Donnerstag, 18. März 1999
"Die Glocke" (großer Saal),
Bremen
Entrechtet, verboten, verfolgt
Wolfram Slupina (Vertreter der
Wachtturm Gesellschaft)
Sehr geehrter Herr
Koschnik, sehr geehrter Herr
Strauß, sehr geehrter Herr Rübsam, sehr geehrte Damen und
Herren, liebe Zeitzeugen.
Ich freue mich, als Vertreter der Vidiodokumentation
Standhaft trotz Verfolgung auch an diesem Abend zu Ihnen sprechen zu können
bei dieser Veranstaltung und ich freue mich auch darüber, daß
diese Veranstaltung bereits die 379ste mittlerweile seit der Videoprämiere
am 6. November 1996 ist. Und sehr oft stand ja auch wie heute abend die
Videodokumentation als Höhepunkt im Raum in Verbindung mit Zeitzeugengesprächen,
aber 220 mal war begleitend auch dazu die Ausstellung zu sehen, die mittlerweile
von mehr als 340.000 Personen gesehen worden ist. Das zeigt uns sehr deutlich,
daß dieses Thema in den Blickpunkt der Öffentlichkeit gerückt
worden ist. Darüber freuen wir uns auch und auch darüber, daß
gerade seit ein paar Wochen auf einer begleitenden Broschüre zu dieser
Ausstellung vorhanden ist, die dann ab morgen wie ich denke auch in Verbindung
mit dieser Ausstellung ausgegeben wird. Eine 32seitige Broschüre,
wo auch die Schicksale oder die Verfolgungsgeschichte von einzelnen Zeugen
Jehovas aufgezeichnet ist und so auch mitgenommen werden kann und dann
nach dieser Ausstellung zu irgend einem Zeitpunkt noch einmal reflektiert
werden kann.
Nun, es war ein Ausspruch der in der Süddeutschen
Zeitung vor ein paar Monaten zu lesen war: "Der schlimmste Feind der Erinnerung
ist nicht das Vergessen sondern die Unfähigkeit, die Geschichte zu
verstehen und zu angemessenen Schlußfolgerungen zu kommen." Und diese
Veranstaltung als Eröffnung zu dieser Ausstellung ist ja oder thematisiert
die Geschichte von Jehovas Zeugen gerade während des "Dritten Reiches"
aber auch in Verbindung mit anderen Opfergruppen, wie das durch den Beitrag
von Herrn Rübsam und auch von Herrn Strauß zu sehen war. Geschichte,
was ist Geschichte? Wenn man das ganz einfach einmal beschreiben möchte,
so könnte man sagen, sie besteht aus einer Vielzahl von Geschichten,
die erzählt werden von Zeitgenossen, die sich erinnern können
und die sich erinnert wollen. Jeder kann als Zeuge nützlich sein trotz
seiner Subjektivität. Wollen wir der Wahrheit näher kommen, so
sagt einmal Margret Bouverie in der Geschichte des Berliner Tageblattes
wird es nötig sein, jeden unabhängig von der Gruppe, der er angehört
als einmalige Person zu betrachten. Und auf die bisher allzu häufig
geübte Praxis zu verzichten, die Zeugen aufgrund ihrer Zugehörigkeit
zu bestimmten Gruppen von vornherein zu be- oder sogar zu verurteilen.
Ja Geschichte auch von Einzelnen die wir noch nicht einmal namentlich kennen,
die Geschichte desjenigen, der z..B. diese echte Häftlingsjacke trug.
Wir sehen es war ein Zeuge Jehovas, gekennzeichnet durch diesen lila Winkel.
Allerdings wissen wir heute nicht mehr den Namen. Personen verloren im
KZ den Namen und diese wurden durch eine Nummer ersetzt. Die Nr. ist 1876.
Dieser Häftling erlebte seine Befreiung und war danach auch bei einer
Familie mit anderen Häftlingen, Zeugen Jehovas und hat dort seine
Häftlingskleidung vertauscht gegen andere. Man weiß heute nicht
mehr, wem diese Jacke direkt gehörte, aber sie steht stellvertretend
für die Geschichte eines einzelnen für die Geschichte einer Opfergruppe,
der wir ja auch gerade zu diesem Anlaß ganz besonders gedenken.
