Nr. 57 - Ausgabe am 9. März 1999 - Seite 4
Hitlergruß standhaft verweigert
Dokumentation über Zeugen Jehovas in NS-Zeit / Kritik der Kirche
Hamburg.
In den Konzentrationslagern des Dritten Reiches starben nicht nur Millionen
von Juden, sondern auch 1200 Zeugen Jehovas. Die Geschichte der Verfolgung
dieser Religionsgemeinschaft unter Hitler hat der Historiker Hans Hesse
als Herausgeber in einem Buch dokumentiert, das die Bremer Edition Temmen
jüngst vorgelegt hat. Titel: "Am mutigsten waren immer die Zeugen
Jehovas. Verfolgung und Widerstand der Zeugen Jehovas im Nationalsozialismus"
(447 Seiten, 48 Mark).
Der Sammelband enthält "wissenschaftliche Beiträge
von Funktionären der Wachturmgesellschaft (das ist die leitende Körperschaft
der Zeugen Jehovas, d. Red.) auf hohem Niveau". So urteilt die Evangelische
Zentralstelle für Weltanschauungsfragen in der neuesten Ausgabe ihres
"Materialdienstes" über das Buch. Erfreulich sei, so die Zentralstelle,
daß der Sammelband in einem neutralen Verlag erschienen sei. Damit
lasse die Wachturmgesellschaft "ihr selbstgewähltes Ghetto" und werde
"als Gegenüber in Diskussionen sichtbar". Auf diesem Wege könnten
die Zeugen Jehovas langfristig ihr "Sekten-Image" loswerden, heißt
es weiter.
Kirche sieht Buch kritisch
Die Zentralstelle sieht das Buch aber auch mit einer sehr kritischen
Distanz. So bedauert sie unter anderem, daß sich in den Beiträgen,
die für die Zeugen Jehovas so typische Mischung von Polemik gegen
die Kirchen bei gleichzeitiger Schönfärberei der eigenen Position"
finde.
In insgesamt 22 Beiträgen von 19 Autoren dokumentiert das
Buch nicht nur Erlasse, Gerichtsurteile und erschütternde Schicksale.
So gibt es in Faksimile die Briefe wieder die der mehrfach verhaftete Hans
Gärtner aus dem KZ Dachau an seine Familie schrieb. Angesprochen wird
auch die Frage, ob die Zeugen Jehovas antisemitisch waren und sich auf
diese Weise an das NS-Regime angebiedert oder angepaßt haben.
Nach Darstellung des Herausgebers Hans Hesse lebten in Deutschland
1933 etwa 25 000 Bibelforscher, wie die Zeugen Jehovas damals hießen.
Fast jeder zweite - insgesamt ungefähr 10 000 - war für kürzere
oder längere Zeit inhaftiert, 2000 von ihnen in einem Konzentrationslager.
1200 starben dort, davon seien etwa 250 hingerichtet worden, die meisten
wegen Kriegsdienstverweigerung.
NSDAP-Beitritt verweigert
Die "Bibelforscher" wurden verfolgt, unter anderem, weil sie den Hitlergruß
ebenso verweigerten wie den Wehrdienst und den Beitritt zur NSDAP - wie
zu allen anderen Parteien auch. Weil die Zeugen Jehovas als unpolitisch
galten, wurden sie aus der Haft entlassen, sobald sie ihrem Glauben abgeschworen
hatten, aus ihrer Religionsgemeinschaft ausgetreten waren und ehemalige
Glaubensbrüder denunziert hatten. Die meisten hätten aber zu
ihren religiösen Überzeugungen gestanden, meint Hesse in dem
Buch.
Der Titel gehe zurück auf die Kommunistin Gertrud Keen,
die im Frauen-KZ Moringen inhaftiert war. Die "Deutschland-Berichte", von
der Exil-SPD in Prag herausgegeben, bezeichneten an einer Stelle das Verhalten
der Zeugen Jehovas im Konzentrationslager Sachsenburg als "ganz erstaunlich".
Diese "Leute bewiesen unerschütterlichen Oppositionsgeist, sie zeigten
Märtyrergesinnung und waren unbeugsam wie keine andere Gruppe im Lager",
heißt es dort.
Rudolf Grimm (dpa)
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