Donnerstag, 18. März 1999
"Die Glocke" (großer Saal),
Bremen
Grußwort Hans Koschnik
(Bundesbeauftragter für Bosnien,
Altbürgermeister Bremen)
Meine sehr verehrten Damen, meine Herren,
als ich gebeten wurde, die Ausstellung zu eröffnen,
habe ich gerne "Ja" gesagt. "Ja" gesagt auch deshalb, weil ich in einigen
großen Veranstaltungen, die die Zeugen Jehovas in Bremen abgehalten
haben, immer wieder Reflexionen gespürt habe, die sowohl auf
der einen Seite mit der Standhaftigkeit und der Bereitschaft zu bekennen,
zusammenhingen, und auf der anderen Seite auch kennengelernt habe, das
Wirken ihrer Gemeinschaft im Sinne eines neuen Wertebewußtseins in
einer Zeit, wo Werte immer fragwürdiger werden. Nicht für mich
fragwürdiger werden, aber in der Öffentlichkeit als solche nicht
mehr verstanden werden.
Ich habe auch gerne "Ja" gesagt aus einem ganz
anderen Grunde: Ich habe nicht in meinem Elternhause zu viel erfahren von
den Zeugen Jehovas, das wäre völlig übertrieben, wenn ich
das sagen würde, aber mein Vater und meine Mutter sind '33, Mutter
'34, eingesperrt worden, mein Vater kam dann '39 wieder und hat als Gefängnisinsasse
aber später als Zuchthausinsasse und dann als - wie nennt man das?
- Schutzhäftling in Sachsenhausen/Oranienburg später, als ich
14 wurde, berichtet von dem, was er erlebt hat. Erlebt hatte mit seinen
Freunden, die mit ihm inhaftiert waren aus politischen Gründen, was
er erlebt hatte mit denen, die aus es religiösen Gründen waren,
und zunächst dachte man, das ist nun die evangelische oder die katholische
Seite. "Nein", sagte er, "was wir insbesondere erlebt haben, die im besonderen
Maße der Verächtung unterlegen waren, in dem System bevor der
Krieg begann, es waren die Zeugen Jehovas." Die damaligen Führungskräfte
der SS und der SA haben in besonderer Weise versucht, das eigenbestimmte
Bewußtsein der Jehovas Zeugen in einer Zeit der Staatsvergötterung
und ihr deutliches "Ja" zu Gott aber nicht zu den Dingen, die auf der Welt
geschehen, in der Form, wie wir es erlebt haben, zu bekräftigen und
durchzustehen. Die unterschiedliche Zeichnung deutlich werdend, daß
ja jemand einen ganz anderen Weg geht, schwer nachvollziehbar für
diejenigen, die unter parteipolitischen Strukturen in die Machtfunktionen
gelangt waren, waren das, was in besondere Weise war. Dann später
hatte er erlebt, als er selbst Soldat zweiter Klasse wurde, wie ja die
Schneefliegen genannt wurden, wie die Menschen auch noch umgebracht wurden,
die "Nein" sagten zum Waffenbereich und sagten: "Wir wollen unser Leben
anders gestalten, und wir wehren uns, vom Staat in die Pflicht genommen
zu werden für Dinge, die uns verboten sind. Verboten aus unserer sittlichen,
religiösen Überzeugung." Das war etwas, was mir Mut machte, mich
etwas mehr mit ihnen zu beschäftigen, was heißt zu beschäftigen.