Die Beiträge, die Erfahrungen von anderen
Zeitzeugen, auch von Historikern zeigt ganz eindeutig, das brachte bei
einer ähnlichen Veranstaltung im Januar Prof. Schmidt-Jorzig der ehemalige
Bundesjustizminister folgendermaßen zum Ausdruck: "Sie haben ihr
Los immer still und in großer Duldsamkeit getragen, aber waren in
ihrer Standhaftigkeit und Unverzagtheit ganz speziell bewundernswert. Es
ist gut daß das Leid dieser großartigen glaubensfesten Menschen
jetzt einer breiten Öffentlichkeit in Erinnerung gerufen wird, ja
vielen in seinem Ausmaß sicherlich erstmalig deutlich gemacht werden
kann."
Viele Besucher sagen uns auch, nachdem sie
diese Veranstaltung oder auch die Ausstellung besucht haben, zum erstenmal
festgestellt, daß die Gruppe der Bibelforscher so wie sie ja meistens
von den Nationalsozialisten dokumentiert wurden und auch die Gruppe der
Zeugen Jehovas ein und dieselbe Gruppe ist. Das hat uns erst kürzlich
auch eine Oberschulrätin gesagt. Sofern sehen wir, daß damit
also auch eine Aufarbeitung der Geschichte auch für die Öffentlichkeit
verbunden ist.
Aber was auch oft im Raum steht ist die Frage,
warum haben J.Z. erst 50 Jahre oder länger gebraucht, um ihre Geschichte
aufzuarbeiten. Interessanterweise kann man sagen, daß von 1933 bis
1945 als großen Teil der Weltbevölkerung Namen wie Ausschwitz,
Buchenwald oder Dachau Sachsenhausen noch unbekannt waren, J. Z. in ihren
Publikationen bereits auf die Existenz von solchen KZ hingewiesen haben.
Berichte von Inhaftierten Z. J. wurden hinausgeschmuggelt und wurden dann
der breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht. So kann man darauf hindeuten,
und das zeigt ein Historiker, daß bis 1940 bereits in den Publikationen
der Z. J. 20 verschiedene Lager namentlich genannt worden sind, u. a. auch
auf die Vernichtungsmaßnahmen der Nationalsozialisten in Bezug auf
Sinti und Roma oder auch auf Juden und andere wie Griechen, Polen und Serben
hingewiesen haben. Diese Berichte wurden unter Einsatz ihres Lebens hinausgeschmuggelt
und der Öffentlichkeit bekanntgemacht. Als Historiker stellt Dr. Detlef
Garbe zurecht fest: "Im Gegensatz zu anderen, die zu den vergessenen Opfern
zählen empfinden die einzelnen Z. J. ihre Verfolgung im Nationalsozialismus
nicht als lebensgeschichtlichen Makel, den es im Nachkriegsdeutschland
zu verschweigen galt. Vielmehr gehört für sie die Verfolgungserfahrung
wie selbstverständlich zu ihrer Identität.
Frau Dr. Elke Imberger zeigt in ihrem Werk "Widerstand
von unten„ sehr treffend. Sie sagt: "Während der ganzen NS Zeit in
Deutschland keine andere Widerstandsorganisation, die eine vergleichbare
Initiative durchgeführt hat." Allerdings und das muß auch hervorgehoben
werden, widerstrebt es dem biblischen Verständnis von J. Z. eine Dokumentation
aufgrund Haß, Genugtuung oder zum Zwecke von Wiedergutmachung zu
erstellen. Das ist auch das Erstaunliche bei der Befragung oder in Gesprächen
mit Zeitzeugen von J. Z. die durch diese schreckliche Periode in den KZ
oder Zuchthäusern oder anderweitig durchgegangen sind. Detlef Garbe
stellt korrekt fest: "Das Bemühen, ihren Glauben standhaft zu bewahren,
die ihnen auferlegte Bewährungsprobe zu bestehen und sich somit als
wahre Zeugen ihres Herrn Jehova zu erweisen, stand bei ihrem Tun deutlich
im Vordergrund. Widerstand. d. h. geistlicher, geistiger oder religiöser
Widerstand oder Widerstand aus christlicher Überzeugung eine offensive
Verweigerungshaltung. Darunter ist also kein politischer Widerstandsbegriff
zu subsummieren, war für sie, so sagt er, ein Bekenntnisakt. Und diesen
Bekenntnisakt, das Vermächtnis ihres Glaubens, ihres Mutes und des
Triumphes haben J.Z. in den verflossenen über 50 Jahren anhand von
etwa 250 persönlichen Erinnerungs- oder Lebensberichten und Benennungen
von Zeitzeugen oder Opfern hinreichend bis zu 128 Sprachen würdigend
dokumentiert und in einer Einzelauflage von bis zu über 22 Millionen
Exemplaren veröffentlicht. Das ist nicht ein unwesentlicher Beitrag
zur geschichtlichen Aufarbeitung der hier schon seit vielen Jahren vonstatten
geht.
