Donnerstag, 18. März 1999
„Die Glocke“ (großer Saal),
Bremen
Äußerungen von Vertretern
anderer Opfergruppen
Daniel Strauß
(stellv. Vorsitzender des Dokumentationszentrums
deutscher Sinti und Roma)
Sehr geehrter Herr Koschnik,
sehr geehrter Herr Rübsam, Herr Augustin,
Herr Slupina von der Wachtturm-Gesellschaft,
meine sehr verehrten Damen und Herren,
liebe Zeitzeuginnen und Zeitzeugen,
ich möchte mich zunächst recht herzlich
für die Einladung zu Ihrer Fachveranstaltungsreihe hier in Bremen
bedanken.
Zu Beginn möchte ich auch etwas zu der Motivation
sagen meiner Teilnahme an dieser Veranstaltung:
Als Herr Albuszies vom Informationsdienst der
Zeugen Jehovas vor einiger Zeit an mich herantrat, kam von meiner Seite
eine spontane Zusage. "Warum?" mögen Sie fragen. Wenn ich es vor meinem
geistigen Auge noch einmal vorbeigleiten lasse, dann mögen es drei
wesentliche Aspekte gewesen sein:
-
Moral
-
Verantwortung
-
Pflicht.
Nicht etwa vergleichbar mit der Moral und Verantwortung
und Pflichten wie sie staatliche Einrichtungen oder politische Repräsentanten
haben, nein, sondern als Opfergruppe, die allein wegen ihrer biologischen
Existenz einem Völkermord zum Opfer gefallen ist.
Noch vor weniger als 20 Jahren zählten auch
Sinti und Roma zu den sogenannten "vergessenen Opfern". Die Völkermordverbrechen
an Sinti und Roma wurden sogar bis 1982 glattweg geleugnet. Erst zu diesem
Zeitpunkt, 1982, wurde von dem damaligen Bundeskanzler, Helmut Schmidt,
der Völkermord an Sinti und Roma öffentlich anerkannt. Mit dieser
Anerkennung, der sich auch der Oppositionsführer, Helmut Kohl, anschloß,
gab man nicht nur den 500.000 Toten, sondern auch den weniger als 5.000
überlebenden Sinti und Roma aus Deutschland einen Teil ihrer Würde
zurück.
Wie kam es zu dieser veränderten Haltung
gegenüber Sinti und Roma? Nun, der Verband deutscher Sinti und die
Romaniunion veranstalteten am 27. Oktober 1979 gemeinsam mit der Gesellschaft
für bedrohte Völker für die von den Nazis ermordeten Sinti
und Roma eine internationale Gedenkkundgebung im ehemaligen KZ Bergen-Belsen.
Auf dieser Veranstaltung sprach die damalige Präsidentin des Europaparlaments.
Sie selbst war überlebende Jüdin des KZ’s Bergen-Belsen mit Namen
Simone Wehl. Simone Wehl, deren Mutter im KZ Bergen-Belsen ermordet worden
war, wollte uns Sinti und Roma als Jüdin ihre Solidarität erweisen,
und zwar noch bevor sie als schon amtierende Präsidentin des Europaparlaments
zur deutschen Bundesregierung damals sprach. Neben verschiedenen Staatsgästen
hielt Heinz Galinski, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Berlin,
selbst Überlebender von verschiedenen Konzentrationslagern, eine Ansprache,
in der er unmißverständlich die Gemeinsamkeit der Völkermordverbrechen
an Juden und Sinti und Roma deutlich machte. In Bergen-Belsen solidarisierten
sich die Opfergruppen gegen das Vergessen und Verdrängen der bundesrepublikanischen
Öffentlichkeit. Ohne diese Solidarisierung der jüdischen Opfergruppen
und auch der Gesellschaft für bedrohte Völker, die Sinti und
Roma zuteil wurde, würden wir wohl auch heute noch zu den vergessenen
Opfergruppen gehören.