Ich treffe doch Jehovas Zeugen, nicht nur am Hauptbahnhof, wenn sie stehen
und sagen: "Wir bekennen uns". Ich habe sie bei mir zu Hause am Samstag,
häufig genug, kaum ist man aus der Falle draußen, klingelt es
und man will ein Gespräch mit mir, und wir nehmen das Gespräch
auf, natürlich. Ich bin überzeugter Protestant, aber ich spüre
einfach, hier kommen Menschen, die vertreten das, was sie für wahr
halten, und zwar NICHT in einer Form, wie ich es in Bosnien erlebt habe,
im Sinne der Erpressung der anderen, die anderer Meinung sind, sondern
der Suche nach dem Gespräch und die Hinführung auf dessen: "Können
wir nicht Wege finden, können Sie nicht Wege finden, doch noch einmal
mehr zu lesen, noch einmal mehr nachzudenken, doch einmal mehr zu prüfen,
ob das, was Sie sagen oder was wir sagen, nicht doch in der Substanz, nicht
nur vom Werte her bestimmt ist, sondern auch von der Wahrheit?
Denn letzten Endes ist bewußtes Leben,
wenn wir es richtig verstehen, ein Leben für das, was wir für
wahr halten. Was wir nicht nur predigen, sondern was auch zu Hause gelebt
werden muß, was in der Familie einen Niederschlag findet, im Büro
soll jemand wissen: "Ich stehe dazu, bekenne mich dazu, wir sind Kollegen
im Beruf, aber bitte: Dies ist meine Position und wollen wir sprechen?
Ich will Dir gerne sagen, warum ich diesen Weg gegangen bin und dazu stehe.""
In einer Zeit, wo Bekenntnisse klein geschrieben
werden und das Durchmogeln groß, sind Jehovas Zeugen Beispiel dafür,
daß das Leben auch anders sein kann. Heute führt das vielleicht
zu einem hämischen Lächeln bei dem einen oder anderen, Unverständnis
bei dem einen oder anderen, es nicht begreifen wollen und nicht begreifen
können bei diesem und jenem, aber in der Nazi-Zeit war das anders.
Schauen Sie, meine Eltern sind aus politischen Gründen, sie haben
vor '33 gegen Hitler gekämpft, inhaftiert worden. Sie wußten
und wissen, was sie taten, sie taten es, und sie haben dafür gestanden.
Andere haben nur ihren Glauben gelebt, haben nur versucht, das, was sie
für wahr halten, wahrzuhalten und dafür einzutreten, ohne einen
anderen in die Auseinandersetzung zu begeben, sondern dafür zu werben,
den richtigen Weg zu gehen. Daß die geschunden wurden, war nicht
zu begreifen, aber sie wurden geschunden. Mit dem Gesetz von '35, als Jehovas
Zeugen in Deutschland aufgelöst wurden, falls man Jehovas Zeugen auflösen
kann, sage ich, aber formal aufgelöst wurden, damals, als sie aus
dem öffentlichen Dienst rausflogen, als wenn sie Staatsfeinde wären,
Feinde der Volksgemeinschaft, dabei war genau bei ihnen eben nicht zu spüren,
daß sie dem Nächsten nicht Nächste sein wollten, aber auf
ihre Weise und auf ihre Art.
Als die Inhaftierung kam, als die Verfolgung kam,
als die Diskriminierung kam, als die gesellschaftliche Ächtung und
staatliche Gewalt immer stärker wurde, haben Jehovas Zeugen gestanden,
standgehalten gegen einen Druck, bei dem man keinem etwas vorwerfen darf,
falls er schwach geworden wäre. Keinem wünsche ich, in eine solche
Situation gedrängt zu werden, um zu beweisen, daß er standhalten
kann. Aber schön ist es zu wissen, daß es trotz schrecklicher
Bedrohung dieses Standhalten gibt und das Für-Wahr-Halten wichtiger
ist.
Ich habe in Bosnien erlebt, was es hieß,
wenn Menschen aus religiösen Gründen zum Teil, überwiegend
aus nationalen Gründen, übereinander herfielen. Ich habe gesehen,
daß Unbegreifliches geschehen ist, und es war nicht zu verstehen,
was Frauen und Kinder und Männer durchgemacht haben. Ich habe gespürt
und ich spüre noch, wie derjenige nicht akzeptiert wird, der nicht
bereit ist, die Waffe zu nehmen und für irgendein Ideal zu kämpfen,
sondern zu sagen: "Es ist mir nicht erlaubt. Laßt uns den Weg der
friedlichen Verständigung gehen."
