jesus vorbehalten. Für
sie ist
es Gotteslästerung, ‘Heil Hitler’ zu sagen. Und man muss sich vorstellen,
welch innere Größe dazu gehörte, in der Schule ‘Guten Morgen’ zu
sagen, nachdem die gesamte Klasse dem Lehrer den Führergruß
entgegengebrüllt hatte.
Dieses Reich in der Nachfolge Jesu Christi wollen die Bibelforscher nicht
akzeptieren.
Sie leisten Widerstand, der aus Sicht der Nazis ein politischer ist - ohne
Zweifel Verrat an Führer und Vaterland.
1937 erscheinen die Grundrisse der KZ Esterwegen und Sachsenhausen
in Publikationen der Ernsten Bibelforscher. Sie schmuggeln
Erlebnisberichte über die Gräueltaten aus den KZ. Diese Dokumente
werden weltweit publik gemacht. Über Deutschland werden
Zehntausende von Flugblättern verteilt. Sie klären auf über die KZ, über
die Brutalität des Naziregimes. Weltweit ausgestrahlte
Rundfunksendungen teilen die grausigen Erlebnisse mit (der verstorbene
Zeuge Jehovas Alois Moser bestätigt in seinen Lebensaufzeichnungen, die
Karl Thaller in Waldshut-Tiengen aufbewahrt, dass er eine solche
Sendung seinerzeit in Österreich über Hörfunk empfangen hat). 1938
erscheint darüber ein Buch. Thomas Mann gehört zu denen, die darüber
schreiben und sprechen.
Die späteren Siegermächte; die katholische Kirche, die die Bibelforscher
bis heute peinlich genau beobachtet und alle ihre Schriften peinlich
genau prüft - sie wussten (und zumindest weite Teile der deutschen
Bevölkerung konnten es wissen), was die Nazis anrichten. Dabei lesen
wir noch in einer Ausgabe der Politmagazins ‘Der Spiegel von 1997, das
die katholische Kirche wohl erst 1942 von den Gräueltaten in den KZ
erfuhr.
Der wohl erste Erlebnisbericht übrigens stammt nicht von Bibelforschern,
sondern von dem Kommunisten und Schauspieler Wolfgang Langhoff:
Nach dem Lied ‘Die Moorsoldaten’, das die Zustände im KZ Börgermoor
beschreibt und 1933 entstand, schreibt Langhoff ein gleichnamiges Buch,
das 1935 veröffentlicht wird und allein in Deutschland 30 Auflagen
erreicht. Darüber hinaus wird es in der Schweiz und den Niederlanden
veröffentlicht.
Noch ein ‘übrigens’: Ein Viertel der SS-Leute war katholisch. Was
eigentlich wäre geschehen, wenn Papst Pius das NS-Regime nicht
gestützt hätte...
Und woher eigentlich hätten die Nazis erfahren können, wer Jude ist und
wer Christ, wenn die Kirchen ihnen den Einblick in ihre Bücher verweigert
hätten?
Fest steht: Das Schicksal der KZ-Insassen war den Regierungen aller
Länder gleichgültig. Ihre Befreiung bestenfalls ein Nebenprodukt. Der
Krieg gegen Nazi-Deutschland diente dem Ziel, Hitler an der Weltmacht
zu hindern.
Die Bibelforscher werden von den Nazis als derart gefährlich eingestuft,
dass man ein Rassegutachten über sie anfertigen will. Ihr Glaube soll als
genetischer Defekt definiert werden. Damit könnte man sie als rassisch
minderwertig vergasen.
1939 wird im KZ Sachsenhausen der erste deutsche
Kriegsdienstverweigerer erschossen. August Dickmann. Er ist
Bibelforscher. Die London Times berichtet darüber. Auch dieser Mord
bricht den Widerstand nicht.
Im Gegenteil. Die Bibelforscher sind die einzige Gruppe, die bis zuletzt
Widerstand leistet. Und bis heute in der offiziellen Geschichtsschreibung
so gut wie gar nicht auftaucht.
Sie nehmen in unserem Buch einen wesentlichen Platz ein.
Der Jude Max Liebster hat ihre religiöse Einstellung kennen gelernt und
ist zum Christ, zu einem Bibelforscher, geworden.
SS-Leute quälen ihn, etwa, als er ein SS-Fahrrad entehrt, indem er es
berührt und dafür eitrig geprügelt wird.