Es waren nicht Wissenschaftler, es waren nicht
Politiker, es waren nicht Historiker und keine Politologen, von einigen
rühmlichen Ausnahmen abgesehen, die ihrer moralischen, historischen
Verpflichtung der Aufarbeitung und Dokumentation der ganzen NS-Verbrechen
nachgekommen sind. Nein, erst als sich die Opfer selbst lautstark in der
Öffentlichkeit zu Wort meldeten, erst dann wurde eine veränderte
Haltung sichtbar. Genau in diesem Sinne möchten wir als ehemals rassistisch
Verfolgte mit unserer Teilnahme an dieser Veranstaltung unsere Solidarisierung
mit den Opfern des religiösen Widerstandes gegen das Vergessen und
Verdrängen ein Zeichen setzen.
Das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher
Sinti und Roma bemüht sich heute nach Kräften, die nationalsozialistische
Politik im Kontext der Vernichtung von Sinti und Roma aufzuarbeiten und
zu dokumentieren.
Bei vielen Zeitzeugengesprächen ist uns immer
wieder von den Bibelforschern, wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden,
erzählt worden. Mir ging es da ganz genauso, wie Herrn Koschnik, mein
Vater ist selbst Auschwitz-Überlebender, und er erzählte mir
sehr häufig von Jehovas Zeugen und wie standhaft sie wirklich zusammengehalten
haben, ja sie bereit waren, ihre tägliche Brotration im Notfall zu
teilen. Wir stoßen immer wieder auf historische Dokumente, immer
wieder auf diese Gruppe von Christen, die sich weigerte, sich an rassistischen
Progromen zu beteiligen.
Hier möchte ich auf ein Grußwort hinweisen,
das Romani Rose, der Vorsitzende des Zentralrats deutscher Sinti und Roma,
vor etwa 1 ½ Jahren anläßlich einer ähnlichen Veranstaltung
ausführte. Er hob insbesondere seine Aufmerksamkeit auf einen ganz
persönlichen Grund hervor. Er erzählte, daß er 13 nahe
Angehörige selbst in den Konzentrationslagern verlor, darunter seine
Großeltern, und er sprach dann seine Hochachtung den Zeugen Jehovas
zu, die als einzige, als religiöse Gruppe, kein Blut an ihren Händen
hatten, an der Ermordung eben seiner Familie. Daß das natürlich
eine wichtige Erkenntnis ist, daß es überhaupt eine geschlossene
Gruppe von Menschen gab, die sich dem widersetzte, die sich nicht daran
beteiligte, an den Mordaktionen an Juden Sinti und Roma, Behinderten und
Andersdenkenden, das ist auch ein wichtiger Erfahrungsschatz, der uns eine
dieser Veranstaltungen eben auch selbst brachte.
Und nicht nur aus dieser Wertschätzung heraus
hat das Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma im vergangenen
September 1998 über sechs Wochen lang eben dieser beeindruckenden
Ausstellung "Standhaft trotz Verfolgung" eine Vortragsreihe dazu angeschlossen
und veranstaltet.