Auf der anderen Seite müssen wir auch sagen,
daß die Aufarbeitung nicht ein persönlicher Rachefeldzug ist,
gegen die Verfolger. Deshalb haben J. Z . als Verfolgt auch keine Prozesse
gegen die Verfolger angestrengt und ihre kompromißlose und unerschütterlichen
Glaubens waren sie durch diese Erfahrungen gegangen und ihre wiedererlangte
Freiheit nach dem Krieg, nach der Befreiung aus den KZ wollten sie auch
in diesem Sinne nutzen. So galt es nach dem Krieg erst einmal die in Mitleidenschaft
gezogenen Gemeinden wieder aufzubauen auch in religiöser, geistlicher
Hinsicht zu betreuen und natürlich auch in erster Linie die Sorge
um ihre eigenen Familien. Wie wir das bereits von Herrn Strauß gesehen
und gehört haben, ist ja erst spät die Aufarbeitung der Geschichte
der Verfolgungsgeschichte der Sinti und Roma in dieser Zeit erfolgt. Außerdem
wurde die Standhaftigkeit der Z. J. in der gerade bewältigten Vergangenheit
sogar noch einige Jahrzehnte nach Kriegsende von den meisten politischen
und religiösen Vertretern nicht angezweifelt. Ihre Verfolgung unter
den Nationalsozialisten war damals noch nicht vergessen und hier sind auch
einige Beiträge hervorzuheben z. B. auch von Pastor Martin Niemöller,
nach dem Krieg von 1947 bis 1964 Kirchenpräsident der evangelischen
Kirche in Hessen-Nassau oder auch das Zeugnis von Hans Lilje, als langjähriger
Landesbischhof der evangelischen lutherischen Landeskirche Hannover oder
auch die Zeugnisse die von Exil SPD in Prag herausgegebenen Deutschlandberichten
zeigen ganz besonders auch die Standhaftigkeit der Z. J. dieser Opfergruppe
erfuhr. In letzter Zeit hat sich die Situation jedoch verändert. Einerseits
durch gewisse Tendenzen in der Öffentlichkeit ist das Interesse an
der historischen Aufarbeitung gewachsen und das sehen wir auch bei diesen
Veranstaltungen und in Verbindung mit diesen Veranstaltungen werden auch
Recherchen vor Ort dieser Opfergruppe durchgeführt und man kann sagen,
daß im Schnitt so etwa 100 Lebensschicksale jede Woche dadurch aufgearbeitet
werden. Andererseits steht durch die Tatsache, daß die Überlebenden
des Holocoust immer weniger werden, auch ein gewisses biologisches Problem
und darauf wies bereits Theodor Heuß 1945 in einer Rede mit Bezug
auf die Opfer des Nationalsozialismus hin indem er sagte: "Wir Lebenden,
wir Überlebenden stehen noch im unmittelbaren Eindruck. Wir kannten
den und den, der nicht mehr ist. Wir wissen von den Qualen in denen er
unterging. Sind viele auch heute in diesem Hause, die Verfolgung, Demütigung,
Gefängnis, Zuchthaus, KZ erlitten, sie sind in ihrem Sein in ihrem
Erzählen die anklagenden Zeugen der schlimmen Jahre. Aber auch sie
wie wir werden eines Tages nicht mehr sein. Namen oder ein Schall und Rauch?
Werden diese Namen dann in Erinnerung verblassen? Wann wird das alles gewesen
sein, vergessen. Vielleicht ein Haufen Material für Historiker und
Romanschriftsteller? Aber gerade das darf nicht eintreten."
Deswegen sind Jehovas Zeugen auch bemüht,
die Geschichte, ihre Verfolgungsgeschichte ihrer Glaubensbrüder, ihrer
Glaubensschwestern auch in Form einer solchen Art und Weise zu dokumentieren.
Ein zweites Problem schließt sich an. Nicht
nur das biologische Problem der Zeitzeugen sondern heute muß auch
darauf hingewiesen werden, daß eine andere Generation die Gesellschaft
unseres Landes präsentiert. Junge Leute heute wissen nicht mehr, daß
die Bibelforscher die so an den Gedenkstätten genannt sind und Zeugen
Jehovas ein und dieselbe Häftlingsgruppe darstellen. Die Nationalsozialisten
wird heute von nicht wenigen heroisiert und die damit verbundenen Greuel
bewußt vergessen. Darauf verwies der Philosoph.
Transkription: Jens-Peter Ehlers,
Osterholz-Scharmbeck
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