SS-Leute, darunter einer aus Mannheim, eine Stadt nahe seiner
Geburtsgemeinde Reichenbach, haben ihm aber auch das Leben gerettet.
Vor dem Vergasen, vor dem Verhungern bewahrt.
Max Liebster differenziert. Wir nicht. Die Siegermächte nicht. Außer der
Reiter SS sind alle SS-Einheiten als Kriegsverbrecher verurteilt worden.
Jetzt hören wir bei unserer Recherche zum ersten Mal, dies von einem
Juden, dass es auch gute SS-Leute gab. Schwer zu begreifen.
Aber wir haben umlernen müssen.
Wer war die SS?
Die SchutzStaffel sollte der Keim der arischen Herrenrasse werden. Es
gab nicht wenige SS-Leute, die peinliche Fragen stellten, als Himmler
plötzlich eine 13. SS-Division aufstellte, 10.000 Moslems, die er gegen
Titos serbische Christen hetzte.
‘Die SS’ hat es gar nicht gegeben, sondern eine Vielzahl von
Organisationen staatlicher und halbstaatlicher Natur, zum Teil nicht nur
mit der SS, sondern auch mit der NSDAP verwoben. Gemeinsam war
ihnen: Sie unterstanden dem Reichsführer SS Heinrich Himmler. Ihre
Palette war verwirrend bunt...: Lebensborn e.V. (die Einrichtung wurde
von Himmler 1935 ins Leben gerufen, um den "Kinderreichtum in der SS
zu unterstützen, jede Mutter guten Blutes zu schützen und zu betreuen
und für hilfsbedürftige Mütter guten Blutes zu sorgen", dies mit dem
Fernziel der Menschenzüchtung) und KZ-Wachtruppe, Sicherheitsdienst
(SD) und Geheime Staatspolizei (Gestapo), KZ-Verwaltung und
Polizeiverbände, Allgemeine SS und die militärischen Verbände der
Waffen-SS im Zweiten Weltkrieg. Es gab auch SS-Einheiten, die sich aus
so genannten Untermenschen, Galiciern und Ukrainern
zusammensetzten. Und die Reichshauptstadt Berlin wurde u.a. durch
Schweizer SS-Männer verteidigt.
Wir suchen und finden SS-Männer und hören zu. Der eine ist arbeitslos.
Er geht zur Polizei, die kurze Zeit später Himmler unterstellt wird. Er wird
nach Sachsenhausen versetzt und taucht nach dem Krieg unter falschem
Namen in Deutschland unter. Später wird er von Zeugen Jehovas
mutmaßlich verraten, obwohl auch seine Frau, die er wieder findet, eine
Zeugin ist.
Ein anderer SS-Mann aus Mannheim hat Paul Hausser erlebt. 17-jährig
kam er freiwillig an die Front. Von den Gräueltaten in den KZ erfuhr er
erst nach dem Krieg. Er war als Jugendlicher dem Aufruf gefolgt, Familie
und Vaterland zu verteidigen. Das NS-Regime verkündete täglich,
Deutschland werde angegriffen, man solle sich an die Front melden.
Wären wir dem Ruf nicht auch gefolgt?
Der Generaloberst der Waffen SS Paul Hausser verweigerte an der Front
den Führerbefehl. Er floh mit seinen Soldaten vor den Russen und rettete
damit Zehntausenden von Menschen das Leben. Er besaß Zivilcourage.
Warum gab es davon nur so wenige?
Bei unseren Recherchen stoßen wir auf eine Fülle von merkwürdigen
Geschichten:
- Hitler sieht in der katholischen Kirche das Vorbild für den arischen
Herrenstaat. Vom Zölibat ist er beeindruckt, denn es ermöglicht, dass
sich die Priesterkaste mit den besten aus dem Volk ständig erneuert, kein
Amt vererbt wird.
- Das Problem der Auswanderung: Wohin sollten die deutschen Juden?
Kein Land wollte sie aufnehmen.
- Da gab es nach Kriegsende einen Schießbefehl amerikanischer
Soldaten gegen Juden. Wer das KZ Dachau verließ, sollte erschossen
werden.