Ich habe vieles dazu lernen müssen in den
Tagen des Balkans, und ich bin ja jetzt noch dort tätig. Aber ich
habe aus der Zeit zwischen '33 - '45 Mut geschöpft, nicht nur aus
der eigenen Familie, nicht nur im Kreis der Freunde, sondern aus dem, was
wir gemeinsam erlebt haben, was wir erfahren haben, und ein bißchen
von der Stärke, mit den Problemen der heutigen Zeit fertig zu werden,
hängt damit zusammen, auch das immer stärker gewachsene Bewußtsein:
Wir alle sind in der Hand des Allmächtigen, kein einziger von uns
kann allein bestimmen, was wird. Wenn das so ist, dann bleibt die nächste
Frage: Und wie handeln wir in der konkreten Wirklichkeit des Tages? Diejenigen,
die zwischen '33 und '45, und sehr viel später sind sie ja auch nicht
besser in der DDR behandelt worden, gestanden haben, für ihre Überzeugung
eingetreten sind, sind nicht nur Zeitzeugen. Das ist das geschichtliche
Ergebnis. Sie sind Beispiel geworden für uns. Dem Beispiel sollten
wir nacheifern, aber alles tun, wenn irgendwo möglich, daß wir
nie wieder in solche Bedrängungen kommen durch die Schuld von Menschen,
aber im anderen, im Wissen, was uns geboten ist.
Ich bin sehr froh darüber, daß Ihre
Ausstellung nach Bremen gekommen ist, jetzt bald gesehen wird. Weil die
Menschen auch damit endlich einmal begreifen, was eine kleine Schar aufrechter,
bewußt stehender Menschen, gläubig überzeugt und danach
handelnd in schwierigsten Zeiten ein für Martyrium durchmachen mußt
und zur gleichen Zeit, dennoch nicht mit dem Schreien nach Vergeltung und
Rache, wieder angefangen hat, die Gemeinschaft aufzubauen und sie weiterzutreiben,
größer zu machen, weiter werden zu lassen.
Dies alles gebietet, daß ich Ihnen Dank
sage. Dank sage für die, die gestanden haben, aber auch denen, die
ihr Leben gelassen haben, und wir wissen ja, wie viele mit dem Vorwurf
angeblicher Feigheit ihr Leben verloren haben, ohne Gerechtigkeit, durch
nackte Gewalt, und diejenigen, die immer wieder versucht haben, die Menschen
daran zu hindern, daß es mehr gibt, als das staatliche Geschehen
des Tages. Ich wünsche mir, daß wir viele Menschen haben, die
aus ihrer Überzeugung heraus bekennen und standhaft sind. Ich wünsche
mir, daß wir Beispiele setzen können, Sie und andere, für
etwas, was werthaltiger ist, als nur der tägliche Kampf um den Überfluß
und daß etwas bleibt, was uns weiterträgt, wissend, daß
wir nicht allein sind, keiner lebt sich selbst allein. Gemeinsam haben
wir Aufgaben wahrzunehmen. Gemeinsam heißt nicht, daß jeder
gleichgläubig ist, nicht gleich denkt, nicht die gleiche Position
hat, aber daß jeder dafür eintritt, was er für wahr hält,
um den anderen deutlich werden zu lassen: "Es gibt auch einen andere Chance,
prüfe Dich selbst und suche Deinen Weg."
Daß dies möglich ist, in der Ausstellung
gezeigt zu werden, dafür bin ich dankbar und den Veranstaltern natürlich
heute abend auch, und ich wünsche uns gemeinsam, daß wir viele
finden, die bereit sind, im Positiven einen solchen Weg mitzugehen und
falls der Schrecken kommt, auch im Schrecken standhaft bleiben zu können.
Das ist mein Wunsch, meine Hoffnung und mein Dank.
Transkription: Katrin Weber, Osterholz-Scharmbeck
(Scharmbeckstotel) |