Ich möchte im Folgenden, wie ich meine, nun
auf diese einzigartige Stellung der religiösen Verfolgung von Jehovas
Zeugen hinweisen:
Bereits wenige Monate nach der Machtergreifung
wurden Jehovas Zeugen als religiöse Gruppe verboten. Sie widersetzten
sich geschlossen und entschieden den Forderungen des NS-Regimes, wie beispielsweise
der Mitgliedschaft in NS-Zwangskörperschaften. Von den 1933 als politische
Spezialstrafkammern geschaffenen Sondergerichten wurden bereits tausende
Zeugen Jehovas abgeurteilt. Besonders unbeugsame Gläubige, wie es
hieß, Männer wie Frauen, wurden ab Mitte der 30er Jahre zu Hunderten
bereits in die Konzentrationslager deportiert. Im Gegensatz zu einzelnen
Geistlichen, die in der Regel den roten Winkel für politische Häftlinge
trugen, wurden die Zeugen zu einer eigenen Häftlingskategorie zusammengefaßt
und mit einem lila Winkel stigmatisiert. Zeugen Jehovas wurden unter allen
christlichen Gruppen am umfangreichsten und brutalsten verfolgt. Etwa die
Hälfte aller Zeugen Jehovas waren in Gefängnissen und Konzentrationslagern
inhaftiert und über 2.000 wurden ermordet. Aufgrund dieser besonderen
Art der Verfolgung, der religiösen Widerständigkeit und auch
der damit verbundenen historischen Relevanz wird man die langjährige
Zurückhaltung in Wissenschaft und Öffentlichkeit in bezug auf
die Verfolgung von Zeugen Jehovas nicht allein darauf zurückführen
können, daß vermeintliche Randgruppen in aller Regel nicht angemessen
zur Kenntnis genommen werden. Nein, zum Teil ist diese Nichtthematisierung,
die Nichtanerkennung des Verfolgungsschickals sicherlich auch auf Ressentiments
gegenüber dieser Religionsgemeinschaft zurückzuführen. Ressentiments
sind der Beginn von Vorurteilen, von Vorverurteilungen, und wie es uns
der Nationalsozialismus zeigte, kann dieses Verurteilen auch zu Vernichtung
führen. Die Geschichte lehrt uns also, genauer nachzufragen, zu untersuchen
und uns nicht nur auf mehrheitliche Meinungen zu berufen. In diesem Geiste
darf niemand in unserem demokratischen Rechtsstaat wegen seiner Abstammung
oder Religion benachteiligt oder diskriminiert werden. Kommt es aber nicht
einer Benachteiligung oder Diskriminierung gleich, wenn man 54 Jahre nach
dem dritten Reich auch heute noch nicht auf die Verfolgung von Zeugen Jehovas
hinweist?
Ich weiß nicht, wie die Öffentlichkeit
hier in Bremen darauf reagiert hat, also als ich auf der Reise von Frankfurt
hierher war und die Tageszeitung hier in Bremen aufgeschlagen habe, habe
ich leider keinen Hinweis gefunden auf eine ähnliche Veranstaltung,
zu der ich eingeladen wurde. Ich weiß nicht, wie die Öffentlichkeit
und insbesondere die Presse ihrer Moral und Verpflichtung und auch Solidarität
einer Opfergruppe, die 50 Jahre lang ausgegrenzt wurde, heute noch einen
Stellenwert beimessen darf oder nicht. Ich weiß auch nicht, wie es
in der Vergangenheit bei Würdigungen, Gedenkveranstaltungen in Bremen
gehandhabt wurde, hoffe aber, daß zumindest nach dieser Veranstaltungsreihe
bei öffentlichen Veranstaltungen diese vergessenen Opfergruppen, dazu
gehören selbst auch heute noch Sinti und Roma und Zeugen Jehovas,
dem Vergessen entrissen werden. Bei der Vermittlung von historischen Tatsachen
ist aber nicht nur an diese überregionalen Bildungseinrichtungen,
an die immer wieder gedacht wird, zu erinnern, sondern gerade auch regional
an die Archive der Stadt, an die Schulen. Auch die Bildungseinrichtungen
sind bei ihrem eigenen Anspruch zu erinnern.
Ich möchte meinen Beitrag mit den Worten
von Dr. Detlef Garbe, dem Leiter der Gedenkstätte Neuengamme, schließen,
der sagte: "An der Tatsache, daß die Zeugen Jehovas im nationalsozialistischen
Deutschland aufs Ganze betrachtet mutiger bekannt, treuer gebetet, fröhlicher
geglaubt und brennender geliebt haben, als viele andere Christen, geht
kein Weg vorbei."
In diesem Sinne wünsche ich Ihrer Veranstaltung
einen weiteren erfolgreichen Verlauf.
Transkription: Katrin Weber, Osterholz-Scharmbeck
(Scharmbeckstotel) |