- Das Flüchtlingsschiff ‘Exodus’ mit Tausenden von Juden, darunter viele
alte Menschen und schwangere Frauen, wird von britischen Zerstörern -
nach dem Krieg - vor der Küste Palästinas versenkt. Es gibt Tote. Die
Überlebenden pfercht man in deutsche Viehwaggons.
- Die Schreibtischtäter aus dem Berliner Reichssicherheitshauptamt - die,
die all die Millionen Todesurteile auf den Weg brachten - kommen davon,
weil man sie zunächst vergaß anzuklagen und dann, als man soweit war,
1968 ein Amnestie-Gesetz erlässt.
- Trotz zahlreicher Hilferufe: Kein jüdischer Arzt lässt sich auf deutschem
Boden blicken, um den überlebenden KZ-Kindern zu helfen. Das müssen
schließlich deutsche Ärzte tun - deutsche Ärzte waren es, die während
der Nazi-Zeit mit Menschen experimentiert haben und fast ausnahmslos
ungeschoren davonkamen.
Überrascht stellen wir fest: 1933 gab es 500.000 Juden in Deutschland;
1941 waren es 164.000. Der Durchschnittsdeutsche - fragt man ihn heute
- geht von 3 bis 4 Millionen aus.
- Der Judenhass - er geht auf Papst Innozenz III. zurück (Anfang 12. Jahrh.). Er war ein Judenhasser (auch Jesus war Jude, wenn auch immer
wieder versucht wurde zu beweisen - u.a. durch Hitler -, dass er Arier
war). Er verbot den Christen das Zinsnehmen und brandmarkte die Juden
als "Söhne der Kreuziger".
- Wir fragten uns, wer am Krieg, wer an der Judenvernichtung, verdiente
- und stoßen auf deutsche Assekurranzen, die KZ-Betriebe versicherten;
auf die IG Farben, Daimler-Benz, große Unternehmen, die Menschen so
lange arbeiten ließen, bis sie vor Erschöpfung starben. Für Nachschub
sorgte das Nazi-Regime.
- Und wir stoßen auf Fritz Haber, in dessen Werkstätten das Zyklon B
entwickelt wurde. Der deutsche Chemiker, 1868 in Breslau geboren und
1934 in Basel gestorben, gilt als Vater des chemischen Krieges
(Senfgas). Seine größte wissenschaftliche Leistung, für die er 1918 den
Nobelpreis für Chemie erhielt, ist die Darstellung von Ammoniak aus
Stickstoff und Wasserstoff unter hohem Druck, das so genannte
Haber-Bosch-Verfahren. Dass ein Kriegsverbrecher den Nobelpreis
erhielt, war großen Teilen der Weltöffentlichkeit unerklärlich und wurde
von starken Protesten begleitet. Haber war Jude. Verwandte von ihm
wurden in Auschwitz vergast. Carl Bosch, 1874 in Köln geboren und 1940
in Heidelberg gestorben, Direktor der BASF in Ludwigshafen und 1935
Vorsitzender des Aufsichts- und Verwaltungsrates der I.G.
Farbenindustrie AG und 1931 ebenfalls mit dem Nobelpreis
ausgezeichnet, bekannte sich dazu, den Krieg um Jahre verlängert zu
haben. Tatsächlich ergänzten sich das Machtstreben des NS-Regimes
und das Gewinnstreben der Industrie auf ideale Weise. Hätte die
chemische Industrie den Krieg verhindern können? Jedenfalls verdiente
sie gut an ihm.
Die Kirchen reagierten auf den Holocaust mit denkwürdigen
Stellungnahmen. So verkündete der ‘Bruderrat der Evangelischen Kirche
in Deutschland’ 1948 die besondere Schuld der Juden am Tod Jesu: "Indem Israel den Messias kreuzigte, hat es seine Erwählung und
Bestimmung verworfen... Dass Gott nicht mit sich spotten lässt, ist die
stumme Predigt des jüdischen Schicksals, uns zur Warnung, den Juden
zur Mahnung, ob sie sich nicht bekehren möchten zu dem, bei dem allein
auch ihr Heil steht."
Diesen Überfluss an Feingefühl kommentiert der Historiker Michael
Brenner: "Es bedarf nicht viel Phantasie, sich vorzustellen, wie solche
Worte von Kirchgängern nach Jahren antisemitischer Indoktrination
aufgenommen wurden. Noch immer wurden Juden von der Kanzel aus
als Gottesmörder dargestellt. Nach der Judenverfolgung der
vorangegangenen Jahre mag so mancher deutsche Christ zur
Feststellung gelangt sein, dass der Holocaust lediglich eine weitere
Bestätigung der Bestrafung Gottes für das Volk der Gottesmörder war."
Wir haben diese und weit mehr an Daten gesammelt und mit ihnen die
Geschichte von Max Liebster ummantelt. Das ganze haben wir nochmals
in einen historischen Rahmen mit allerlei unbequemen Wahrheiten
gesetzt.
350 spannende Seiten sind es gegen das Vergessen, es hätten leicht 500
oder 600 werden können. Geschichten wunderbarer Zeitzeugen - der
Jugend - und uns - zur Mahnung.
Andreas Müller
Tel.: 0 62 06/9 88 5-0
Fax: 0 62 06/9 88 5-22
Nachsatz:
Erst nach Redaktionsschluss zu unserem Buch stießen wir auf Quellen,
die Auskunft darüber geben, wer Hitler und die NSDAP finanzierte.
Woher kam das Geld für die Wahlkämpfe, für den Aufbau der Partei, für
die SA und die SS? Der Erste Weltkrieg war verloren, die deutsche
Industrie am Boden und es galt, hohe Reparationszahlungen zu leisten.
In 'Sünden der Kirche' (Nikol Verlagsges. Hamburg) schreibt Hans-Jürgen
Wolf: "Ab 1924 fließen erhebliche Beträge amerikanischen Kapitals nach
Deutschland. Sie bilden teilweise die Grundlage, auf die Hitler seine
Kriegsmaschinerie baut... Die Finanzierung des Tausendjährigen Reiches
durch ausländisches Kapital ist ein Faktum... Aus dem Warburg-Bericht muss geschlossen werden,
dass ausländische Gelder für die
Machtergreifung ausschlaggebend sind.
Sidney Warburg ist der Sohn eines der größten Bankiers in den
Vereinigten Staaten, des Firmeninhabers im Bankhaus Kuhn, Loeb & Cie.
(New York)... Nach den Aufzeichnungen Warburgs haben die Amerikaner
in drei Zahlungen 32 Millionen Dollar investiert, um in Deutschland die
nach ihrer Auffassung sinnvolle Revolution zu aktivieren; sie selbst sollten
den Nutzen davon haben, wenn es klappt. Warburg weist nach, dass
Hitler um insgesamt 400 Millionen DM zur Aufrüstung seiner Organisation
nachsucht." - Eine astronomisch hohe Summe, zum Vergleich: der letzte
Wahlkampf kostete der SPD etwas über 350 Millionen Mark.
Hitler, der bis 1934 in den USA eine großartige Presse hatte und u.a. als
Retter gegen den Bolschewismus gepriesen wurde (er war damit auch
Hoffnungsträger des Vatikan, der durch Stalin im Osten seine Ländereien
verloren hatte und befürchtete, dass ganz Europa von den Russen
überrollt werden würde), stand mit Warburg in engem Kontakt. Im
Oktober wendet sich Hitler mit einem Bettelbrief an Warburg: "... unsere
Bewegung wächst über ganz Deutschland mit einer Geschwindigkeit, die
hohe Anforderungen an die finanzielle Organisation stellt. Ich habe den
Betrag, der mir durch Sie vermittelt wurde, zum Ausbau der Partei
verbraucht und sehe jetzt, dass ich in absehbarer Zeit festsitzen werde,
wenn keine neuen Einkünfte gefunden werden. Ich verfüge nicht etwa
wie unsere Feinde, die Kommunisten und Sozialdemokraten, über die
großen Finanzquellen der Regierungen, sondern bin ausschließlich auf
die Erträge aus der Partei angewiesen. Von dem Betrag, den ich erhalten
habe, ist nichts mehr übrig." Hitler fragt nach, mit wie viel Geld er aus
Amerika rechnen darf.
Siehe auch:
Auschwitz. Endstation. - "Ich hatte Mitleid mit den Nazis."
Buchbeschreibung Auschwitz. Endstation. Einer, der überlebte, erzählt:
"Ich hatte Mitleid mit den Nazis."
Die tragische Geschichte des Max Liebster aus
Reichenbach im Odenwald 60.
Jahrestag einer Hinrichtung
weitere Informationen zur Hinrichtung von August Dickmann
|